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Besuch in Dresdens schönster Gartensparte

Die gerade ausgezeichnete Anlage "Am Waldrand" erfüllt kaum ein Klischee vom kleinkarierten Laubenpieper. Selbst Unkraut ist erwünscht.

Nicht nur durch die jüngste Auszeichnung fühlt sich Vereinschef Ronny Richter auf dem richtigem Weg.
Nicht nur durch die jüngste Auszeichnung fühlt sich Vereinschef Ronny Richter auf dem richtigem Weg. © Christian Juppe

Dresden. Vor einem besonders alten hölzernen Gartenzaun hält der Chef plötzlich inne und kniet sich mit prüfendem Blick auf den Boden. Da ist er wieder, der pingelige Strebergärtner, der das kleinste Unkraut auf dem Weg protokollarisch festhalten und schriftlich bemängeln wird. Könnte man meinen.

Aber Ronny Richter hat anderes im Sinn. "Das hier ist Vogelknöterich", sagt er. "Ist es nicht toll, wie der hier blüht, obwohl jeden Tag auf ihm herumgetreten wird? 

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Im Kleingartenverein "Am Waldrand" in Pieschen laufen die Dinge ein bisschen anderes. Und dennoch - oder gerade deswegen - wurde er vor wenigen Tagen von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) persönlich zur schönsten Kleingartenanlage der Stadt gekürt. 

Moment mal, schönste Kleingärten mit Unkraut auf den Wegen? Wo gibt es denn so was? Tatsächlich wurde in Dresden jahrezehntelang das Bild des überkorrekten Kleingärtners geprägt, der seine Hecken stutzt, seinen Rasen wässert - und selbstverständlich das Unkraut vor dem eigenen Garten beseitigt.

"Da ist aber gerade ein tiefgreifender Wandel zu spüren", sagt Ronny Richter. Der 43-Jährige ist sich sicher, dass die Wahl in diesem Jahr nicht zufällig gerade auf seine Anlage fiel, zumal die Juroren bemerkten, dass die Entscheidung ihnen diesmal besonders leicht gefallen sei.

Ein bisschen Spaß darf sein: Kräuterbeet und Biergarten der besonderen Art.
Ein bisschen Spaß darf sein: Kräuterbeet und Biergarten der besonderen Art. © Christian Juppe

18 Vereine bewarben sich um den Wanderpokal "Flora" und die 1.000 Euro Preisgeld. Der Verein "Am Waldrand" stand schon in den vergangenen Jahren auf dem Zettel, musste sich aber bislang immer mit Trost- und Sonderpreisen begnügen. Dieses Jahr war die Zeit reif. Der Wettbewerb, organisiert vom Stadtverband "Dresdner Gartenfreunde" und der Landeshauptstadt, stand dabei unter der passenden Überschrift  "Kreative Gärten, bunte Vielfalt". 

Mit 271 Parzellen gehört die Anlage zu den größten in Dresden, was man ihr aber bei einem Bummel über die breiten Wege nicht ansieht. Obwohl Ronny Richter erst seit einem Jahr der Erste Vorsitzende ist, kennt ihn hier fast jeder und er kommt aus dem freundlichen Grüßen gar nicht heraus.

Eine ältere Dame winkt ihn an den Zaun und fragt, wie das denn nun sei mit dem Unkraut vor den Zäunen. "Das darf wachsen und den sandigen Boden festhalten", erklärt er. "Gut zu wissen", sagt die Dame und widmet sich wieder der Gartenarbeit. 

Das Wort Unkraut mag Richter gar nicht gern. Unter Naturliebhabern heißt es eher Beikraut. Richter spricht am liebsten von "Pflanzen, die an der falschen Stelle wachsen". Wobei diese hier auf den Wegen von nun an ja bleiben dürfen. Nichts anderes steckt hinter dem Vereinsprojekt "Grüne Gartenwege", an dem sich jeder beteiligen darf - aber nicht muss. Hier und da ist immer noch ein Stückchen abgebrannte Erde zu sehen, oder ein verlorenes Fleckchen Kies. 

Die Siegerplakette vom Wettbewerb muss erst noch ihren Platz finden.
Die Siegerplakette vom Wettbewerb muss erst noch ihren Platz finden. © Christian Juppe

"Diese Vielfalt macht uns aus", sagt Richter. Das gilt vor und hinter dem Gartenzaun. Während andernorts nur die Frage ist, welche Sorten Erdbeeren und Kartoffeln angebaut werden, sind "Am Waldrand" auch mal Experimente möglich. In der einen Parzelle steht Getreide, in der nächsten wächst Tabak. "Wir hatten auch schon die Frage, ob Nutzhanf angebaut werden darf", sagt Richter. Und statt empört abzulehnen, bat er den Pächter um ein Konzept. 

Auch Kleingärtner Paul Rakow kann mit einer besonderen Attraktion aufwarten. In seiner Parzelle wächst seit sieben Jahren eine Bananenstaude. Vor Beginn der Wintersaison fährt der 70-Jährige ein mobiles Gewächshaus auf Rollen und alten Schrankwandteilen über die Pflanze. Im Sommer bleiben dann regelmäßig Passanten staunend vor seinem Zaun stehen und lesen auf einem Schild Interessantes zum Bananenanbau.

Kleingärtner Paul Rakow ist stolz auf seine Bananenstaude.
Kleingärtner Paul Rakow ist stolz auf seine Bananenstaude. © Christian Juppe

Schilder wie diese hängen viele entlang der Wege. Einige beschäftigen sich mit der Historie des 70 Jahre alten Vereins, andere mit speziellen Pflanzen und sonstigen Besonderheiten. So hat sich die Anlage zum Naturkundemuseum unter freiem Himmel entwickelt. Sogar das Unkraut - Pardon: Beikraut - auf den Wegen hat seine eigenen Hinweisschilder bekommen.

Besonders stolz sind Ronny Richter und seine Mitstreiter jedoch auf den komplett umgestalteten Vereinsplatz im Zentrum des Areals. Wo bis vor Kurzem noch der Beton regierte, wächst nun Gras rings um die prächtige Linde. 

Ganze Kindergartengruppen können in der Anlage lernen, was Natur bedeutet. Auch einen Schulgarten und einen Bereich speziell für Kleinkinder gibt es. Demnächst soll eine verwaiste Parzelle zum Gemeinschaftsgarten umgestaltet werden.

Nur wenige Meter entfernt haben Vereinsmitglieder eine mit einem Seil umrandete Blühwiese angelegt, auf der gerade die Kornblumen blau leuchten. Die Bienen freut's. Und nicht nur die. 

"Eigentlich sollte man eine Wiese nur zweimal im Jahr mähen", bemerkt Richter bei dieser Gelegenheit. Diese Worte aus dem Munde eines Kleingartenanlagen-Vorsitzenden wären vor nicht all zu langer Zeit noch undenkbar gewesen. Da hatte der Rasen kurz zu sein, damit keine Samen auf die fein geharkten Beete des Nachbarn hinüberwehen konnten.

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