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Liebe ist ein Zuhause

Mit der Filmemacherin Doris Dörrie beginnt die neue Reihe der Dresdner Reden. 

Doris Dörrie nahm das Publikum im Dresdner Schauspielhaus auf eine faszinierende Erzählreise mit.
Doris Dörrie nahm das Publikum im Dresdner Schauspielhaus auf eine faszinierende Erzählreise mit. © Christian Juppe

Selbstvergessen zu sein und hoch konzentriert zugleich – so definiert Doris Dörrie für sich das Glück. Es begegnet ihr überall dort, wo sie sich angenommen fühlt. Das kann ein Dorf im Allgäu sein, wo die Löwenzahnwiesen im Mai bis an die schneebedeckten Berge reichen. Es kann ein kalifornisches Wohnheim sein, wo die Mitmieter gar nicht so hippiemäßig geblümt herumlaufen, wie sie sich das als Teenager gedacht hatte. Es kann aber auch ein Haus in der Nähe des Katastrophenorts Fukushima sein, wo auch dann eine Gemeinschaft entstehen kann, wenn die Worte fehlen.

Von solchen Augenblicken erzählt Doris Dörrie in ihrer Dresdner Rede. Die 63-jährige Filmemacherin und Schriftstellerin gab am Sonntag im ausverkauften Schauspielhaus einen fast privaten Auftakt zur diesjährigen Reden-Reihe. Sie ließ das Publikum in ihr Leben ein. Dazu zeigte sie Fotos aus dem Familienalbum und Aufnahmen von der Handykamera. Das Eigene und das Fremde – zwischen diese beiden Pole spannt Doris Dörrie das Band ihres Erzählens. Obwohl sie sich auf vertrautem Terrain bewegt, bleibt das Staunen bei jedem Schritt spürbar. Sie hat nicht gleich für alles eine Erklärung parat. „Ich möchte mich nicht in Sicherheit wiegen“, sagt sie schon zu Beginn. „Die Gewissheiten werden gerade kleiner statt größer.“

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Die Gewissheiten ersetzt sie durch eine grundsätzliche und offenbar schwer zu stillende Neugier auf das Leben der anderen. Wie gelingt ihnen das Glücklichsein, das Altern, das Trauern? Wie fügen sie sich in überkommene Rollenmuster? Wie retten sie sich aus verfahrenen Situationen?

Ein fabelhafter Großvater

Im Nachdenken darüber entstanden rund 20 Bücher und mehr als 30 Filme. In der Regel ergänzt sich die Drehbuchautorin Dörrie mit der Regisseurin Dörrie ganz gut. Manchmal streiten sie miteinander im Konflikt zwischen Sprache und Bild. Aber es muss niemand recht haben, und das wird als innere Haltung auch an diesem Sonntagvormittag im Dresdner Schauspielhaus deutlich. Doris Dörrie hat aus ihrer japanischen Zweitheimat eine angenehme Gelassenheit mitgebracht. Es ist auch eine Chance, sagt sie, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und die anderen mehr zu beachten.

Ihre erste Heimat lag in der Schlüterstraße in Hannover. Dort wuchs Doris Dörrie mit drei Schwestern auf und mit bemerkenswert liberalen Eltern. Sie ließen bei aller liebevollen Fürsorge Freiräume zu und beanspruchten diese Räume auch für sich selbst. Von jeder Reise kamen sie seltsam beseelt zurück, wie beschwipst von Champagner, sagt Doris Dörrie. Sie erzählt, wie sie sich bald selbst wegträumte in die Ferne. In dieser Zeit las sie von der Meuterei auf der Bounty und von Graf Luckners Abenteuern als Seeteufel auf den Meeren der Welt. Es ist wohl nicht das, was pubertierende Mädchen sonst lesen.

Doch die Lektüre passte zu jenem Gemälde, das in einem Café hing und ein mächtiges Segelschiff zeigte. Dorthin nahm sie der Großvater gelegentlich mit, bestellte Kakao und ließ sie vom Baumkuchen kosten. Von diesem Großvater hat Doris Dörrie das Erzählen gelernt. Denn nach langen Strandspaziergängen in den Sommerferien kehrte er an den Familientisch zum Abendessen zurück mit den erstaunlichsten Geschichten von Einheimischen und Urlaubern. Vor allem aber konnte er die Tragödien und Komödien so zubereiten, dass die werte Verwandtschaft fast das Essen vergaß. Ein frühes Training für die Erfindung von alltäglichen Heldensagen.

Unter Spionageverdacht

Kein Wunder, dass die Dresdner Rede zu einer lebhaften Erzählreise wird. Dazu bringt Doris Dörrie nicht nur die Abenteuerlust der Eltern und die eigene Neugier mit. „Sprachenlernen ist das Tor in die Fremde.“ Sie beschreibt, wie sie neben Griechisch und Latein, Englisch und Französisch in der Schule auch Russisch lernte, in der sogenannten nullten Stunde morgens um sieben: „Das war ja fast ein subversiver Akt im Westen, damit geriet man beinahe unter Spionageverdacht.“

Die erste Reise führte jedoch nicht in die literarische Landschaft von Tschechow, sondern mit einem Stipendium nach Kalifornien. „Das war eine einschneidende Erfahrung: Alles war fremd – und ich war mir selber fremd.“ Doris Dörrie erzählt, wie nichts von dem passte, was sie mitbrachte. Ihr Englisch war falsch. Falsch war die schwarze Unterwäsche, die sie sich aus französischen Filmen abgeguckt hatte. Selbst das Haar an den Beinen war falsch, das sie aus feministischem Protest wachsen ließ. „Ich fühlte mich fehl am Platz, wie in einem schlechten Traum.“ Ihre Schlussfolgerung: Wer angenommen werden will, passt sich an. „Ich war ein prima Chamäleon.“ Im Foto zeigt sie ein wandelbares und schillernd buntes Tier.

