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Dresdner heizen mit Mikrochips

Jens Struckmeier stellt seine Rechner in fremde Häuser – und schon wird es warm genug

Von Georg Moeritz

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Netzwerkmanager (w/m/d) gesucht

Die Kommunale DatenNetz GmbH sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine/n engagierte/n Mitarbeiter/in für eine verantwortungsvolle Tätigkeit im Management eines landesweiten kommunalen Datennetzes einschließlich der dazugehörigen Netzdienste.

Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU) findet die Idee „genial einfach“. Eine Idee aus Sachsen, die laut Kupfer von hier aus in die Welt gehen wird: Große Computer mit ihrer Wärmeentwicklung werden künftig nicht mehr in Hallen mit Klimaanlage aufgereiht, sondern in Wohnungen zum Heizen genutzt.

Jens Struckmeier aus Dresden will in diesem Jahr die ersten 200 Heiz-Computer installieren. Kunden von Sachsen bis Köln hat er schon gefunden. Gestern zeigte er dem Umweltminister die ersten zwölf, die in der Dresdner Neustadt ein Dutzend Wohnungen beheizen. Auch das Warmwasser ist damit gesichert – die Bewohner brauchen weder Fernwärme noch Gasanschluss, versichert Struckmeier. Nur für den Notfall gibt es einen Reserve-Heizstab neben den dick isolierten Wassertanks im Keller.

Der Physiker Struckmeier ist zwar nicht der erste, der die Abwärme von Servern zum Heizen nutzt. Doch sein neues Dresdner Unternehmen Aoterra GmbH verbindet zwei Geschäftsideen: Bei Struckmeier können Firmen rechnen lassen, also komplizierte Aufgaben wie die Produktion von Animationsfilmen auf seine Server schicken. Zugleich kümmert sich Aoterra darum, diese Rechner in verschiedenen Kellern aufzustellen. Das sei „sicherer als ein zentrales Rechensystem“, sagt Struckmeier.

Dicke Wände sind Bedingung

Vorgestern ist der Fußboden versiegelt worden, nächste Woche will Peter Müller in eine der ersten Wohnungen mit Server-Heizung einziehen: Der Architekt hat bisher auf dem Land gelebt, nun zieht es ihn mit Familie in die Dresdner Neustadt. Er hat die Pläne für die zwölf Eigentumswohnungen gemacht, die nun mit Fußbodenheizung und 20 Zentimeter Wanddämmung auf die Wärme aus dem Computer warten. Eine „wagemutige Eigentümergemeinschaft“ habe sich überzeugen lassen, sagt er.

Der Architekt war „elektrisiert von der Idee“ der Abwärme-Heizung, die allerdings nicht für jeden Bau geeignet ist. Ein Niedrigenergiehaus muss es schon sein, also gut isoliert und mit Zusatzlüftung. Dann lasse sich die „Wohlfühltemperatur von 21 bis 23 Grad“ problemlos erreichen. Müllers neues Heim ist eine ehemalige Sauerkrautfabrik nahe der Martin-Luther-Kirche. Das Gebäude stand lange leer, der Architekt fand noch Futtertröge für Pferde.

Wärme-Lieferant Struckmeier wirbt damit, dass seine Server anderen Energiequellen überlegen seien. Er rechnet vor: 12 000 Euro muss ein Wohnungsbesitzer für den Heiz-Computer bezahlen, dafür aber mindestens 15 Jahre lang keine Kosten für Heizstoffe. Von Minister Kupfer gab es gestern 82 000 Euro Fördergeld, weil die innovative Heizung als Modellprojekt für Energieeffizienz und Klimaschutz beurteilt wurde.

Im Sommer weniger rechnen

Ausprobiert hat das Unternehmen die Server-Heizung zuvor im Haus des Professors Christof Fetzer, System-Experte an der Technischen Universität. Aus dessen Wissen entwickelte Mitarbeiter Struckmeier die Idee für seine Firma, die nun 34  Beschäftigte hat. Mitgeschäftsführer Marcel Schretzmann kündigt an, die Belegschaft dieses Jahr auf mehr als 50 zu vergrößern, bei erwarteten zwei Millionen Euro Umsatz. Aoterra habe schon viele Anfragen, obwohl es bis gestern keine öffentliche Werbung gab, nur Auftritte auf Tagungen.

Die Firmengründer hoffen, mehrere Jahre Wissensvorsprung vor Konkurrenten zu haben. Dass Computer-Experten in Dresden an energiesparenden Mikrochips forschen, schreckt sie nicht – der Bedarf an Rechenleistung wachse. Aoterra will es sogar schaffen, im Sommer weniger Rechenaufgaben zu übernehmen als im Winter, je nach Heizbedarf.

Minister Kupfer bestellte gestern allerdings keinen Heiz-Computer für sein Wohnhaus. Er habe ab und zu Grundwasser im Keller, sagte Kupfer – und außerdem daheim in Oschatz noch keinen Breitband-Internetanschluss mit 50 Megabit pro Sekunde. Der ist für die Großrechner eine wichtige Bedingung.