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Dresdens größte Fabriken ohne Kurzarbeit

Globalfoundries und Infineon produzieren auch in Corona-Zeiten wie bisher. Doch ihre Kundschaft verändert sich.

Mit der Maskenpflicht in Sachsen dürften die Beschäftigten der Chipfabriken keine Schwierigkeiten haben: In den Reinräumen bei Globalfoundries, Infineon und X-Fab sind diese schon immer vorgeschrieben – zum Schutz des Materials.
Mit der Maskenpflicht in Sachsen dürften die Beschäftigten der Chipfabriken keine Schwierigkeiten haben: In den Reinräumen bei Globalfoundries, Infineon und X-Fab sind diese schon immer vorgeschrieben – zum Schutz des Materials. © Oliver Killig/dpa

Dresden. Karin Raths gehört jetzt zum B-Team. Die Pressesprecherin der Dresdner Mikrochipfabrik von Globalfoundries mit 3.200 Beschäftigen geht am Mittwoch und Donnerstag in ihr Homeoffice. Danach wird sie wieder im Büro auf dem Fabrikgelände in Dresden-Wilschdorf arbeiten – im Wechsel mit ihren Kollegen aus dem A-Team. „Wir haben die Büromitarbeiter aufgeteilt“, berichtet Raths. So sollen Kontakte verringert werden, und im Fall einer Ansteckung mit dem Coronavirus müssen weniger Kollegen in Quarantäne. Einige Teams sind allerdings komplett im Homeoffice. Die Produktion der Mikrochips laufe dagegen „in vollem Umfang weiter“, sagt die Sprecherin.  Globalfoundries spende nun 100.000 Euro an sächsische Organisationen. Rund die Hälfte der Summe geht laut Raths an das DRK Sachsen für die Einrichtung einer mobilen Covid-19-Teststation. Damit kann das Rote Kreuz in Pflegeheimen zusätzliche Tests anbieten. Mit der anderen Hälfte unterstützt das Unternehmen Projekte von Bürgerstiftung Dresden, Dresdner Tafel, Diakonie Stadtmission, THW Dresden, Sonnenstrahl und Arche Nova.


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Globalfoundries hat laut Karin Raths keine Kurzarbeit angemeldet. Allerdings meldete Dresdens größte Fabrik schon im vorigen Jahr Kurzarbeit, weil sie schrumpfende Aufträge zu spüren bekam. Laut Arbeitsagentur darf ein Betrieb grundsätzlich nach drei Monaten normaler Arbeit erneut Kurzarbeit beantragen. Einstweilen ist die Produktion aber nicht durch das Coronavirus beeinträchtigt. Die Lieferung der beschichteten Siliziumscheiben und der Chemikalien nach Dresden funktioniert. Für jedes Material gibt es laut Raths mehrere Lieferanten, diese Lehre hätten Fabrikanten schon vor vielen Jahren aus dem Brand bei einem wichtigen Zulieferer in Asien gezogen. Etwas anders organisieren als bisher musste Globalfoundries allerdings den Abtransport der bearbeiteten Scheiben, die noch in einzelne Chips zerlegt werden müssen. Bisher flog die teure Ware im Frachtraum von Passagierflugzeugen mit. Weil jetzt kaum noch Passagierflugzeuge unterwegs sind, muss etwas Raum in Frachtfliegern gebucht werden.

Von Autoindustrie abhängig

In der Chipfabrik von Infineon, Dresdens zweitgrößter Fabrik mit 2.700 Beschäftigten, laufen laut Sprecher Christoph Schumacher beide Produktionslinien „noch unter Volllast“. Dabei werde es aber wohl nicht bleiben. In Absprache mit der konzernweiten Kapazitätsplanung habe das Unternehmen mehrere Szenarien zum Herunterfahren der Produktion vorbereitet. Schon vor Weihnachten hatte Infineon Werksferien wegen erwarteter schlechterer Geschäfte vorbereitet, dann aber ebenso überraschend die Produktion doch nicht heruntergefahren – der Konzern wollte lieferfähig im erhofften Aufschwung bleiben.

Nun gibt es Planspiele, darunter einen Plan für einen völligen Produktionsstopp, den Schumacher aber für unwahrscheinlich hält. Dieses Szenario sei nur für den Fall einer behördlichen Anweisung aufgeschrieben worden, dass wie in Italien nur noch lebenswichtige Produzenten weitermachen dürften. „Davon sind wir weit entfernt“, sagt er.

