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Dresdens junge Wilde

Mit 33 Jahren schon Professor: Jeronimo Castrillon hat, was die TU Dresden für ihre Exzellenz braucht.

© Steffen Füssel

Von Annechristin Bonß

Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Dieser Termin macht ihn nervös. Jeronimo Castrillon soll erzählen, über sich und seinen Weg von Kolumbien an die TU Dresden. Nicht vor internationalen Wissenschaftlern. Da kennt er sich aus. Journalisten warten auf ihn. Denen wird der Forscher aus Südamerika als Hoffnungsträger für noch mehr Forschungsmillionen und Exzellenz vorgestellt. Die Universität zeigt, welche Spitzenkräfte sie nach Dresden holt.

Jeronimo Castrillon ist eine davon. Seit zwei Monaten arbeitet der 33-Jährige als Professor in Dresden. Finanziert von dem TU-eigenen Forschungszentrum CfAED, entwickelt er die Mikroelektronik der Zukunft. „Er ist jetzt deutscher Beamter auf Lebenszeit“, sagt sein Chef Gerhard Fettweis. Das Zentrum ist Teil des Elite-Titels der Universität. Es ist ein Forschungsverbund auf Zeit, vom Bund finanziert, vom Land gefördert, für fünf Jahre. Mit einem Budget von über 100 Millionen Euro. Davon werden nicht nur Top-Wissenschaftler bezahlt und Nachwuchsforscher ausgebildet, sondern auch Büros und PC-Labore gebaut.

Als Gegenleistung wollen die Macher beim CfAED mit ihren Erkenntnissen die heutige Elektronik revolutionieren. Seit einem Jahr arbeiten sie daran. Das Ziel: Organische Materialien ersetzen Silizium. Teure Beschichtungstechniken werden abgelöst von Druckmaschinen, in denen Chips gefertigt werden. Selbst chemische Chips ohne jede Elektronik sind denkbar.

Jeronimo Castrillon beschäftigt sich mit Compilern. Das sind programmierte Werkzeuge, die helfen, die Sprache der Programmierer in die Sprache der Computer zu übersetzen. Schon seit 40 Jahren wird daran geforscht. Nun sollen die Compiler nicht mehr nur übersetzen, sondern die Prozesse optimieren. Immer schneller müssen Prozessoren miteinander kommunizieren, dabei so wenig wie möglich Energie verschwenden und robust sein, wenn es um sicheren Datentransfer geht. Klingt kompliziert. Begegnet den Menschen aber jeden Tag.

Mikroelektronik für jeden

Zum Beispiel wenn das Handy klingelt. Darin arbeiten ein Prozessor für die Handysignale, einer zum Darstellen der Apps und einer, um die Grafiken darzustellen. „Alle basieren auf einer anderen Programmiersprache“, sagt Gerhard Fettweis. Compiler dienen als Vermittler. „Der Compiler muss wissen, was der Programmierer will“, sagt er. Und das zwischen verschiedenen Ebenen und Programmiersprachen.

Noch ein Beispiel? „Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Programm, das automatisch Verträge schreibt. Sie geben nur stichpunktartig an, worum es geht“, sagt Fettweis. Dasselbe Programm soll den Vertrag auch auf Chinesisch entwerfen. Und muss dabei gesetzeskonform für das jeweilige Land sein. „In elektronischen Programmen übernehmen Compiler diese Aufgaben, an den Schnittstellen.“ Jeronimo Castrillon hört gespannt zu. „Ein gutes Beispiel“, sagt er. Eins, das auch er künftig verwenden will.

Ehrgeizig, extrem anspruchsvoll, selbstbewusst sprechen die Dresdner von ihren Zielen. In neun Bereiche haben sie ihre Forschung geteilt. Es geht um Biosensoren, den Einsatz von Carbon oder die Anwendung biologischer Systeme in der Elektronik. „In allen Bereichen wollen wir in fünf Jahren unter den weltweit Top-zehn-Standorten sein“, sagt Fettweis. „Sonst geben wir die Forschung auf diesem Gebiet auf.“ Er ist zuversichtlich, dass es nicht so weit kommt. Und will noch mehr. „In mindestens einem der Pfade wollen wir nicht nur Forschungsergebnisse präsentieren, sondern eine marktfähige Innovation.“

Um das zu erreichen, brauchen die Dresdner viele Top-Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Aus anfangs 60 Professoren, Forschungsgruppenleitern und Mitarbeitern sind nach einem Jahr 300 geworden, darunter 80 Doktoranden. Derzeit werden weitere 18 leitende Posten vergeben, acht davon als Professorenstellen. Die Bewerber sind jung, klug und international. Menschen aus 23 Nationen arbeiten bereits am CfAED. Nicht wenige haben schon Station in renommierten Wissenschaftsstätten weltweit gemacht. Die Kontakte dahin bleiben. „Wir sind nur dann anerkannt, wenn viele Leute uns kennen“, sagt Gerhard Fettweis. Auf der ganzen Welt.

Mehr Erfolg durch jeden

Jeronimo Castrillon spricht fließend Englisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch. Nach dem Studium in seiner Heimat arbeitete er zunächst in den USA. Der Master folgte in der Schweiz. Promoviert hat er an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, die ebenfalls den Elite-Titel trägt. „Viele Wissenschaftler aus meinem Land zieht es in die USA“, sagt er. „Ich wollte nach Europa. Die Lebenskultur hier ist interessanter.“

Von Dresden überzeugt hat ihn aber etwas anderes. Nicht nur weil sein neuer Chef Gerhard Fettweis ebenfalls in Aachen promoviert hat. „Die Möglichkeiten am CfAED sind spitze“, sagt Castrillon. „Hier arbeiten Wissenschaftler an neuen Technologien für alle Ebenen. Das ist reizvoll.“ Er schwärmt von der interdisziplinären Forschung und den Kollegen. Zusammen spinnen sie über neue Themen und arbeiten an Anträgen für weitere Forschungsmillionen. „Bei uns sind die Professoren keine Könige, die alles nur für sich allein haben wollen“, sagt Gerhard Fettweis. „Wir arbeiten zusammen, helfen uns.“ Und verbringen die Freizeit miteinander. Jeronimo Castrillon spielt Fußball. Ein Team mit anderen internationalen Wissenschaftlern hat er schon gefunden.

Eine Million Euro von jedem

Jeronimo Castrillon möchte für immer in Dresden bleiben. Gerhard Fettweis hört das gern. Allein bestimmen kann er das nicht. Schließlich ist die Finanzierung begrenzt. „Wir wollen das CfAED als dauerhafte Einrichtung etablieren“, sagt er. Dem muss das Bundesforschungsministerium zustimmen. Im Oktober bewerten Gutachter die ersten Erfolge der Elite-Forschung der TU. Im nächsten Frühjahr zeigt das CfAED selbst seine Erfolge. „Wir haben schon viel geleistet. Einem dauerhaften Bestehen sollte nichts im Weg stehen“, sagt Fettweis.

Optimistisch machen ihn die eingeworbenen Drittmittel seiner Mitarbeiter. Dieses Geld ist für zusätzliche Forschungsvorhaben vorgesehen, zum Beispiel in der Industrie. Eine Million Euro pro Jahr fordert der Chef von jedem seiner Professoren. Ein gutes Polster für dauerhaften Erfolg. Jeronimo Castrillon kennt das Ziel. „Am Anfang hat mir das Angst gemacht“, gibt er zu. Die Angst ist nun weg. Er weiß, dass er erfolgreich sein wird. „Weil ich hier nicht allein gelassen werde“, sagt er. Auch nicht, wenn wieder Journalisten warten.