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Dresdens meistgehasste Frau

Um gegen die Verwaltung zu protestieren, ließ die Architektin Regine Töberich ein Stück vom Elberadweg wegbaggern. Sie würde es wieder tun. Freilich mit einem anderen Stück.

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© Ronald Bonß

Von Karin Großmann

Nein. Sie fährt selbst nicht Rad. Sie boxt. Außerdem trainiert sie Liegestütze und Klimmzüge bis zum Umfallen. „Crossfit hat viel mit Kraft, Ausdauer und explosiven Ausbrüchen zu tun, das liebe ich.“ Am Donnerstag explodierte die Architektin öffentlich. Es war ein kalkulierter Ausbruch. Sie hatte den Protest angekündigt. „Ich habe immer gesagt: Das ist für mich die Ultima Ratio, wenn nichts anderes mehr geht. Und dieser Punkt war erreicht.“ Sie ließ zwei Bagger anrollen, die hinter der Marienbrücke in Dresden fünfzig Meter Radweg aufrissen. Der Tumult im Feierabendverkehr war erheblich.

Wutbürgerin: Architektin Regine Töberich weist am Donnerstagabend die Radfahrer weg und die Bagger ran. Allerdings unterlief ihr beim Übertragen der Pläne ein Fehler. So erwischten die Bagger ein städtisches Stück des Elberadwegs. Inzwischen rollt der Ver
Wutbürgerin: Architektin Regine Töberich weist am Donnerstagabend die Radfahrer weg und die Bagger ran. Allerdings unterlief ihr beim Übertragen der Pläne ein Fehler. So erwischten die Bagger ein städtisches Stück des Elberadwegs. Inzwischen rollt der Ver © André Wirsig

Dass es der falsche Ort an der Elbe war, weil er nicht zu ihrem Grundstück gehört, ist der Höhepunkt einer bösen Posse. Es klingt wie ein schlecht erfundener Witz und ist doch Dresdner Realität. Übers Wochenende hat die Stadt den Weg reparieren lassen. Selbstverständlich, sagt Regine Töberich, werde sie die Kosten übernehmen. Geschätzte Summe: 15 000 Euro.

Regine Töberich ist fünfzig, groß, blond und die meistgehasste Frau von Dresden. Sie kaufte ein Grundstück an der Elbe, auf dem sie bauen will und nicht bauen kann. An einem solchen Konflikt sind meistens zwei schuld. Der Konflikt eskaliert seit der neuen rot-rot-grünen Mannschaft im Rathaus. Schon als die Architektin die ersten Wohnungspläne für das Areal vorstellte, das sie Marina Garden nennt, weil das nach maritim und Garten klinge, schon da gab es neben dem offiziellen Wohlwollen für eine Investorin auch Empörung. Jedes Bauen an der Elbe steht unter Verdacht. Zu Recht, wie die eingemauerten Ufer in anderen Städten zeigen. „Du bist das Allerletzte!“, schrie eine Frau jetzt, als der Radweg in Stücke ging.

Macht ihr das was aus? Hat sie schon als Kind mit dem Fuß aufgestampft, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzten konnte? Sollte es so simpel sein? Was ist das für eine Frau, die absichtsvoll einen Militärparka anzieht, wenn sie baggern geht? Eine zickige Barbie-Puppe, wie ihre Kritiker meinen? Endlich mal jemand, der einer inkompetenten Stadtverwaltung Widerstand leistet, wie es viele Sympathisanten sehen?

Regine Töberich sitzt in der Zigarrenlounge des Hotels Bülow Palais. Es ist der Ort ihrer Wahl, auch wenn sie schon eine Weile nicht mehr raucht. Es ist ein feiner Ort an der Dresdner Königstraße, frei von Bürostörung, nur das Smartphone auf dem Holztisch vibriert mitunter. Im Film sagen sie an dieser Stelle: Ich warte auf einen Anruf meines Anwalts. Regine Töberich sagt, dass sie einen Anruf ihres Anwalts erwartet. Der ist wohl auch dringend nötig.

Die Stadt hat einen Strafantrag gegen sie gestellt wegen Sachbeschädigung und Eingriff in den Straßenverkehr. Sie selbst zeigt den Grünen-Ortsbeirat an, der sie am Donnerstag ins Gesicht schlug. Die zwei Bodyguards, die sie engagiert hatte, als Schutz vor den Leuten von der Antifa, wie sie sagt, weil sie denen manches zutraue, konnten den Angriff nicht verhindern. Der Mann hat sich inzwischen von seinen Ämtern verabschiedet. Radweg einreißen geht nicht. Aber Hauen geht auch nicht.

