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„Dresdens Musik-Universität ist viel besser als ihr Ruf“

Neustart als Rektor: Axel Köhler muss zunächst das Haus „mental befrieden“. Dann kann er das Profil korrigieren. Eigene Stärken gibt er auf.

Axel Köhler ist mit 59 Jahren der neue Rektor der Dresdner Musikhochschule. Am Donnerstag wird er ins Amt eingeführt.
Axel Köhler ist mit 59 Jahren der neue Rektor der Dresdner Musikhochschule. Am Donnerstag wird er ins Amt eingeführt. © Lutz Edelhoff

Kein Grund zur Bescheidenheit. Mit gut 400 Konzerten und Aufführungen im Jahr ist die Dresdner Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in der Region der größte Veranstalter – nur merkt das kaum einer. „Wir müssen uns mehr ins rechte Licht rücken, selbstbewusster präsentieren, denn am Haus wird eine hervorragende Arbeit geleistet“, sagt der neue Rektor Axel Köhler: „Wir haben tatsächlich Leuchttürme, die intern national und international hoch angesehen sind etwa auf den Gebieten der Neuen Musik, der Chorleiter- und der Orchestermusikerausbildung sowie der Musiker-Medizin.“ Nur hat durch die jahrelangen, viele Aktive lähmenden oder frustrierenden Querelen speziell in der Hochschulleitung das Bild in der Öffentlichkeit gelitten. „Das Haus ist sehr viel besser als sein Ruf“, sagt der 59-Jährige, der an diesem Donnerstag offiziell ins Rektorenamt eingeführt wird.

Für zunächst fünf Jahre wird der gebürtige Erzgebirgler, der an dieser Hochschule studiert hat und in Dresden lebt, die Musikuniversität mit gut 650 Studenten führen. Seine Aufgaben sind immens. Vorrangig ist jedoch zunächst eine „mentale Befriedung“ der zerstrittenen Fakultäten und Lehrkräfte durch eine intensive Kommunikation. „Es muss wieder jemand da sein, der sich kümmert, mit allen spricht, damit wieder Vertrauen entstehen kann.“

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Ein Jahr hat er das seit seiner Wahl getan und in allen Bereichen „eigentlich hochengagierte, für den Beruf brennende Mitarbeiter“ kennengelernt. Er kann das Gutzuhören, weil er selbst als langjähriger Sänger und Regisseur weiß, wie Künstler ticken. Zugleich kann er dank seiner Erfahrung als ehemaliger Intendant einem so heterogenen Gefüge aus Individualisten, Pädagogen und Wissenschaftlern eine relativ klare Struktur vorgeben, die nötig ist, damit „kein Wildwuchs“ entsteht. Damit meint er auch, Gesetze nach unkonventionellen Lösungsmöglichkeiten abzuklopfen, statt diese starr als Verhinderungsgrund wahrzunehmen, wie es seine zurückgetretene Vorgängerin Judith Schinker getan hat.

Viel ist zu arbeiten und einiges zu korrigieren. Beispiele: In den nächsten drei Jahren verlässt etwa ein Drittel der hauptamtlichen Lehrkräfte in nahezu sämtlichen Fachgebieten das Haus in den Ruhestand. Das sei eine Chance zur zielgerichteten fachlichen wie internationalen Erneuerung des Lehrkörpers. Weiter: Was dem Haus fehle, sei ein Leitbild. „Sollten wir nicht ein Institut sein, das weniger den Theorien frönt statt für den Markt auszubilden und innovativ Handwerkszeug zu vermitteln?“ Gut 40 Kooperationspartner hat die Hochschule. Weitere auch internationale sollen hinzukommen oder die Zusammenarbeit intensiviert werden.

So will Köhler, der zuletzt dem Ensemble der Staatsoperette Dresden als Darsteller und Regisseur angehört hat, den Kontakt zu eben jenem Haus der heiteren Muse knüpfen. Ebenso zu den Landesbühnen Sachsen, die als Reisetheater und Theater der Felsenbühne Rathen andere Anforderungen an Akteure stellen als ein Haus wie die Semperoper. Die Kooperation mit dem MDR-Sinfonieorchester wird spektakulär ausgebaut, weil das Ensemble jährlich drei bis vier Arbeiten komponierender Studenten zur Uraufführung bringt. Die Opernklasse arbeitet für ihre nächste Inszenierung, Händels „Alcina“, mit der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Gemeinsam mit dem Mozarteum Salzburg und der Musikhochschule Bern entsteht ein Aufbaustudiengang „Neue Musik für Interpretierende“ ...

Eine wichtige Aufgabe ist es, dafür zu trommeln, dass die Hochschule mehr Musiklehrer für Grundschulen und Gymnasien sowie Gesangs- und Instrumentalpädagogen für Musikschulen ausbildet. Die räumlichen und personellen Voraussetzungen sind gut. Doch die Aufnahmebedingungen seien teilweise so überhoch gewesen, dass Interessenten an andere Hochschulen abgewandert seien. Zugleich hält es Köhler für nötig, dass sein Haus sich noch tiefer in die regionale Nachwuchsförderung einbringt und mit anderen hiesigen Einrichtungen vernetzt. Sein Drei-Jahres-Ziel: Eine geeinte Hochschule, die auch außerhalb Dresdens wieder stärker beachtet wird und mehr internationales Flair versprüht. Eine Herausforderung werde es sein, die stetig wachsenden Ansprüche, Auflagen und Aufgaben der Verwaltung mit der bestehenden Personalstärke zu meistern. Generell aber ist er froh über das stabile finanzielle Gerüst dank des auf Jahre geschlossenen Hochschulpakts.

Auch baulich wird sich der Gebäudekomplex in naher Zukunft noch einmal verändern. Die unsanierten, leer stehenden Altbauten hinter dem neuen Konzertsaal sollen einmal Ausbildungs- und Proberäume bieten. Das ist bitter nötig, weil die derzeitigen Proberäume quasi rund um die Uhr belegt sind.

Köhler sprüht vor Energie und profunder Sachkenntnis, dass man nur so staunen kann. „Es geht mir richtig gut. Die Neugier ist groß, das Gefühl, gebraucht zu werden, ist motivierend.“ Er, der sich um die Intendanz der Staatsoperette beworben hatte und von Fachleuten ausgewählt worden war, aber letztlich die Findungskommission zugunsten einer Bewerberin entschied, vermisst das alte Leben nicht. Dabei waren das Singen – zunächst als Countertenor, später als Bariton – und das Inszenieren von gut 50 Produktionen lange seine Stärken gewesen. Er war im positiven Sinne eine Rampensau! Ab und zu will er noch den Higgins in der „Lady“ der Staatsoperette geben.

„Nein, wie schon früher fällt mir auch diesmal das Aufhören nicht schwer. Dazu ist die neue Aufgabe zu fordernd. Es macht Spaß, alle meine Bühnen- und administrativen Erfahrungen zu bündeln, um sie zur Förderung des Nachwuchses einzusetzen.“

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