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Dresdner Bäder GmbH verfünffacht Pacht

Aufregung unter den Siedlern bei der städtischen Bäder-Gesellschaft: Die Kosten sollen teilweise um 400 Prozent steigen. Viele sind verzweifelt.

Helene Ebert ist behindert und mittlerweile alleine. Sie will ihren Bungalow in Weißig aufgeben und hat deshalb Ärger mit der Dresdner Bäder GmbH.
Helene Ebert ist behindert und mittlerweile alleine. Sie will ihren Bungalow in Weißig aufgeben und hat deshalb Ärger mit der Dresdner Bäder GmbH. © Marion Doering

Dresden. Es sind Idyllen neben den vielen Kleingartenanlagen in Dresden: die Bungalow-Siedlungen, welche die Dresdner Bäder GmbH teilweise an ihren Freibädern betreibt.

Nun gibt es am Waldbad Weixdorf und Marienbad Weißig, die mittlerweile zu offenen Badestellen umgewandelt wurden, mächtig Ärger unter den Pächtern aller Anlagen in Dresden. Es wird von "Willkür" gesprochen.

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Stein des Anstoßes ist, dass bei Pächterwechsel exorbitante Steigerungen vorgesehen sind. Die Siedlerhütten gibt es in Weißig, Weixdorf und in den weiter als Bäder betriebenen Waldbad Langebrück, den Naturbädern Mockritz, Dölzschen und im Strandbad Wostra. 

Insgesamt hat die Bäder GmbH rund 1.000 Pächter und Mieter von Hütten. Die Verträge sind teilweise sehr alt und die Pacht bisher ziemlich günstig. Das soll sich deutlich ändern. 

"Ja, die Pacht war bisher günstig", sagt Steffen Schmidt, Vorsitzender des Vereins Waldbad Weixdorf. In Weißig vertritt Uwe Danusch die Interessen der Pächter. Eine moderate Erhöhung der Pacht sei für diese vertretbar. "Aber was jetzt passiert, ist nicht mehr nachvollziehbar", sagt Danusch.

Helena Ebert, eine behinderte Rentnerin mit nur einem Arm, wollte ihr Grundstück samt Bungalow aufgeben. "Ich habe eine nette Familie gefunden, die alles übernehmen wollte", berichtet die Frau. Seit 2008 hat sie das Grundstück in Weißig gepachtet. Doch so einfach wie gedacht, wurde es nicht. Die Familie ist zur Bäder GmbH gegangen, hat ihr Interesse bekundet. "Dort sagte man ihnen, dass die Pacht 1.312,50 Euro pro Jahr betragen soll, ich zahle bisher etwa 350 Euro", so Helene Ebert. 

Auf dem Gelände des Marienbads Weißig haben rund 200 Siedler Bungalows gepachtet. Nun gibt es Streit wegen Pachterhöhungen.
Auf dem Gelände des Marienbads Weißig haben rund 200 Siedler Bungalows gepachtet. Nun gibt es Streit wegen Pachterhöhungen. © Marion Doering

Die Familie war nicht bereit, das Vierfache an Pacht zu zahlen und der Wechsel platzte. "Ich habe meine Kündigung zurückgezogen", sagt Helene Ebert. "Aber ich kann das Grundstück nicht mehr alleine behalten, ich schaffe es einfach nicht mehr."

Sie sei nur von der Kündigung zurückgetreten, weil die Bäder GmbH ihr mitgeteilt hat: Wenn Helene Ebert kündigt, muss sie ihren Bungalow abreißen. Das würde sie 2.000 bis 3.000 Euro kosten.

Es gibt aber noch höhere Aufschläge: Eine Familie aus der Neustadt wollte ein Grundstück samt Bungalow in Weixdorf übernehmen. "Als Familie mit zwei Kindern fahren wir gerne raus ins Grüne und waren in den letzten Jahren häufig im Waldbad Weixdorf", so der Vater. Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht sehen. Die Familie hat ein Ehepaar im Siedlerverein kennengelernt, dieses wollte sein Grundstück Ende 2019 abgeben.

Das Grundstück ist etwa 150 Quadratmeter groß, 25 Quadratmeter sind bebaut, darauf steht eine Siedlerhütte. Für diese Hütte samt Einrichtung hatten sich die Beteiligten bereits auf einen Preis geeinigt. Der Mann ging zur Bäder GmbH. Das Ehepaar, das bisher Pächter war, zahlte 240 Euro im Jahr. Die Bäder GmbH verlangt nun das Fünffache, also rund 1.200 Euro pro Jahr. "Das können wir uns nicht leisten", sagt der Mann, zumal seine Frau in Elternzeit ist und die Familie von seinem Einkommen lebt. 

