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Dresdner Kunstrasenplätze vor dem Aus?

Einige Füllmaterialien belasten die Umwelt und könnten krebserregend sein. Die EU droht mit einem Verbot.

Michael Kroll ist im Sportstättenbetrieb der Fachmann für die Kunstrasenplätze. Links in seiner Hand im Bild ist der Rasentyp zu sehen, den Dynamo Dresden auf dem neuen Trainingsgelände verbauen wird. Rechts die dichtere Variante der Zukunft.
Michael Kroll ist im Sportstättenbetrieb der Fachmann für die Kunstrasenplätze. Links in seiner Hand im Bild ist der Rasentyp zu sehen, den Dynamo Dresden auf dem neuen Trainingsgelände verbauen wird. Rechts die dichtere Variante der Zukunft. © Marion Doering

Kunstrasenplätze waren in Dresden lange das Non plus ultra im Sportstättenbau. Erst im Mai hatte der Stadtrat beschlossen, mit freigewordenen Geldern zwei Tennen-Bolz-Plätze in Kunstrasenplätze umzuwandeln. Kostenpunkt: jeweils rund 750.000 Euro. Weitere acht Kunstrasenplätze sollen in den nächsten Jahren folgen, weil der Bedarf im Fußball wächst. Die Variante aus Kunstrasen gilt als langlebig und – anders als der Naturrasen – bei fast jeder Witterung bespielbar.

Doch plötzlich gerät der Kunstrasen in Verruf. Der Grund sind die Füllmaterialien zwischen den künstlichen Grasfasern. Weltweit haben Fußballvereine jahrelang dabei auf kleine Kunststoffkügelchen gesetzt, also auf Mikroplastik. Doch jetzt ist von einem EU-weiten Verbot dieser Kügelchen die Rede. Erst vergangene Woche haben der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verkündet, sich intensiv mit dem Thema beschäftigen zu wollen. 

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Vor allem im Sinne des Umweltschutzes. Denn laut einer Untersuchung der Europäischen Chemikalienagentur würden jedes Jahr pro Kunstrasenplatz 400 Kilogramm Füllmaterial in die Umwelt entweichen – vor allem durch Regen und Wind, aber auch durch die Entwässerung oder das Schneeräumen im Winter. Andere Experten bezweifeln diesen hohen Wert, sehen aber trotzdem, dass von den Plätzen eine ganze Menge Mikroplastik in die Umwelt gelangt. Und das soll verhindert werden.

Bisher ist ein Kunstrasenplatz aus einer elastischen Schicht, der Sandschicht, einer Schicht aus Füllmaterial und den Kunstgrasfasern aufgebaut. Doch das Mikroplastik könnte bald verboten werden.
Bisher ist ein Kunstrasenplatz aus einer elastischen Schicht, der Sandschicht, einer Schicht aus Füllmaterial und den Kunstgrasfasern aufgebaut. Doch das Mikroplastik könnte bald verboten werden. © Marion Doering

Ein Verbot könnte schon 2021 in Kraft treten. Die hochrangigen Sportorganisationen wollen sich für eine Übergangsfrist stark machen. Denn wenn das Verbot so rigoros kommt, müssten Vereine und Gemeinden auf einen Schlag Umbauten und damit Kosten in Millionenhöhe stemmen – oder ihre Plätze erst einmal sperren.

In Dresden wären allein 26 Kunstrasenplätze in kommunaler Hand davon betroffen. Hinzu kommt, dass laut Michael Kroll, dem zuständigen Mitarbeiter aus dem Sportstättenbetrieb, alternative Materialien sieben- bis zwölfmal so teuer sind wie die Kunststoffe. Pro Platz würden die Kosten dann deutlich über 750.000 Euro liegen.

Als natürlicher Ersatz für das Mikroplastikmaterial gelten Kork und zerkleinerte, abgerundete Olivenkerne. Bei den beiden Plätzen, die gerade an der Eibenstocker Straße und der Oskar-Röder-Straße entstehen, werden diese Alternativen aber noch nicht genutzt. Denn laut Kroll konnten die bereits ausgelösten Ausschreibungen nicht mehr geändert werden. Hier wird also trotzdem noch Mikroplastik verbaut. Allerdings hat der Sportstättenbetrieb kürzlich entschieden, bei künftigen Plätzen gänzlich auf Mikroplastik zu verzichten. Dann wird in Dresden quasi ein viel dichterer Kunstrasen zum Einsatz kommen, der zudem über eine höhere Sandschicht verfügt.

Denn auch die alternativen Füllmaterialien haben Nachteile. „Kork kann schimmeln oder bei Starkregen aufgeschwemmt und weggespült werden“, sagt Michael Kroll. Trotzdem gibt es jetzt einen prominenten Pilottest in Dresden: Beim neuen Dynamo-Trainingszentrum im Ostragehege wird Kork eingesetzt.

Eine Vielzahl an Kunststoffen wurde bisher als Füllmaterial für Kunstrasen genutzt. Nur die schwarzen Kügelchen (ganz vorn) aus alten Autoreifen kommen nicht mehr zum Einsatz. Sie könnten krebserregend sein.
Eine Vielzahl an Kunststoffen wurde bisher als Füllmaterial für Kunstrasen genutzt. Nur die schwarzen Kügelchen (ganz vorn) aus alten Autoreifen kommen nicht mehr zum Einsatz. Sie könnten krebserregend sein. © Marion Doering

So wie der Sportstättenbetrieb künftig ganz auf Mikroplastik verzichten will, war er auch an anderer Stelle schon Vorreiter. Denn zur Gruppe der Kunststoff-Kügelchen gehört auch das sogenannte SBR. Das besteht aus recycelten Autoreifen und könnte krebserregend sein, wie verschiedene Studien gezeigt haben. SBR gilt unter den Füllstoffen aber als die billigste Lösung und wurde deshalb häufig verbaut. Nur seit 2009 nicht mehr auf kommunalen Plätzen in Dresden. „Wenn die Sonne auf so einen Platz prasselt, merken Sie, wie Hitze und unangenehme Gerüche aufsteigen. Und dann laufen da die Kurzen drüber und atmen das ein. Das geht nicht“, sagt der 47-jährige Kroll, der selbst Vater ist und 2007 erstmals von den eventuell krebsauslösenden Eigenschaften gehört hat.

Zwei Plätze in Dresden, auf die der Sportstättenbetrieb beim Bau keinen Einfluss hatte, sind dennoch mit dem schwarzen SBR-Granulat verfüllt: Einer in Schönfeld und der Platz der Monarchs, die an der Bärnsdorfer Straße American Football spielen. Deren Geschäftsführer Jörg Dreßler sagt: „Es gibt ja noch keine Langzeitstudien zu dem Material. Wir können nur beobachten, was die Zukunft bringt. An sich waren wir glücklich über unseren Kunstrasenplatz, dass er so gut ist.“ Zudem könne sich die Meinung ja auch wieder ändern.

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Und wenn nicht, sei jetzt vielleicht genau die richtige Zeit für Veränderung, meint Dreßler. Der Platz an der Bärnsdorfer Straße wurde ihm zufolge 2006 gebaut und muss damit in den kommenden Jahren vermutlich ohnehin erneuert werden. Ein schlechtes Gewissen den Vereinsmitgliedern oder Eltern gegenüber hat er nicht – da die krebserregende Gefahr nicht eindeutig belegt ist.