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Handwerker-Chef würde den Grünen eine Chance geben

Ein Gespräch darüber, was Handwerker von einer Kenia-Koalition in Sachsen erwarten und was sie fürchten.

Jörg Dittrich steigt nicht nur von Berufs wegen anderen aufs Dach. Der Präsident der Dresdner Handwerkskammer zeigt auch der Politik, wo der Hammer hängt. Der Dachdeckermeister führt den eigenen Betrieb in 4. Generation und hat 60 Mitarbeiter.
Jörg Dittrich steigt nicht nur von Berufs wegen anderen aufs Dach. Der Präsident der Dresdner Handwerkskammer zeigt auch der Politik, wo der Hammer hängt. Der Dachdeckermeister führt den eigenen Betrieb in 4. Generation und hat 60 Mitarbeiter. © Ronald Bonß

Jörg Dittrich gilt als eine starke Stimme der sächsischen Wirtschaft. Der Präsident der Dresdner Handwerkskammer spricht für gut 22.000 Betriebe in Ostsachsen mit 125.000 Beschäftigten – und er redet gern Klartext. Die SZ sprach mit dem 50-Jährigen über Streitkultur, „Fridays for Future“, das Klimapaket des Bundes, neue Machtkonstellationen nach der Landtagswahl – und über die Grünen, die für viele Handwerker ein Rotes Tuch sind.

Herr Dittrich, was haben Sie gedacht, als am Wahlabend im Fernseher die ersten bunten Diagramme mit Stimmen und Sitzverteilung aufploppten?

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Die Welt ist wieder etwas komplexer geworden. In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Die eine Seite sorgt sich, dass kleine Parteien großes Gewicht bekommen und eine Diktatur der Minderheiten entsteht. Die Grünen haben acht, die SPD sieben Prozent, und beide müssen wesentliche Punkte durchsetzen, um überhaupt wahrgenommen werden. Die andere Herzhälfte sagt jedoch, es ist nicht schlecht, wenn eine starke bürgerliche CDU mit grün-linkeren Gedanken zusammenkommt und so eine größere Schnittmenge der Gesellschaft abbildet, als wenn nur einer allein sein Programm durchsetzt.

Die Frage ist, ob das von den Menschen erkannt wird, oder ob sie in den Gräben bleiben und das Absolute verlangen.

Egal ob es um die Themen Klima, Flüchtlinge, Rente oder Euro geht, die darüber Erregten sehen in der Diskussion nur ihre Themen. Die Meinungen haben aus meiner Sicht hysterische Ausmaße angenommen. Aber mit Aggressivität kann man einem Klimawandel nicht begegnen.

Woran machen Sie die Hysterie fest?

Alle sollen mehr Geld bekommen: Lehrlinge eine Mindestausbildungsvergütung, die Beschäftigten eine Tarifentlohnung. Und die Rentner sowieso. Die Pflege soll finanziell besser ausgestattet werden. Mehr Lehrer und Polizisten kosten – wie eine bessere Infrastruktur aus Straße und Breitband. Und dann soll das ganze Geld für die CO2-Einsparung ausgegeben werden? Jeder Kompromiss, der geschlossen wird, wird jedoch sofort beschimpft. Und das ist falsch.

Also schlechtes Klima beim Klima?

Da ist großer Druck auf dem Kessel – und das spürt man. Gerade die Grünen wollen und müssen liefern. Und die CDU hat mit der Werteunion einen Arm, der lieber eine Minderheitsregierung hätte, als die Grünen an der Macht zu beteiligen. Die Frage ist, ob die Reihen geschlossen werden oder einer die Nerven verliert.

Wie gerade im TV-Duell bei Maybrit Illner zwischen Sachsens Premier Michael Kretschmer und Anton Hofreiter, dem Grünen-Fraktionschef im Bundestag.

Ich habe den Eindruck: Alle wünschen sich mehr Krawall.

Das macht wenig Hoffnung für mögliche Koalitionsgespräche in Sachsen.

Es ist eine sehr schwere Aufgabe, und ich habe großen Respekt vor den Beteiligten. Aber im Land gehen die Parteien anders miteinander um, als auf Bundesebene. Wir hatten vor der Wahl Wahlprüfsteine mit unseren Grundpositionen an die Parteien geschickt, die von allen ausführlich beantwortet wurden. Gerade bei den Grünen in Sachsen gab es auch andere Standpunkte im Vergleich mit ihrer Bundespartei. Sie stehen beispielsweise hinter der teilweisen Wiedereinführung der Meisterpflicht, die Zentrale ist da deutlich skeptischer.

Ex-Landesbauernpräsident Wolfgang Vogel spricht den Grünen die Kompetenz ab und warnt davor, ihnen das Landwirtschaftsministerium zu geben.

