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Dresdens coolste Geschwister

Josephine und Tobias Schlörb finden das Phänomen der ewigen Claudia Pechstein traurig und schreiben ihre eigene Erfolgsstory.

Wer ist stärker? Für den Fotografen berühren sich die beiden Geschwister Josephine (l.) und Tobias Schlörb sogar. Die Teenager fremdeln hin und wieder trotz der Familienbande miteinander, was in dem Alter aber normal ist. Im Zweifelsfall halten Bruder und
Wer ist stärker? Für den Fotografen berühren sich die beiden Geschwister Josephine (l.) und Tobias Schlörb sogar. Die Teenager fremdeln hin und wieder trotz der Familienbande miteinander, was in dem Alter aber normal ist. Im Zweifelsfall halten Bruder und © Thomas Kretschel

Pechstein hier, Pechstein da. Über die streitbare Galionsfigur identifiziert sich die Eisschnelllauf-Sparte innerhalb des Deutschen Verbandes (DESG) mangels personeller Alternativen bereits seit Jahren.

„Sie ist älter als unsere Mutter“, sagt Josephine Schlörb. Der Nachwuchsathletin vom Eislauf-Verein Dresden ist jüngst ein Kunststück gelungen, das wahrscheinlich auch der 47-jährigen Claudia Pechstein Respekt abnötigt. Die 15-Jährige holte sich in der Altersklasse C 2 den deutschen Meistertitel im Mehrkampf – am selben Tag, am selben Ort, an dem ihr 13-jähriger Bruder Tobias Schlörb den Mehrkampftitel in der D 2 eroberte. Mit dem außergewöhnlichen Doppelerfolg auf dem Eis dürften die Schlörbs die coolsten Geschwister Dresdens sein. „Ich finde es ein bisschen traurig, dass von unten keine mehr kommt, die sie ablösen kann“, sagt Tobias. Seine Schwester ergänzt: „Frau Pechstein soll so lange laufen, bis jemand besser ist“, findet die Dresdnerin.

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An sich denkt Josephine Schlörb trotz des größten Erfolgs ihrer bisherigen Karriere dabei noch nicht. „Ich traue mich nicht, zu träumen, weil ich Angst davor habe, dass ich es nicht schaffe und dann von mir selbst enttäuscht bin“, sagt sie. Deshalb plant und denkt sie in kleinen Etappen. Die Saisonleistung beispielsweise im kommenden Jahr zu wiederholen – mindestens. Und vielleicht ihrem Bruder wieder ein Stück näher zu kommen. Die beiden Kufentalente sind in einem schwierigen Alter. Da muss man sich als Bruder und Schwester nicht unbedingt durchweg mögen, sondern fällt sich eher auf den Wecker. „Jaaaa“, verdeutlicht Tobias und verdreht halb zum Spaß, halb im Ernst die Augen.

Früher kaum miteinander geredet

Doch seit die Geschwister in der gerade abgelaufenen Saison in einer Trainingsgruppe sind, habe sich das familiäre Verhältnis deutlich gebessert. „Es normalisiert sich gerade, es gab Zeiten, da haben wir gar nicht miteinander geredet“, gibt Josephine zu. Blut ist vielleicht sogar manchmal dicker als Eis. „Als er seinen Titel gewonnen hat, war ich bei ihm aufgeregter als bei mir. Ich habe ihn so angefeuert, dass ich meine Erwärmung unterbrochen habe“, sagt sie.

Ihrem Bruder fällt es gar nicht so leicht, diese freimütige schwesterliche Wärme anzunehmen. Der junge Kerl fühlt sich als Jüngster in der Trainingsgruppe nicht nur sportlich manchmal abgehängt. „Ja“, sagt er, „ich bin da ein Außenseiter“, verdeutlicht der Achtklässler. Wenn ihm das unangenehm ist, sieht man es Tobias zumindest nicht an.

Und doch konnten beide just in dieser Saison ihren bislang größten Erfolg feiern. Gefühlt auch gemeinsam. Es muss da zwischen beiden eine Kraft geben, die die Geschwister vorantreibt. Und wenn es die Jagd nach dem internen Familienrekord ist. „Ich kann mir bei ihm abgucken, dass er alles nicht so ernst nimmt, dass er bissel lockerer rangeht“, erzählt die große Schwester. Das Kompliment, wenn es denn als solches gemeint war, kommt prompt zurück. „Sie ist motivierter im Training, ist ernsthafter dabei als ich“, antwortet Tobias. Vielleicht finden die Schlörbs künftig einen gemeinsamen Mittelweg. „Der Tobias ist ein Riesentalent mit großer Perspektive“, lobt Trainerin Heike Reinwarth. „Er kann im Eisschnelllauf alles“, erklärt die engagierte Trainerin.

Schwester Josephine hingegen muss sich mehr erarbeiten. Aber das tut sie auch. „Sie ist enorm gründlich und fleißig“, betont Reinwarth. Dabei ist offenbar bei beiden Talenten noch genug Luft nach oben. Während die Elite sich auf maßgefertigten Hightech-Schlittschuhen durch die engen Kurven bewegt, tun das die Geschwister Schlörb im Regelfall auf gebrauchtem Material. „Die beschaffen wir uns über die Materialbörse des Vereins. Man braucht ja auch nicht jedes Jahr neue“, erklärt Josephine schulterzuckend. Neuanschaffungen wären auch zu teuer.

Aufschwung trotz alter Eisbahn

Durchaus möglich, dass die beiden Talente in dieser Hinsicht bald von dem erstaunlichen Aufschwung des Eislauf-Vereins Dresden profitieren können. Denn die Geschwister Schlörb – sind im positiven und metaphorischen Sinn – nur die Spitze des Dresdner Eisbergs. Vor zwei Wochen schickte die DESG sieben Athleten aus Dresden, und damit so viele wie noch nie, zum Viking Race nach Heerenveen, eine Art inoffizielle Jugend-EM.

Bereits zum zweiten Mal in Folge ist der Klub in den Altersklassen 12 bis 15 deutschlandweit der erfolgreichste. Und das, obwohl die Dresdner auf der einzigen in Deutschland noch existierenden 333-Meter-Freiluftbahn trainieren, die Bundesstützpunkte in Inzell, Erfurt und Berlin sind mit teilweise hochmodernen 400-m-Bahnen ausgerüstet. „Ich glaube, von unten kommt hier im Moment immer mehr guter Nachwuchs hoch“, sagt Josephine Schlörb. Darüber dürfte sich auch Claudia Pechstein freuen.

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