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Das nötige Material für die Produktion bei Infineon ist vorhanden, auch die Entwicklungsabteilung arbeitet weiter. Schließlich seien die „großen Wachstumstreiber weiterhin intakt“: Infineon will dabei sein, wenn Chips für mehr Energieeffizienz oder Sensoren fürs autonome Fahren und Industrie 4.0 gebraucht werden. Konzernchef Reinhard Ploss hat allerdings seine Wachstumsprognose für das laufende Geschäftsjahr zurückgenommen. Drei bis sieben Prozent Umsatzwachstum hatte Ploss ursprünglich erwartet, nun hält er wegen Corona auch einen „spürbaren Rückgang“ für möglich. Ploss weist selbst darauf hin, dass große Autohersteller und Zulieferer ihre Fertigung in Europa und den USA vorübergehend heruntergefahren haben, „während sich die Situation in China langsam zu normalisieren scheint“.

Für das Dresdner Infineon-Werk ist der Automarkt wichtig: Etwa die Hälfte der Chipproduktion ist für Autos bestimmt, so Schumacher. Dresdens drittgrößte Chipfabrik, die von X-Fab mit rund 450 Beschäftigten, ist ähnlich vom Automarkt abhängig. X-Fab hatte wie Globalfoundries bereits 2019 Kurzarbeit, hat aber zugleich in neue Technik im Werk Dresden investiert. Im jüngsten Quartalsbericht vom 2. April berichtet Konzernchef Rudi De Winter, X-Fab sei vor dem Einsetzen der Pandemie auf dem richtigen Weg gewesen, das geplante Wachstum zu verwirklichen. Die Auftragseingänge im ersten Quartal stiegen stark.

Eher Notebook als PC

Nun hinterlässt die Corona-Krise auf dem Halbleitermarkt ungleichmäßige Spuren, wie aus Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey hervorgeht. Die Branche müsse mit 5 bis 15 Prozent Rückgang rechnen, in manchen Segmenten um bis zu 27 Prozent. Am stärksten wird es nach dieser Prognose die Produktion von Chips für Autos und für drahtlose Kommunikation – also vor allem Smartphones – treffen. Der größte Teilmarkt, Halbleiter für PCs und Server, bleibt je nach Szenario fast stabil oder schrumpft wenig. Wachstum erwartet McKinsey dagegen für die kabelgebundene Kommunikation, weil mehr Mitarbeiter zu Hause arbeiten und weil mehr Router gekauft werden.

Nach Einschätzung der Marktforschungsfirma Gartner wird die Corona-Krise dauerhaft verändern, wie Unternehmen ihre Computernetze aufbauen und betreiben. Zum einen dürften Notebooks schneller Tischrechner verdrängen, sagte Analyst Ranjit Atwal. Denn viele Firmen hätten jetzt erlebt, wie wichtig Mobilität sei, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Bei Infineon Dresden gibt es laut Sprecher Schumacher schon „seit Jahren keine stationären Rechner mehr“. Jeder Büro-Mitarbeiter habe ein Notebook und könne damit nun von zu Hause im Firmennetz arbeiten. Der Gartner-Analyst schätzt allerdings, der Bedarf an Notebooks für Heimarbeit sei jetzt gedeckt. Viele Unternehmen hätten in nächster Zeit andere Sorgen, als in Computer-Hardware zu investieren. 

Insgesamt dürften Firmen ihre Computer noch etwas länger nutzen als bisher üblich. Für das erste Quartal errechnete Gartner einen Absatzrückgang von zwölf Prozent auf 52 Millionen Geräte im weltweiten PC-Markt. Dabei lief es regional unterschiedlich: Während die Verkäufe in den USA stabil blieben, brach der Absatz in China um mehr 30 Prozent ein. Der zweite große IT-Marktforscher, IDC, kam auf einen globalen Rückgang von rund zehn Prozent im ersten Quartal. Die drei größten Hersteller Lenovo, HP und Dell bauten ihren Marktanteil aus. Von ihnen kommen jetzt knapp zwei Drittel der weltweit verkauften Notebooks und Desktop-Computer. (mit dpa)

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