Ich spreche ihnen nicht die Kompetenz ab. Jeder ist lernfähig. Zum Beispiel wollen wir mehr Handwerker in Hochschulgremien sehen. Die Grünen vermuten, wir wünschten das nur wegen neuen Personals für die Betriebe. Doch wir wollen, dass das Handwerk in die Forschung einbezogen wird. Die Annahme zeigt, dass die Partei noch nicht in Verantwortung mit dem Handwerk war – deshalb kritisiere ich es auch nicht. Wir sind in der Pflicht und müssen erklären, was wir wollen. Natürlich geht es auch darum, die Attraktivität des Handwerks für Absolventen zu steigern, aber nicht allein. So wünschen wir uns einige Dinge – beispielsweise, dass in Studiengängen Handwerk stattfindet. Dort kann man noch viele Innovationen für das Land herauskitzeln.

Spannend wird auch, was aus dem Wirtschaftsministerium wird, wofür die Grünen ja auch Ambitionen haben.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Handwerk und Grünen. Nehmen Sie als Beispiel „Fridays for Future“: Nachhaltigkeit, Qualität, Ausbildung, Sinn, kurze Wege, regionale Wirtschaftskreisläufe – das wird auf den Demos gefordert. Und für all das steht auch das Handwerk. Es gibt enge Zusammenhänge zwischen Themen der Grünen und des Handwerks. Demzufolge sollte der wirtschaftliche Umbau mit der Stärkung des Handwerks einhergehen.

Geben Sie ein Beispiel.

Das ist der Bäcker an der Ecke, der nicht abhauen kann, weil sein Betrieb dort verwurzelt ist. Genau das Geschäftsmodell ist aber von Bürokratie und Industrieproduktion bedroht. Wenn wir es erhalten wollen, erwarte ich von den Grünen, dass sie sich für diese kleinen Unternehmen stark machen – mit konkreten Maßnahmen und nicht nur mit Verboten und Teuerung. In der Opposition musste die Partei nicht liefern, aber in der Regierung muss sie den Beweis antreten, dass sie dafür Ideen hat und sie mit uns gemeinsam auch umsetzen will.

Haben Sie daran Zweifel?

Noch sehe ich eine Diskrepanz in der Darstellung des Ziels. Viele Handwerker definieren die Grünen über das Lastenfahrrad, mehr Radwege und den Ausstieg aus der Braunkohle. Jetzt müssen auch Antworten gefunden werden auf Fragen wie: Woher kommt die Wertschöpfung in der Lausitz? Wie kommen regional erzeugte Produkte vom Land in die Stadt? Es reicht nicht, zu sagen: „Alles halb so schlimm, 2038 sind die meisten Kohlekumpel sowieso in Rente“. Auch ist das Gros der Handwerksbetriebe nicht in der Stadt. Wir brauchen Nachhaltigkeit auch auf dem Land. Man bekommt die Produkte nicht mit dem Lastenfahrrad von Hoyerswerda nach Dresden. Das wird nicht wahrgenommen und ist der Schwachpunkt in der Argumentation.

Haben Sie das Wahlprogramm der Grünen gelesen?

Klar. Da steht alles drin: Man will mehr Grün in der Stadt, aber gleichzeitig Verdichtung für mehr sozialen Wohnungsbau. Man will den ländlichen Raum stärken, aber weniger Verkehr haben. Es ist eben ein Wahlprogramm – und deshalb rege ich mich auch nicht darüber auf. Aber ich frage: „Wie wollt Ihr das umsetzen und Nachhaltigkeit in der Region unterstützen?“

Ist eine Kenia-Koalition besser als Neuwahlen und Minderheitsregierung?

Wir können nicht so lange wählen, bis es irgendwann eine genehme Mehrheit gibt. Die schwierigste Aufgabe von Kenia wäre, Menschen zusammenzuführen. Die Schwarzen müssen ein Stück auf Rot zugehen, und die Grünen müssen zugeben, dass es nicht nur um ein Ausstiegsdatum für die Kohle geht, sondern auch um Wertschöpfung. Dann können sie sagen: Wir haben nach 30 Jahren CDU frischen Wind, andere Aspekte und neue Leute eingebracht. Aus konservativer Sicht hätte eine Minderheitsregierung die Folge, das vieles so bleibt, wie es ist. Das ist eine Haltungsfrage. Ich denke aber: Man sollte Zukunft gestalten.

Ist Kenia auch dann noch die beste Option, wenn es einzig darum geht, die AfD von der Macht fernzuhalten?