Für Regine Töberich sah es zunächst ganz erfreulich aus, als sie vor 18 Jahren nach Dresden kam. Sie wollte wissenschaftlich arbeiten, ihren Doktor an der TU machen, und betrieb zum Geldverdienen ein Architekturbüro. Aufgewachsen ist sie in Detmold. Und sie war, sagt sie lachend, tatsächlich das kleine Mädchen, das zornig trampelt, wenn es seinen Willen nicht kriegt. „Aber“, und da wird sie gleich wieder ernst, „meine Reaktion ist kein trotziges Aufstampfen, ist kein Rechthabenwollen, ist auch nicht der Wille zu dominieren.“ Sie hätte bloß gern eine Antwort, es müsste nicht mal ein Ja sein. Ohnehin stehe sie lieber in der zweiten Reihe und nicht im Vordergrund. Deshalb würde sie auch nie in die Politik gehen wollen. Das ist schade für die Politik.

Lange wusste sie nicht, was sie überhaupt wollte. Sie studierte in Detmold Architektur und danach Immobilienwirtschaft. Als Einzige ihres Jahrgangs machte sie das Diplom bei einem Juristen. Sie befasste sich mit der Zulässigkeit von Bauvorhaben im städtischen Raum, was nichts weiter zur Sache täte – wenn es nicht gerade die Paragrafen wären, mit denen sie es jetzt in Dresden zu tun hat.

Regine Töberich blättert die Baupläne für Marina Garden auf den Tisch, erklärt sie mit gleichmäßiger, energischer Stimme, die manchmal scharf in die Höhe geht. Die Architektin, seit 2004 Geschäftsführerin der DresdenBau und Projektierungs GmbH, erzählt, wie sie von den Erben des Holzindustriellen Grumbt, der mal einer der reichsten Männer in Sachsen war, zwei Grundstücke hinter der Marienbrücke kaufte, 28 000 Quadratmeter. Es war ein Deal auf die Zukunft. Sie hoffte, bauen zu dürfen. Sie fand Investoren.

Eine Summe von 2,3 Millionen Euro hat auch sie wohl nicht griffbereit, obwohl immer mal von einer Erbschaft die Rede ist. Das weist sie so entschieden zurück, als sei es ein Makel. „Ich bin nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Jeden Euro, den ich ausgebe, habe ich selbst verdient.“ Doch, schränkt sie ein, einmal gab es einen Existenzgründer-Kredit für ein spezielles Computerprogramm.

Nach ihrer Darstellung sieht es aus, als sei zunächst alles konfliktlos gelaufen. „Natürlich hat die Stadt Planungshoheit, und natürlich muss so ein Projekt Hand in Hand entwickelt werden. Es ist ging ja auch sieben Jahre lang gut, bis zu den Stadtratswahlen von 2014.“

Da aber hätten Politiker von Rot-Rot-Grün das Hochwasser zum Wahlkampfthema gemacht, hätten die Bedrohung durch die Elbe höher und höher gerechnet und Angst geschürt. „Sie malten ein Bild von Familien, die schon am Frühstückstisch kleine rote Schwimmärmel tragen, damit sie nicht vom Elbstrom mitgerissen werden, während ich angeblich mit meinen Millionen im Trockenen sitze.“ Regine Töberich, die sonst nicht zu Ironie neigt, fängt sich gleich wieder. Spricht von fragwürdigen städtischen Gutachten, gegen die sie ein eigenes Gutachten vorlegte, verfasst von einem Professor der TU Dresden. Spricht von Politikern, die den Bau hochwertiger Wohnungen mitbeschlossen hätten und nun plötzlich vor Luxus warnten.

Wer mit Millionen hantiert, auch wenn es nicht die eigenen sind, weckt Misstrauen. Vor allem dort, wo mit kleineren Beträgen gerechnet wird. „Offensichtlich bin ich eine Fläche, auf die man Neid und Hass projizieren kann“, sagt die ansehbare selbstbewusste Westfrau, die beim Baggern nicht irgendeinen Parka trägt, sondern die US-Marke Ralph Lauren. Vielleicht wäre die Sache mit einem älteren, dickbäuchigen Ossi-Mann anders gelaufen?

Regine Töberich erzählt, wie sie ihre Pläne einreichte und wie gewünscht korrigierte, wie sie Häuser verkleinerte, die Zahl der Wohnungen von 240 auf 180 reduzierte. Und wie seitdem Schweigen im Rathaus herrsche – seit über einem Jahr. Dabei geht es noch gar nicht um eine Baugenehmigung, sondern um die Vorstufe, eine Bauvoranfrage. Während die Architektin Monat für Monat auf Antwort wartete, Briefe schickte, um Gesprächstermine bat, verplante die Stadt das Grundstück selbst.

