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Dresdner Papp-Architekt erobert Hollywood

Einst startete Maximilian Hansen als bastelnder Student. Eine große Entscheidung später wird er von den erfolgreichsten Marken der Welt engagiert.

"Ich bin kein Möbelhersteller": Maximilian Hansen dreht am großen Papprad.
"Ich bin kein Möbelhersteller": Maximilian Hansen dreht am großen Papprad. © kairospress

Dresden. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Anfragen aus Deutschland und Anfragen aus Amerika. In Amerika, sagt Maximilian Hansen, werde sofort übers Geld geredet. "Das ist mein Budget. Was können wir damit machen?" In Deutschland dagegen werde in der Regel erstmal unverbindlich angefragt. Und wenn es irgendwann dann doch ums Geld geht, dann kommt meist auch die Frage: "Geht das nicht ein bisschen günstiger?" Verbunden mit dem beliebten Argument: "Ist doch nur Pappe."

"In Amerika habe ich diesen Satz noch nie gehört", sagt der 38-jährige Dresdner. Immer, wenn sein Computer piept, schaut er automatisch auf seinen riesigen Monitor. Eine neue Mail. Könnte ja wichtig sein. Vielleicht eine neue Anfrage von Microsoft, von Volkswagen oder Levi's. 

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Hier, in diesem abgeranzten Hinterhof in Friedrichstadt hat vor sieben Jahren alles angefangen. Gemeinsam mit zwei Mitstreitern begann Hansen damals aus aussortierter Wellpappe Konstruktionen zu entwerfen. Zunächst Stühle, Tische und Lampen. Aus Handskizzen wurden erst 3-D-Modelle und dann Prototypen. Mit Lasertechnik von der Technischen Universität sägten sie sich die Teile zurecht.

Bald gewannen sie mit ihrer Idee einen Wettbewerb an der Uni und merkten: Da geht noch mehr. Und sie ahnen: Mit Pappmöbeln kann man vielleicht sogar Geld verdienen. Wenige Wochen später gründeten sie das Unternehmen Nordwerk (weil ihre Nachnamen alle irgendwie nach Norden klangen) und stürzten sich ins wirtschaftliche Abenteuer. Im Tausch gegen ein paar stylische Möbel überließ ihnen die Recyclingfirma Veolia alte Tabakkartons aus einer Zigarettenfabrik. Seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU ließ Hansen auslaufen.

Sieben Jahre später ist er immer noch im selben Hinterhof aktiv, aber nicht mehr besonders häufig. Nur ein kleines Schild an der Klingel verrät, dass hier noch Nordwerk zu Hause ist. "Wir haben hier inzwischen alles auf ein Minimum runtergefahren", sagt Hansen, der seit Jahren alleiniger Geschäftsführer ist. Nur noch eine Mitarbeiterin kümmert sich ums Büro.

Die großen Geschäfte macht Nordwerk inzwischen Tausende Kilometer entfernt in Kanada und den USA. Vor drei Jahren siedelte Hansen beruflich und privat nach Vancouver über, heiratete dort sogar und übernahm die Leitung eines Unternehmens, das er mit seinem Nordwerk verschmelzen konnte. "Nach Nordamerika zu gehen, war die klügste Entscheidung", sagt er heute. Der Markt in Amerika boome. Gerade beim Thema Nachhaltigkeit gebe es dort gewaltigen Nachholbedarf.

In seinen Standort in Kanada investierte Hansen 350.000 Euro und kann dafür nun völlig autonom mit eigenen Maschinen produzieren. Fünf Mitarbeiter beschäftigt er inzwischen. Die Pappen, die er verwendet, sind längst keine Wegwerfprodukte mehr, sondern werden eigens für ihn hergestellt. In Schweden. Das ist zwar ein Dämpfer für die Nachhaltigkeit, war aber dafür ein entscheidender Schritt hin zu einer Qualität, die die ganz Großen anlockt.

Dafür hat er sich zuletzt entschieden, Baupläne für einzelne Möbelstücke kostenlos zum Download und Nachbau zur Verfügung zu stellen.

Auch für große Automobilhersteller kreierte Hansen schon komplette Messe-Auftritte.
Auch für große Automobilhersteller kreierte Hansen schon komplette Messe-Auftritte. © Nordwerk Design

Zu Hansens Kunden gehören heute die erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Für sie kreiert er in der Regel keine Stühle oder Tische, sondern komplette Messe-Welten. "Ich bin kein Möbelhersteller, ich will große Sachen bauen", sagt er. Nur das lohne sich so richtig.

Die Sessel seien dennoch wichtig, um die Marke bei den Leuten bekannter zu machen. Auftritte im Fernsehen kommen ihm da gerade recht, auch wenn er damit nicht das große Geld verdient. In Deutschland sind seine Konstruktionen derzeit unter anderem in der zweiten Staffel der ZDF-Serie „Bad Banks“ zu sehen und auch in der Sat1-Serie "Der Bulle und das Biest" durfte er sich schon an der Ausstattung beteiligen.

Doch auch Hollywood ist schon auf das Papp-Design aufmerksam geworden. Zufall ist das nicht: Vancouver gilt als eine der wichtigsten Städte für die Filmindustrie. Unzählige Serien und Filme werden hier produziert. „Auf unserem Wellpappe-Sessel sitzt zum Beispiel Lauren Graham, die man von den Gilmore Girls kennt“, sagt  Hansen. Die Pilotfolgen der Serie „Zoey's Extraordinary Playlist“ liefen zuletzt beim US-Sender NBC. Auch von Disney und den Universal-Studios gab es schon Anfragen.

An Selbstbewusstsein hat es Maximilian Hansen noch nie gemangelt. Jetzt hat er auch den richtigen Markt für sich entdeckt. "Was hier mutig erscheint, ist in Amerika völlig normal", sagt er. In Sachsen dagegen habe er trotz vieler Beteuerungen kaum Unterstützung in Form von Förderungen bekommen.

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Jetzt fühlt er sich endlich wertgeschätzt und will seinen Auftraggebern in aller Welt auch beweisen, dass ihr Vertrauen in Pappe gerechtfertigt ist. Dafür sitzt er im Flugzeug wie andere in der S-Bahn. Hawaii, Venezuela, Madrid, Seattle, Toronto - überall sind seine Messe-Bauten gefragt, wenn nicht gerade das Coronavirus das öffentliche Leben lahmlegt. Er selbst müsste natürlich nicht überall vor Ort sein und er vertraut auch seinen Leuten. Im Zweifel schaut er aber dann doch lieber mal kurz vorbei. So viel Perfektionismus muss erlaubt sein.

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