Nein, das würde nicht tragen. Die Kenia-Koalition brächte für das Handwerk die größten Veränderungen. Dann kämen viele Punkte, von Bildungsurlaub bis zu einem geänderten Vergabegesetz auf die Tagesordnung, die Unternehmen skeptisch betrachten. Mit einem veränderten Vergabegesetz würde die Wirtschaft nicht zusammenbrechen. Die Garantie für Nachhaltigkeit, Tariflohn und Vermeidung von Kinderarbeit bei Zulieferern kann ein Fünf-Mann-Betrieb bürokratiebedingt nicht gewährleisten. Das ist gut gemeint, aber nicht umsetzbar. Wer soll das auch alles kontrollieren?

Option vier wäre, dass die CDU doch noch mit der AfD zusammengeht.

Das kann ich mir nicht vorstellen, denn daran könnte die CDU zerbrechen.

Sachsen und Brandenburg haben zeitgleich gewählt. Beim Nachbarn laufen, auch mit Dreierkonstellation, bereits Koalitionsgespräche. Und in Sachsen wird noch immer sondiert.

Was sich Sondierung nennt, empfinde ich schon als Koalitionsverhandlung. Vermutlich sollen die Menschen eingestimmt werden, auf das, was da kommt. Bei den Allergologen heißt das Hyposensibilisierung.

Was bedeutet das Klimapaket der Bundesregierung für die Handwerker?

Auf der einen Seite stellt das Handwerk die Lösung für die Ziele: Wer baut die Heizungen um, wer rüstet die Diesel-Autos um, wer baut die Elektroladesäulen, wer kümmert sich um die energetische Häusersanierung? Das Handwerk. Und das gilt genauso für den regionalen Wirtschaftskreislauf, wenn wir nicht mehr den Teigling für einen Cent aus Brasilien einfliegen. Das ist der positive Teil.

Und der kritische?

... dass wir eine Einbindung in die Weltwirtschaft haben. Nur darüber redet keiner. Nicht jedes Ziel muss realistisch sein, aber man muss eine Richtung haben, um überhaupt vorwärtszukommen. Was ist, wenn der Bürger letztlich weniger in der Tasche hat und die riesige Umverteilung nicht die gewünschte Wirkung entfaltet. Und der Handwerker noch mehr Probleme bekommt, weil er den Mitarbeitern mehr zahlen soll und gleichzeitig das, was er verbaut, durch Vorschriften noch teurer wird.

Heizöl, Sprit, Flüge teurer, Bahnfahren billiger, CO2-Bepreisung, höhere Pendlerpauschale, Austauschprämie für Heizungen – setzt das Klimapaket die richtigen Eckpunkte?

Wir hatten unter der rot-grünen Bundesregierung schon mal einen Umweltbonus, wodurch der Sprit teurer wurde und die Autos auch etwas sparsamer. Für einen großen Wurf müsste eine Bündelung stattfinden. Stattdessen wird nur etwas obendrauf gesetzt. Müssten wir uns statt der CO2-Bepreisung nicht technologisch Gedanken machen, wie wir mit dem Thema umgehen, statt so zu tun, als sei es möglich, Dinge wieder auf ein Maß zurückzuführen?

Jetzt regen sich alle auf, weil die Bundesregierung mit vier Flugzeugen zum Klimagipfel nach New York geflogen ist.

Ich nicht, denn das war ein einmaliges Ereignis. Ich frage mich stattdessen, warum die Bundesregierung 30 Jahre nach der Einheit noch immer in Berlin und Bonn sitzen muss und so Zehntausende Flüge vom Beamten stattfinden. Ich kann doch nicht fordern: Ihr müsst Euch jetzt besser verhalten, aber wir selbst sind nicht zu Veränderungen bereit. Wer es mit dem Klima ernst meint, kann nicht nur sagen: In der Lausitz schalten wir mal acht Jahre früher den Strom ab, aber pendeln gleichzeitig zwischen Berlin und Bonn. Da werde ich wütend. Da können wir auch die Ministerien von Bonn nach Berlin verlegen. Aber das traut sich keiner zu sagen, weil da jene sitzen, die solche Papiere schreiben.

Ist „Fridays for Future“ überbewertet?

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Wir beschweren uns immer, dass sich niemand engagiert. Daher ist es toll, dass die Jugend auf die Straße geht und sich einbringen will – ob das allen passt oder nicht. Medienseitig ist der Rummel übertrieben. Vor einer Woche demonstrierten 270 000 Leute – das sind viele und doch nur ein Teil der Gesellschaft. Wie gesagt: Hysterie hilft nicht. Wir brauchen keinen Aktionismus, sondern durchdachte Lösungen. Handwerk und Mittelstand können nicht noch stärker belastet werden. Vielleicht ist die Erkenntnis zu viel verlangt von Kindern, die auf die Straße gehen. Hat es eine Lenkungswirkung, wenn der Strompreis runter geht, Leute das Licht wieder länger brennen lassen und andere Sachen dafür teurer werden?

Das Gespräch führte Michael Rothe.

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