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Dresdner Bahnhof Vorbild bei Corona-Schutz

Der Hauptbahnhof gehört bundesweit zu den Vorreitern. Das liegt an einer besonderen Reinigungsmethode bei der Desinfektion von Rolltreppen.

Nicht massiv auf ganzer Linie, aber punktuell und zweisprachig, werden Reisende gebeten, die gesamte Länge des Zuges zu nutzen.
Nicht massiv auf ganzer Linie, aber punktuell und zweisprachig, werden Reisende gebeten, die gesamte Länge des Zuges zu nutzen. © dpa/Robert Michael

Dresden. Er war schon Deutschlands „Bahnhof des Jahres“, Europas zweitschönster – Architektur und Service wurden ebenfalls preisgekrönt. Und nun rangiert Dresdens Hauptbahnhof auch beim Kampf gegen die Ausbreitung von Corona ganz weit vorn: mit zusätzlichem Personal, veränderten Reinigungsplänen, innovativen Lösungen. Dort sowie in Frankfurt am Main und Düsseldorf testet die Deutsche Bahn (DB) ein neuartiges Verfahren, bei dem Handläufe von Fahrtreppen mit kurzwelligem UV-C-Licht gereinigt und desinfiziert werden.

„Das Verfahren tötet 99 Prozent aller Bakterien und Viren ab“, sagt Heiko Klaffenbach, Chef des Bahnhofsmanagements. Sollte der Test erfolgreich sein, würden auch die Hauptbahnhöfe in Berlin, Bremen und Stuttgart derart ausgerüstet, heißt es von der Bahn. In Dresden wären auch die S-Bahn-Stationen am Flughafen und im Stadtteil Dobritz potenzielle Kandidaten.

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Doch das neue Reinigungskonzept der Bahn beinhaltet mehr als die im unteren Teil der Rolltreppen eingebauten und für Nutzer unsichtbaren Lichter. Im WC-Trakt des Hauptbahnhofs können sich Besucher kostenlos die Hände waschen, wie bundesweit in 19 weiteren Stationen. DB-Mitarbeiter reinigen neuerdings häufig genutzte Kontaktflächen mehrmals täglich: Türgriffe, Handläufe, Bediensysteme in Aufzügen und an Fahrkarten- und Snackautomaten.

Simulierte Fußstapfen als Wegweiser

Warnungen vor dem Virus und Schutzanweisungen sind für Reisende und Besucher des Bahnhofs allgegenwärtig: auf Plakaten, Anzeigetafeln, Monitoren, vor allem aber auf großen roten Aufklebern am Boden. Vor dem Infoschalter, im Reisezentrum und Geschäften sind Abstandsmarkierungen eingezeichnet. Im Rahmen des Programms #immerfürmichda haben alle Läden mit in Summe 14.000 Quadratmetern Verkaufsfläche wieder geöffnet, meist mit verkürzten Öffnungszeiten. Dort müsse zwar ein Mund-Nase-Schutz getragen werden, aber anders als etwa im Düsseldorfer Hauptbahnhof gelte im Dresdner keine generelle Maskenpflicht, sagt Klaffenbach.

Simulierte Fußabdrücke sollen an Treppen den demnächst wieder erwarteten Menschenstrom leiten. „Seit wir die Hinweise am Boden haben, funktioniert es“, sagt der 54-Jährige. Da die meisten Zeitgenossen auf ihr Smartphone fixiert seien, würden sie nebenbei mit gesenktem Kopf auch diese Tipps wahrnehmen.

Für Passanten unsichtbar arbeitet das im unteren Teil des Handlaufs eingebaute UV-C-Licht als Virenkiller.
Für Passanten unsichtbar arbeitet das im unteren Teil des Handlaufs eingebaute UV-C-Licht als Virenkiller. © Matthias Rietschel

Vor Corona haben täglich rund 60.000 Menschen das Tor zur Landeshauptstadt passiert. Noch ist der Hauptbahnhof ein gutes Stück davon entfernt, aber seit die große Anzeigetafel vor den Kopfbahnsteigen wieder voll ist, herrscht auch davor und in der Kuppelhalle von Tag zu Tag mehr Betrieb. „Seit zwei Wochen fahren wir wieder Volllast“, sagt Manager Klaffenbach. „Es macht auch viel mehr Spaß, wenn was los ist.“ Zuvor sei es über viele Wochen beängstigend ruhig gewesen.