Dann nimmt Doris Dörrie das Dresdner Publikum mit zu den Eltern ihres amerikanischen Freundes: deutsche Juden in New York. Sie servieren Kartoffelpuffer mit Apfelmus und sind strikt gegen die Beziehung ihres Sohnes mit einer Deutschen. „Er fühlte sich zerrissen zwischen der Vergangenheit seiner Eltern und der eigenen Zukunft.“ Die Stadt selbst beschreibt sie als perfekten Trainingsort: viel verschiedene Fremdheit auf engstem Raum. Das muss man aushalten wollen. Wie hält man das aus? Doris Dörrie gibt eine Antwort mit ihren Fragen: „Ist man bereit für das Fremde? Oder sucht man im anderen nur das, was man kennt? Vergleicht man ständig mit dem, was einem vertraut ist? Traut man sich, dem Fremden in sich selbst auf die Schliche zu kommen? Wo ist man zu Hause? Und wann kommt man wirklich an?“

Sie spricht das Wort nicht aus, doch ihr ganzes Erzählen an diesem Sonntag läuft darauf zu. Toleranz heißt das Wort. Es ist steigerbar. Sie zeigt im Foto eine geöffnete Hand, die einen Sonnenfleck hält. Das Bild steht für Freundlichkeit. Auch das, sagt Doris Dörrie, ist Glück: Wenn man das Gefühl hat, von einem anderen freundlich an die Hand genommen zu werden. Fehlt das Gefühl, zieht man sich zurück. Sie hat ein dick wattiertes hellblaues Straußenkissen fotografiert, in das man den Kopf stecken kann. Dann geht einen die Welt nichts an. Dann ist man aber auch der Welt egal. Und nichts würde man erfahren über den Mann, der sich fragt, wie viele Kondome er wohl noch brauchen wird in seinem Leben, und die Zahl macht ihn nicht glücklich. Nichts würde man über die Frau erfahren, die sich ein anderes Leben wünscht, grün mit roten Tupfen. Nichts über das Ehepaar, das einander mit immer neuen Diäten wie mit Kriegserklärungen überzieht.

Brotbacken bei Heimweh

Von solchen Leuten erzählt Doris Dörrie in ihren Romanen und Geschichten. In diese Reihe passen die beiden Männer im Paternoster. Einer trägt nur weiße Boxershorts, der andere einen Leopardentanga. Die knapp behosten Schauspieler Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht werden in ihren Herzen eine lebenslängliche Dankbarkeit hegen, weil sie so etwas Feinschräges wie den Film „Männer“ spielen durften. Mit dieser frechen Geschlechterkomödie wurde Doris Dörrie 1985 mit einem Schlag berühmt, daheim und in Hollywood. Mit fünf Millionen Zuschauern setzte sie einen Maßstab auch für den ökonomischen Erfolg des deutschen Kinos.

Ihre Erfahrungen gibt sie weiter als Professorin für kreatives Schreiben in München. Das Handwerk kann man lernen. Die Leidenschaft aber muss jeder selbst mitbringen und die Neugier. Diese Neugier treibt Doris Dörrie vor allem nach Japan. Es wurde ihr ein Zuhause nach dem Tod ihres Mannes, sagt sie. „Er war das Zuhause. Liebe ist ein Zuhause.“ Inzwischen hat sie auch das Rezept gegen Heimweh entdeckt: dunkles Brot mit scharfer Kruste. „Ich fange überall auf der Welt an, manisch zu backen“, sagt Doris Dörrie. „Das Gefühl von Fremde und Einsamkeit lässt sich durch Brotbacken leicht vertreiben.“

In Japan war sie schon mehr als dreißigmal, drehte das Melodram „Kirschblüten – Hanami“, das dem Schauspieler Elmar Wepper einen späten Durchbruch als Charakterdarsteller bescherte. Anfang März kommt die Fortsetzung in die Kinos: „Kirschblüten & Dämonen“. Hauptfigur ist ein junger Mann, der seinen Job verloren hat, der von Frau und Kind getrennt lebt und Zuflucht sucht bei den Gespenstern des Alkohols. Eine junge Japanerin kennt sich mit Gespenstern aus.

Elmar Wepper und Hannelore Elsner spielten in Dörries Film "Kirschblüten - Hanami", dessen Fortsetzung im März in die Kinos kommt.
Elmar Wepper und Hannelore Elsner spielten in Dörries Film "Kirschblüten - Hanami", dessen Fortsetzung im März in die Kinos kommt. © dpa


Auch nach der Dreifachkatastrophe von Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall ist Doris Dörrie nach Japan gefahren und nennt das ein kleines Zeichen ihrer Solidarität mit dem Land. Sie wohnte mit ihrem Team in Containern wie die Arbeiter, die das verseuchte Erdreich in schwarze Säcke packten, ging nie ohne Geigerzähler aus dem Haus, setzte sich nie ins Gras. „Grüße aus Fukushima“ war der erste Spielfilm, der nach der Katastrophe entstand. Auf der Dresdner Bühne erzählt Doris Dörrie, wie sie in der japanischen Trümmerwüste nicht nur ein Stück ihrer Kindheitslandschaft aus Hannover entdeckte. In einem Warenhaus stieß sie überraschend auf ein Café, das Kakao und Baumkuchen anbot. Es war eine Filiale jener Konditorei, in der sie als Kind mit ihrem Großvater vor dem Segelschiffbild gesessen hatte.

Die nächste Dresdner Rede hält MDR-Intendantin Karola Wille am 17. Februar. Restkarten unter: www.sz-ticketservice.de oder Tel. 0352-4864 2002

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