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Dresden

Dresdner Mediziner für Masern-Impfpflicht

Die Ärzte befürworten den neuen Gesetzentwurf. Doch Kitas und Schulen kritisieren die Folgen.

Im Jahr 2015 ist die letzte große Masernwelle durch Dresden gerollt. 165 Menschen waren damals erkrankt. Das kann laut Experten immer wieder passieren – auch mit tödlichen Folgen. Impfgegner fürchten dagegen die Nebenwirkungen der Impfung.
Im Jahr 2015 ist die letzte große Masernwelle durch Dresden gerollt. 165 Menschen waren damals erkrankt. Das kann laut Experten immer wieder passieren – auch mit tödlichen Folgen. Impfgegner fürchten dagegen die Nebenwirkungen der Impfung. ©  dpa

Wenn der Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Realität wird, kommen auf Kitas und Schulen neue Konflikte zu. Denn der Entwurf sieht vor, ungeimpfte Kinder von der Betreuung in der Kita auszuschließen. Weil die Schulpflicht gilt, drohen für ältere, ungeimpfte Kinder Bußgelder bis zu 2 500 Euro.

Annegret Kupke, Leiterin des Laubegaster Kinderhauses Jona, kritisiert den möglichen Ausschluss aus der Kita. „Ein Kind muss die Kita besuchen dürfen. Das wäre sonst wie eine soziale Isolierung“, sagt sie. Vereinzelt gebe es auch in ihrer Kita ungeimpfte Kinder. Eltern, die sich gegen das Impfen entscheiden, seien in diesem Punkt oft sehr selbstbewusst. Sie weiß aber auch, dass die Impfpflicht Druck aufbauen würde, weil die Eltern arbeiten gehen und auf die Kinderbetreuung angewiesen sind.

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Die Leiterin eines Dresdner Waldorfkindergartens, die namentlich nicht genannt werden will, befürwortet persönlich die Impfung. In ihrem Berufalltag aber hat sie häufig mit Impfgegnern zu tun. Geschätzt 50 Prozent der Kinder ihrer Kita seien nicht ausreichend geimpft. Die Eltern zur Impfung zu verpflichten, hält sie für einen Eingriff in deren Persönlichkeitsrechte. „Ich werde keine Eltern bei der Stadt anzeigen oder denunzieren“, sagt sie. Zudem wirft sie die Frage auf, wie sich ein Ausschluss aus der Kita mit dem gesetzlichen Anspruch auf einen Kitaplatz vereinbaren lässt. Damit scheint es jedoch keine Probleme zu geben. Laut städtischem Gesundheitsamt können schon heute Kinder von der Betreuung ausgenommen werden, wenn zum Impfstatus keine Aussage getroffen wird.

Als die letzte Masernwelle 2015 durch Dresden rollte, waren vor allem die Walddorfschule in der Radeberger Vorstadt sowie Waldorfkindergärten betroffen. Der Anteil ungeimpfter Kinder ist dort meist höher als in anderen Einrichtungen. Mehrere der damals insgesamt 165 Erkrankten sind im Städtischen Klinikum Neustadt behandelt worden. Oberärztin Antje Nordwig hat dabei wiederholt Eltern erlebt, die von ihrer Entscheidung auch dann noch felsenfest überzeugt waren, als ihre Kinder tagelang stationär behandelt werden mussten. Sie hätten die schwere Erkrankung bewusst in Kauf genommen, sagt sie. „Doch nicht nur während der akuten Erkrankung, sondern noch Jahre später kann es zu Todesfällen kommen. Die Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit.“

Die von der Bundesregierung angestrebte Herdenimmunität gilt erst ab einer Impfrate von 95 Prozent als erreicht. Doch wie die Zahlen des Sächsischen Gesundheitsministeriums zeigen, haben im Schuljahr 2017/18 zwar 97 Prozent der sächsischen Kita-Kinder die erste Impfung erhalten. Jedoch lag die Zahl bei den Erstklässlern, die auch noch die wichtige, zweite Impfung bekommen hatten, bei nur 82 Prozent. Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) sagt: „Es geht mit der Impfpflicht um den Schutz der Gemeinschaft, denn wir müssen auch an diejenigen denken, die selbst nicht geimpft werden können wie Säuglinge oder chronisch kranke Menschen. Es geht um unsere gesellschaftliche Verantwortung.“ Dem pflichtet Sascha König-Apel vom Dresdner Stadtelternrat bei. „Häufig holen Eltern mit Säuglingen oder Großeltern die Kinder aus der Kita. Diese Personen müssen geschützt werden.“ Den Ausschluss nicht geimpfter Kinder hält er für richtig.

Dass für ungeimpfte Schulkinder hohe Bußgelder drohen, kann Verona Löpelt, Leiterin der 6. Grundschule, nicht nachvollziehen. „Es ist nicht meine Aufgabe den Impfpass zu kontrollieren. Das ist kein pädagogisches Geschäft“, sagt sie und rechnet sogar damit, dass strenge Impfgegner Schlupflöcher finden würden.

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In diesem Jahr sind in Sachsen bisher 15 Personen an Masern erkrankt. Bei vier Erkrankten wird eine Ansteckung im Ausland vermutet, beim Rest in Dresden. Von den 15 Betroffenen war keiner geimpft. Auffällig ist, dass darunter nur zwei Kinder waren. Wie aus einem Bericht der Landesuntersuchungsanstalt hervorgeht, hat sich im Januar aber der 34-jährige Fahrer eines Krankentransporters angesteckt, als er eine Erkrankte fuhr. Nach SZ-Informationen waren unter den Erkrankten noch zwei weitere Personen aus dem medizinischen Bereich. Weil diese als Multiplikatoren gelten, die häufig auf „empfängliche Personen“ treffen, sieht der Gesetzentwurf auch vor, dass medizinisches Personal gegen Masern geimpft sein muss. Genauso wie Erzieher und Lehrer. Das städtische Gesundheitsamt begrüßt jegliche Initiative, die zu einer höheren Impfrate führt.