Steffen Schmidt berichtet, dass in Weixdorf rund 200 Bungalows und zusammengelegte ehemalige Umkleidekabinen verpachtet sind. Rund 160 der Pächter sind im Verein organisiert. In Weißig sind es etwa 60 Pächter, die von Uwe Danusch vertreten werden. Insgesamt gibt es rund 1.000 Siedler, die bei der Dresdner Bäder GmbH gepachtet oder gemietet haben.

Diese Pacht-Steigerungen bei Wechseln haben unter den Pächtern für große Unruhe gesorgt, berichten Danusch und Schmidt, die auch mit anderen Bad-Siedlungen in Kontakt sind. Jeder frage sich, wer der nächste ist, bei dem die Pacht so enorm steigt. "Viele Pächter sind alt, es steht ein Generationswechsel an", so Schmidt. Danusch sagt: "Selbst wenn mein Sohn das Grundstück übernehmen würde, müsste er viel mehr zahlen als ich bisher." Das sei nicht nachvollziehbar. 

Die meisten Grundstücke seien zwischen 100 und 200 Quadratmeter groß, die Bungalows zwischen 15 und 35 Quadratmeter. Die Siedlungen gibt es, seit es die Bäder gibt, also teilweise über 100 Jahre. "Wir sind alles ganz normale Leute, die in der Freizeit in der Natur sein wollen", so Danusch. "Teure Pachten kann sich davon kaum jemand leisten." 

"Preissprung, aber kein Wucher"

Der Chef der Bäder GmbH Matthias Waurick hat Helene Ebert in einem Schreiben geantwortet. "Die Gesamtkosten der Badestelle Weißig werden nach einem Flächenschlüssel aufgeteilt. Lediglich acht Prozent der anfallenden umlegbaren Kosten werden den Siedlern je nach gemieteter oder gepachteter Fläche berechnet. Die umgelegten Kosten decken nur einen Bruchteil der tatsächlichen Gesamtkosten ab."

Ab 2020 gelten laut Waurick neue Pachtpreise: Für bebaute Flächen werden 21 Euro pro Quadratmeter und Jahr fällig, für überdachte Flächen 7,50 Euro und für Freiflächen vier Euro. Das sei nun so neu geregelt. "Bevor wir 2013 die Bäder und damit die Siedlungen übernommen haben, waren die Pachtverträge teilweise abenteuerlich", so Waurick. Einige stammen noch aus dem 1960er-Jahren. 

Zum Jahreswechsel habe die Bäder GmbH entschieden, die Pachten auf ein "ortsüblich vergleichbares" Niveau zu bringen, erläutert Waurick. "Ja, das ist ein relativ hoher Preissprung, aber wir mussten die Sache mal regeln."

Matthias Waurick wolle keinesfalls Siedler vergraulen. "Das Problem ist, dass diejenigen, die ihre Hütte aufgeben wollen, vorab alles mit den Nachpächtern versuchen zu klären und sich erst dann an uns wenden", moniert Waurick. "Wenn die Interessenten gleich zu uns kommen, erfahren sie auch die tatsächliche Höhe der Pacht."  

Die bisherigen Pachten seien laut Waurick alles andere als wirtschaftlich, die neuen decken allerdings auch noch nicht die Kosten. "Das ist alles andere als Wucher. Vergleichbare Objekte zu finden, ist schwierig", so der Bäder-Chef. Die Siedlungen seien weder als Kleingärten noch als Mietwohnungen einzustufen. Deshalb habe man die höheren Pachten zuerst im Strandbad Wostra eingeführt und setze diese nun überall an.

"Allerdings haben Altverträge selbstverständlich Bestandsschutz", erklärt Waurick. Dort bleibe die Pacht gleich. Ab 2013 geschlossene Verträge haben eine Erhöhung um jährlich fünf Prozent als Klausel, bis diese die "ortsübliche" Höhe erreicht hat. "Davor wurde seit 2002 nichts mehr an der Pacht geändert", so Waurick. "Und das war lediglich die Umstellung von D-Mark auf Euro." Er appelliert an die Siedler, sich keine Sorgen zu machen. "Wer seinen Bungalow und sein Grundstück aufgeben möchte, sollte sich aber zwingend an uns wenden."    

Steffen Schmidt hat sich an Holger Zastrow gewandt. Der FDP-Fraktionschef im Stadtrat hat seinen Wahlkreis in Weixdorf. "Das ist reine Willkür bei der Preisgestaltung", sagt Zastrow. "Durch die Übertragung der Bäder an die Bäder GmbH hat der Stadtrat weniger Kontrollmöglichkeiten." Auf dem Wohnungsmarkt würde man von "Miethaien" sprechen.

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