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Allein auf grüner Flur

Wenn Mutter Natur eine Tochter in Dresden hätte, dann wäre es wohl Kerstin Richter. Ihre Mission: Schülern den Ernst der Lage näherbringen.

"Bäume oft kaum noch zu retten": Kerstin Richter hat ihr Leben dem Umweltschutz gewidmet.
"Bäume oft kaum noch zu retten": Kerstin Richter hat ihr Leben dem Umweltschutz gewidmet. © Marion Doering

Dresden. Plastikstrohhalme, eine Kippenschachtel und eine alte Einwegmaske. Kerstin Richter kommt mit zwei Händen voller Müll zum Treffpunkt. Flugs verschwindet der Unrat, den sie gerade am Rand des Großen Garten gesammelt hat, im Mülleimer. Dann kann es weitergehen.

Bei der 56-jährigen von einem Engagement für die Natur zu sprechen, wäre maßlos untertrieben. Diese Frau lebt und atmet den Umweltschutz. Oder anders gesagt: Hätte Mutter Natur eine Tochter in Dresden, dann wäre es wohl Kerstin Richter.

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Schon als Kind in Niesky sei sie mit ihrem Vater, einem Apotheker, auf der Suche nach Heilkräutern durch Wald und Heide gepirscht. In den 80er-Jahren zog sie dann für ihr Fachschulstudium zum Pharmazie-Ingenieur nach Dresden und entschied sich Ende der 90er noch für eine Ausbildung zur Chemielaborantin. Seit einigen Jahren darf sie sich zudem Staatlich zertifizierte Waldpädagogin sowie Natur- und Landschaftsführerin nennen. All das sind aber nur Titel. Ihre wichtigste Mission ist es seit inzwischen zwölf Jahren, Sachsens Schüler für die Folgen der Erderwärmung zu sensibilisieren und ihnen Mittel und Wege aufzuzeigen, selbst etwas für ihre Umwelt zu tun.

Auf eigene Faust hat Kerstin Richter dafür in den vergangenen zwölf Jahren das Bildungsprojekt "Sachsen im Klimawandel" aufgebaut, das unter dem Dach des Vereins "Haus der Kongresse für Umwelt, Bau und Verkehr Dresden" Obhut gefunden hat.

Fast 400 Seminare an sächsischen Oberschulen und Gymnasien hat sie über die Jahre schon gegeben - ehrenamtlich wohlgemerkt. "Das allererste Seminar war eine Katastrophe", erinnert sie sich. Sie habe keine Ahnung von Powerpoint gehabt und habe den verdutzten Zuhörern riesige Tabellen vor die Nase gesetzt. Von diesem für alle Beteiligten unschönen Erlebnis an sei es jedoch stetig aufwärts gegangen. 

Wenn sie heute auf eigene Kosten ihre rund 500 Briefe mit dem Seminarangebot an die Schulen schickt, kann sie immerhin mit 40 bis 50 positiven Rückmeldungen rechnen. Allerdings sei die Bereitschaft der Schüler für die Beschäftigung mit ihren Themen sehr unterschiedlich stark ausgeprägt. Während viele Gymnasiasten nicht zuletzt durch Greta Thunberg deutlich stärker für den Klimawandel sensibilisiert worden seien, habe sie an Oberschulen einen zunehmend schweren Stand. "Natürlich gibt es da Ausnahmen, aber der Trend ist eindeutig", sagt sie.

In Hunderten Seminaren führte Kerstin Richter sächsischen Schülern die Bedeutung des Umweltschutzes vor Augen.
In Hunderten Seminaren führte Kerstin Richter sächsischen Schülern die Bedeutung des Umweltschutzes vor Augen. © privat

Um stets die aktuellsten Daten in ihre Vorträge einzubauen, arbeite sie oftmals ganze Nächte hindurch. "Mit einer 40-Stunden-Woche komme ich nie aus." Ihr eigenes Pensum könnte locker drei oder vier Mitstreiter in einem Verein beschäftigen. Für die meisten kaum vorstellbar: Geld verdient sie damit nicht - und hat auch keine Ressourcen für einen Job nebenbei. Finanziell wird die Dresdnerin stattdessen von ihren Eltern unterstützt. 

Immerhin, ganz unbemerkt bleibt ihr Einsatz nicht. Vor zwei Jahren erhielt Kerstin Richter beim 19. Wettbewerb der Lokalen Agenda 21 für Dresden einen "Sonderpreis für herausragendes Engagement in der nachhaltigen Entwicklung." Nicht dotiert natürlich.

Wenn Kerstin Richter jetzt im Spätsommer doch mal ein bisschen Zeit hat, dann streift sie gern durch den Großen Garten, so wie heute. "Zum Glück hat es jetzt nach langer Zeit mal wieder richtig geregnet", sagt sie. "Wiesen und Äcker erholen sich ziemlich schnell." Sträuchern und großen Bäumen wie Rotbuchen habe der Trockenstress der vergangenen Jahre dagegen so zugesetzt, das sie oftmals kaum noch zu retten seien. 

Jede abgestorbene Pflanze und jede neu mit Beton versiegelte Fläche in Dresden schmerzt Kerstin Richter. "Die Leute sollten endlich verstehen, dass nicht nur die große Politik für den Umweltschutz zuständig ist", sagt sie. Vielmehr sei die Rettung jedes einzelnen Bäumchens ein wertvoller Beitrag zur Stabilisierung des Klimas. 

Kerstin Richter ist selbst Vorbild, nicht als Funktion sondern aus Überzeugung. Sie ernährt sich weitgehend vegan, fliegt nicht um die Welt und setzt sich höchstens zwei oder dreimal im Jahr widerwillig in ein Auto, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.  "Man staunt aber, wie man mit öffentlichen Verkehrsmitteln und den eigenen Füßen selbst an die entlegensten Orte kommen kann", sagt sie.

Kurzfristig liegt Kerstin Richter in diesen Tagen besonders ein von ihr initiierter Vortrag am Herzen, der am Mittwoch, 9. September, im Plenarsaal des Rathauses am Dr.-Külz-Ring gehalten wird. Wolfgang Socher, Leiter des Dresdner Umweltamtes, wird dort zur Frage referieren, wie die sächsische Landeshauptstadt auf den Klimawandel reagieren sollte und wird. Eine Anmeldung unter [email protected] wird erbeten.

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