Vorgesehen sind laut Ratsbeschluss „Freiräume mit hoher Aufenthaltsqualität“ und eine „kulturelle, kreativwirtschaftliche und soziale Nutzung“. Ein kleinerer Teil darf bewohnt werden, hochwertig und sozial. Diese Informationen, sagt Grundstückseigentümerin Regine Töberich, habe sie der Presse entnommen. Puschkin-Park statt Marina Garden. Sie habe nichts gegen Puschkin, aber: „Das war ein ganz brutaler Schlag ins Gesicht.“

Erst nach Vermittlung von OB-Wahlkämpfer Markus Ulbig saßen Mitte April alle an einem Tisch. Eine Antwort, ob sie bauen dürfe oder nicht, habe sie trotzdem nicht bekommen, sagt die Architektin. Das war der Punkt, an dem sie die Bagger bestellte. Ein öffentliches Ärgernis zu erregen sieht sie offenbar als letztes Mittel, um sich zu wehren. „Ich hätte auch nackt auf einem Schimmel über den Platz reiten können, das hätte vielleicht manchem gefallen, vielen auch nicht. Aber das wäre lächerlich gewesen.“ Womöglich wären die Reaktionen weniger heftig ausgefallen. Die Aggressivität, die ihr entgegenschlug, habe sie erschreckt. Sie fühlt sich missbraucht als Frust-Ventil. „Wenn lynchen erlaubt wäre, hätten das an dem Abend einige Menschen mit mir getan.“ Das treffe sie zwar, sagt Regine Töberich, aber es belaste sie nicht. Es wäre auch seltsam, würde gerade sie von Verhältnismäßigkeit reden.

Dabei müsste sie der Aufruhr freuen. Denn wenn sie etwas an den Dresdnern aufregt, dann ist es die Gelassenheit. „Da wird auf die Politik geschimpft und auf die Verwaltung. Am Ende aber heißt es: Das ist eben so, da kann man nichts machen.“ Die Architektin wird regelrecht philosophisch: „Wenn jeder so denken würde, hätte es nie eine Revolution gegeben, nie eine Erneuerung, nie eine Veränderung. Deshalb lehne ich mich auf. Ich bin so. Ich kann nicht anders. Ich gebe hundertprozentig nicht auf.“

Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass sich Regine Töberich eine blutige Nase in Dresden holt. Die zwei Wohnhäuser in der Goethe-Allee baute sie noch geräuschlos, auch wenn dabei die Zeit für eine Doktorarbeit endgültig weglief. Schon die terrakottagefärbte Siedlung auf der Südhöhe löste Streit aus: Kann das als mediterran durchgehen, und wenn ja: Passt es zu Dresden? Heftigere Auseinandersetzungen gab es um ihre Pläne für das alte Hochhaus der Verkehrsbetriebe am Albertplatz. Mal sollte es ein Viersternehotel werden, mal ein Studentenwohnheim, mal bekam die Bibliothek Platz, dann wieder nicht; die Größe des Supermarkts nebenan schien je nach Wetterlage zu wechseln. Am Ende verkaufte Regine Töberich Grundstück und Pläne an Edeka, zu einem guten Preis, wie sie sagt.

Bei einem fertigen Bau hätte sie mehr herausgeholt. Dass es schiefging, schiebt sie auf Geheimabsprachen der SPD, wittert Verschwörungen bis ins Saarland zu Lafontaine, nennt einzelne Dresdner Politiker von Rot-Rot-Grün beim Namen und mit einem Sammelwort: Gesocks. Das passt nicht unbedingt zum Interieur der Lounge im Palais. Regine Töberich bleibt dabei: „Wenn sich gewählte Vertreter des Volkes wie Gesocks benehmen, dann bezeichne ich sie auch so. Ich will nicht, dass Dresden von solchen Leuten regiert wird.“ Sollte das nach Pegida klingen, lehnt sie das ab. Sie laufe da nicht mit.

Die Spötter, die Toben auf Töberich reimen, am Elberadweg Spielzeugbagger aufstellen und Vermisstenanzeigen für den Weg schreiben, sehen den Fall mit Humor. Dass die Frau im braunen Ledersessel das anders sieht, lässt sich denken. Sie hat sich entschuldigt, für ihren Irrtum, „in aller Form“, und will „die volle Verantwortung“ übernehmen. Der Konflikt bleibt ihr und der Stadtverwaltung erhalten.