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Dresdner Vonovia-Mieter in Sorge

Der Siegerentwurf für das Königsufer und den Neustädter Markt steht fest. Die Anwohner fragen sich, was nun aus ihnen wird.

Zwei von vielen: M. Haack und Jessica Dauth gehören zum Bürgerforum Neustädter Freiheit. Es will die Interessen der Vonovia-Mieter trotz Bebauung vertreten.
Zwei von vielen: M. Haack und Jessica Dauth gehören zum Bürgerforum Neustädter Freiheit. Es will die Interessen der Vonovia-Mieter trotz Bebauung vertreten. © Sven Ellger

Im Treppenhaus ziehen sich Risse durch die Wände, die Tapete hängt stellenweise in Fetzen herunter, auch Fensterscheiben sind gebrochen. M. Haack spurtet die Stufen hinauf und schließt seine Wohnungstür auf. Hier drinnen lässt er den Zustand seines Blocks am Neustädter Markt hinter sich. Seit Jahren sieht es hier so aus, und eigentlich stört sich Haack nicht wirklich daran. Ja, er hofft sogar, dass sein Vermieter – das Wohnungsunternehmen Vonovia – hier nicht komplett durchsanieren wird. „Doch das ist absehbar“, meint er.

Der Familienvater fürchtet, dass er sich die Wohnung, in der er seit zehn Jahren lebt, bald nicht mehr leisten kann. „Wenn am Königsufer und am Neustädter Markt hochpreisig gebaut wird, hat das Ausstrahlungseffekte. Vonovia wird nachziehen.“ Er schließt nicht aus, dass hier luxussaniert wird. Mit dieser Vorstellung ist der Verkäufer sehr unglücklich: „Ich wünsche mir, dass Wohnraum für Menschen wie mich in zentraler Stadtlage bezahlbar bleibt.“

Wer den Pfennig nicht ehrt

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Für seine 64 Quadratmeterwohnung zahlt Haack rund 500 Euro warm. Die Miete ist aufgrund der Toplage in den letzten Jahren gestiegen. Die Wohnlage wurde von einer einfachen zu einer mittleren aufgewertet. Nicht nur das hat sich bei den Kosten bemerkbar gemacht. Auch die Nebenkosten sind jetzt höher. Zudem hat Haack Modernisierungen erkämpft, für die er letztlich zahlen musste. Etwa eine neue Küche – und dichte Fenster. Es lebe sich gut hier, sagt er. Aber Sorgen gehören dazu. Er ist damit nicht allein.

Viele Mieter der Vonovia-Blöcke am Goldenen Reiter fürchten wegen der geplanten Bebauung um ihre Wohnungen. Deswegen haben sie sich in einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen. Sie wollen ihre Interessen deutlich gegenüber ihrem Vermieter und der Stadt Dresden vertreten – und das ist in erster Linie der Erhalt bezahlbaren Wohnraums. Rund 40 Engagierte sind sie derzeit. Eine der Initiatorinnen ist Jessica Dauth.

Die Callcenter-Angestellte lebt ebenfalls seit zehn Jahren in einer der Platten. Sie blickt mit Spannung auf diese Tage. In der vergangenen Woche ist der von der Stadt initiierte Ideenwettbewerb mit reger Bürgerbeteiligung zu Ende gegangen. Inzwischen steht der Siegerentwurf fest: Auf dem ersten Platz sind Architekt Bernd Albers und Landschaftsarchitekt Günther Vogt gelandet. Ihr Entwurf soll die Grundlage für die weitere städtebauliche Planung sein. In einer ersten Visualisierung sind zwei Durchbrüche der Vonovia-Blöcke zu sehen, die seit Jahren im Raum stehen. Einer könnte einen Durchgang ins historische Viertel ermöglichen, der andere – rechts vom Goldenen Reiter – würde jedoch zu einer Parkfläche und einer Kita führen. Dass dafür Wohnungen weichen könnten, ist für die Anwohner nicht nachvollziehbar. Zwar sind die Wohnblöcke im Wettbewerb von der Planung ausgenommen gewesen, die ersten Skizzen legen jedoch anderes nah. Dauth nennt das ein Horrorszenario. „Viele Mieter haben Angst, dass ihnen gekündigt wird. Auch weil sie wissen, dass sie so zentral und zu diesem Preis keine vergleichbare Wohnung finden werden.“ Vonovia-Sprecherin Bettina Benner erklärt auf Nachfrage, sich zu dem Sachverhalt nicht äußern zu können.

Diese Ungewissheit verunsichert die Mieter zunehmend. Nervenaufreibend ist laut Dauth, dass sie seit Jahren über die Zukunft nur spekulieren kann, weil Vonovia nicht konkret kommuniziert. So treiben alltägliche Beobachtungen die Anspannung hoch. Zum Beispiel wird gemunkelt, dass Vonovia die Blöcke sicher abreißen will, weil viele Wohnungen seit Jahren leer stehen und nicht nachvermietet werden. Natürlich interpretiere man da als Mieter viel hinein, sagt Dauth. Auch in ihrem Block seien drei Wohnungen schon lange frei. Von 120 Wohnungen, die Vonovia am Neustädter Markt vermietet, seien aktuell 99 vergeben, teilt das Unternehmen mit.

Neben dem Leerstand macht die Mieter auch der ungleiche Sanierungsstand misstrauisch. „Manche wohnen zum gleichen Preis wie ich in völlig unsanierten Wohnungen. Bei mir wurde aber zum Beispiel das Bad komplett erneuert. Diese unterschiedliche Behandlung ist unfair“, kommentiert Dauth. „Dass manchen Mietern Sanierungen bewilligt werden und anderen nicht, spricht dafür, dass Vonovia wohl konkrete Pläne hat, die aber nicht offengelegt werden.“ Als Mieterin fühlt sie sich ohnmächtig. Sie könne diesen Prozess nur aus der Vogelperspektive beobachten, ohne wirklich Einfluss zu nehmen, sagt sie.

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Ob sich das nun ändert und die Mieter bald umfassend informiert werden, bleibt abzuwarten. Zwar teilt Vonovia mit, sich bald äußern zu wollen, doch konkret ist noch nichts. „Es müssen belastbare Rahmendaten feststehen“, sagt Sprecherin Bettina Benner mit Blick auf einen separaten Wettbewerb, den das Unternehmen gemeinsam mit der Stadt verantwortet. „Wir stehen in enger Abstimmung.“ Wann erste Ergebnisse bekannt gegeben werden, könne sie allerdings noch nicht sagen.

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