An allen sieben Ein- und Ausgängen werden Reisende und Besucher von Desinfektionsspendern empfangen. Mit den im besten Wortsinn herausragenden drei Meter hohen Säulen an weiteren zentralen Punkten summiert sich deren Zahl auf 15. Allein der Inhalt dieser drei Riesen reicht für jeweils 10.000 Sprühstöße. „Uns ist wichtig, dass die Reisenden ein Gefühl von Sicherheit und Sauberkeit bekommen“, so der Bahnhofsmanager.

Trotz des Bemühens um Einhaltung der Hygieneregeln und verstärkter Patrouillen der Bundespolizei habe man sich um Zurückhaltung bemüht, sagt Klaffenbach und: „Wir wollten die Optik dieses sehr schönen Bahnhofs nicht zerstören.“ Daher seien die Abstandslinien an den Bahnsteigen auch nicht massiv durchgezogen, sondern dezent und punktuell gesetzt worden.

Mit bis zu drei Metern Höhe unübersehbar: Die Desinfektionsspender im Bahnhof werden rege genutzt.
Mit bis zu drei Metern Höhe unübersehbar: Die Desinfektionsspender im Bahnhof werden rege genutzt. © dpa/Robert Michael (Symbolbild)

Ankommende am Bahnsteig 9 werden mit „Willkommen in Dresden“ begrüßt – farbenfroh auf einer 150 Meter langen und drei Meter hohen Staubschutzwand, welche die lautstarken Bauarbeiten an den Nachbargleisen verbirgt. Auf einer anderen Wand bekommen die Passanten einen optischen Eindruck, wie der Bahnhof mal aussehen wird, wenn alle Gleise saniert und die neue Dachmembran montiert sind.

„Die Bahn gibt für Hygiene und Reinigung jedes Jahr einen hohen dreistelligen Millionenbetrag aus, der dieses Jahr noch weiter erhöht wird“, sagt eine Bahnsprecherin. An rund 600 Bahnhöfen seien Spender mit Desinfektionsmitteln installiert worden.

Auch Bahnhofsmanager Klaffenbach macht keine konkreten Angaben, was sich die Bahn ihr Anti-Viren-Paket kosten lässt. Das sei auch nicht die entscheidende Frage gewesen, sagt er. „Im Konzern herrscht Einigkeit: Wenn wir die Leute zurück auf die Schiene holen wollen, müssen wir dafür auch Geld in die Hand nehmen.“ Jetzt sei es wichtig gewesen, überhaupt loszulegen.

Kalkül scheint aufzugehen

Das Kalkül scheint aufzugehen. Am Hauptbahnhof zieht wieder Leben ein. Die Reisenden nutzen laut Klaffenbach die vielen Desinfektionsangebote, nehmen auf andere Menschen Rücksicht und die schriftlichen Hinweise ernst.

Der Bahnhof erlebte Truppen- und Gefangenentransporte in Kriegen, Zerstörung 1945, Wiederaufbau- und erste Restaurierung in den 50er-Jahren, Elektrifizierung in den 70ern, 1988 den Denkmalschutz, ein Jahr später die Züge mit DDR-Flüchtlingen aus der bundesdeutschen Prager Botschaft gen Westen. Die Station kennt die britische Königin Elizabeth II. ebenso wie Vandalen von rechts außen und falsche Dynamo-Fans. Und ungebetenen Besuch, als 2002 mitten in der Sanierung die Weißeritz vorbeischaute. Einen Meter stand die Flut auf den Gleisen. Der neue Eindringling ist unsichtbar – aber die Bahn gerüstet.

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