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Dresdner greifen immer öfter zum „Teil-Auto“

Die Zahl der Carsharer in Dresden ist schon auf rund 7.000 gewachsen. Auch ein Parkplatz-Problem scheint gelöst zu sein.

© Sven Ellger

Tobias Winzer

Plastikkarte an den Scanner hinter der Windschutzscheibe halten, einsteigen, Autoschlüssel aus dem Handschuhfach angeln und schon geht die Fahrt los für Daniel Koch. Der selbstständige Fotograf, der beruflich viel in Leipzig und Chemnitz unterwegs ist, hat sich aus wirtschaftlichen und praktischen Gründen für einen Gemeinschaftswagen und gegen ein eigenes Auto entschieden. „Das gibt mir die Flexibilität, in jeder Stadt ein Auto stehen zu haben“, sagt der 41-jährige Wahl-Dresdner. Als er vor sechs Jahren aus Griechenland an die Elbe zog, rechnete er alle möglichen Modelle durch. Für das Car-Sharing beim Anbieter Teilauto gibt er jetzt pro Monat mal bloß 20 Euro, aber auch mal 400 Euro aus. Ein Leasing-Wagen hätte ihn durchgängig mindestens 200 Euro pro Monat gekostet, schätzt er. In der Nähe seines kleinen Ladens in Gruna hat er außerdem insgesamt drei Carsharing-Plätze zur Auswahl. „Es ist mir noch nie passiert, dass kein Auto zur Verfügung stand.“

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In Dresden scheinen immer mehr so zu rechnen wie Daniel Koch. Es sind meist Menschen, die nicht täglich aufs Auto angewiesen sind, viel mit dem Rad oder mit Zug, Bus und Straßenbahn fahren und einen Wagen nur für den Wochenendeinkauf oder für den Trip zum Baumarkt brauchen. Wegen hoher Anschaffungs-, Reparatur- und Wartungskosten lohnt sich ein eigenes Auto für sie nicht. Manche von ihnen haben auch einfach keine Lust auf die ständige Suche nach einem freien Parkplatz.

Carsharing-Anbieter Teilauto, der in insgesamt 16 mitteldeutschen Städten aktiv ist, zählt derzeit etwa 5.500 Kunden in Dresden und Wachstumsraten von durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr. Die Zahl der Carsharing-Stationen, auf denen die 160 Auto geparkt sind, ist allein in den vergangenen drei Jahren von 53 auf 92 nach oben gegangen. „Die Dresdner Nutzerzahlen entwickeln sich sehr dynamisch“, sagt Teilauto-Sprecherin Franziska Wilhelm. Mehr Kunden gebe es nur in Leipzig.

Kommt Mercedes nach Dresden?

Dabei kann sich das Unternehmen derzeit noch über paradiesische Zustände freuen. Denn es ist in Dresden praktisch konkurrenzlos. Die Deutsche Bahn betreibt mit Flinkster zwar einen eigenen Carsharing-Service in Dresden. Sie setzt aber nur sehr wenige eigene Autos ein und greift sonst auf die Teilauto-Wagen zurück. Ähnlich überschaubar ist das Angebot der international agierenden Firma Greenwheels. In den vergangenen Jahren hat sie mehrere Wagen aus der Stadt abgezogen und ist derzeit nur noch mit drei Autos am Start.

Diese komfortable Situation könnte sich schon bald ändern. Denn mittlerweile haben auch die großen Autokonzerne das Gemeinschaftsauto für sich erkannt. Zum Beispiel bieten Mercedes mit Car2go und BMW mit DriveNow flexible Carsharing-Angebote an. Anders als beim stationsbasierten Carsharing stehen die Autos dabei nicht auf festen Parkplätzen, sondern werden von den Nutzern irgendwo in der Stadt abgestellt und vom nächsten dort abgeholt. Gezahlt wird pro Fahrtminute. Einen Kilometerpreis und eine Grundgebühr gibt es nicht. Die Ortung der freien Autos funktioniert meist über das Smartphone. Bislang sind BMW und Mercedes vor allem in Metropolen wie Berlin, München, Hamburg oder Düsseldorf aktiv. Beide verfolgen aber eine Expansionsstrategie.

„Mit einem möglichen Start in Dresden haben wir uns beschäftigt, einen ersten Kontakt zur Stadt hat es ebenfalls gegeben“, sagt Car2go-Sprecher Andreas Leo. Ob und wann es einen Markteinstieg in Dresden gibt, will er aber nicht verraten. Auch beim Konkurrenten DriveNow legt man sich noch nicht fest.

Dabei ist das Angebot in Dresden noch längst nicht ausgereizt. So jedenfalls schätzt es TU-Verkehrsökologe Udo Becker ein. Rund 7 000 Dresdner nutzen derzeit das Carsharing. „Im Vergleich zu anderen Städten ist hier definitiv noch viel Luft nach oben“, sagt er. Der Wissenschaftler sagt, dass die Gemeinschaftsautos künftig eine viel größere Rolle spielen als heute. Carsharing sei im Vergleich zum eigenen Auto günstiger, umweltfreundlicher und sozialer. Außerdem stehe immer das Modell zur Verfügung, das man gerade brauche. Was die Förderung des geteilten Autos angehe, sei man jedoch in Dresden weniger kreativ als in anderen Städten.

Denn anders als hier haben die Verwaltungen in Weimar und Bremen bereits normale Parkplätze speziell für Carsharing-Autos reserviert. In Dresden muss der Anbieter Teilauto derzeit noch private Flächen anmieten, um dort Stationen einzurichten. Weil die Flächen aber in bestimmten Gebieten knapp sind, stehen die Gemeinschaftsautos nicht immer dort, wo sie gebraucht werden. „In einigen Gebieten, wie zum Beispiel in der Neustadt, müssten wir von der Nachfrage her noch weiter ausbauen – es fehlen aber die Stellplätze“, sagt Teilauto-Sprecherin Wilhelm.

Die Stadt verweist auf rechtliche Schranken. Der öffentliche Straßenraum dürfe nicht für Carsharing reserviert werden, teilt Baubürgermeister Jörn Marx (CDU) mit. Laut Straßenverkehrsordnung sei das nicht möglich. Im Freistaat sieht man das überraschenderweise anders. Die Reservierung für Carsharing-Fahrzeuge sei nach Ansicht der Bundesregierung ohne eine rechtliche Änderung schon jetzt möglich, sagt eine Sprecherin des Verkehrsministeriums. Eine Vorschrift, wie solche Flächen zu beschildern seien, werde erwartet und solle dann an die Kommunen weitergegeben werden. „Dann kann mit der Einrichtung der Stellplätze für Carsharing-Fahrzeuge begonnen werden.“