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Dresdner zahlen Mieten wie im Westen

Immobilienexperte Tobias Just sieht dennoch keinen Bedarf für kommunale Wohnungen.

© ZB

Von Andreas Weller

Dresdens Wohnungsmarkt befindet sich an einem entscheidenden Punkt. Der Leerstand ist mit knapp fünf Prozent so niedrig wie noch nie seit der Wende. Dadurch schießen die Mieten in die Höhe. Politiker wollen gegensteuern. Die Grünen haben vor Kurzem per Stadtratsbeschluss die Verwaltung beauftragt, dass die stadteigene Stesad langfristig einen neuen Bestand an kommunalen Wohnungen aufbauen soll. In kleinen Schritten.

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Das reicht der Partei Die Linke nicht. Drei Initiatoren, die Stadträte Jens Matthis, Tilo Kießling und André Schollbach, treiben ihr Bürgerbegehren für eine städtische Wohnungsbaugesellschaft weiter voran. Auch der Geschäftsführer der Immobilienakademie Irebs aus Regensburg, Professor Tobias Just, meint, die Stadt müsse jetzt handeln, damit ärmere Dresdner sich weiter die Mieten leisten können. Allerdings hält er stadteigene Wohnungen für nicht notwendig.

„In Dresden gibt es immer mehr Spekulanten beim Häuser- und Wohnungskauf“, so Just: „Der Immobilienmarkt in der Stadt hat sich zu einem typisch deutschen Markt entwickelt, er ist nicht mehr typisch für eine ostdeutsche Stadt.“ Das heißt: Der Leerstand sinkt und die Mieten sind genauso hoch wie im Westen der Republik.

Noch spiegelt laut Just der Wohnungsmarkt die Kaufkraft der Stadt wider. „Die Mieten sind etwa wie in Dortmund und leicht unter denen von Bremen“, so Just: „Die Kaufkraft dieser Städte ist ähnlich zu Dresden.“ Die Stadt sei noch weit davon entfernt, Verhältnisse wie in München, Freiburg, Hamburg oder Frankfurt mit extrem hohen Mieten zu haben. Aber Dresden müsse aufpassen. „Es muss erschwingliches Wohnen gewährleistet sein, für die, die sich die Mieten am Markt nicht leisten können“, so Just: „Dafür sind aber kommunale Wohnungen der dramatischste Eingriff.“ Die Stadt könnte damit die Handlungsspielräume verlieren, die sie mit dem Verkauf der Woba 2006 erlangt hat. Zumal Dresden, wenn die Stadt einen relevanten Anteil am Markt haben will, rund 30 000 Wohnungen bräuchte – laut Just liegt die Faustregel bei etwa zehn Prozent der bestehenden Wohnungen.

Kita- und Schulbauten, Investitionen in die Infrastruktur und mehr seien wesentlicher für einen guten Standort. „Das ist für die Menschen wichtiger, als einen Euro weniger Miete zu zahlen“, so Just. Deshalb rät der Experte davon ab, dass die Stadt eigene Wohnungen baut oder kauft. Es müssen vielmehr die kleinen Mittel, die die Stadt am Wohnungsmarkt hat, permanent überprüft und gesichert werden. Just denkt da an die Belegungsrechte für Wohnungen und ausreichend Flächen für Wohnungsbau. Eine Mietpreisbremse hält er für gefährlich: „Das könnte dazu führen, dass die Eigentümer deutlich weniger in ihre Bestände investieren. Die Stadt hat derzeit Belegungsrechte für 10 000 Wohnungen beim Woba-Käufer Gagfah. Diese wurden nach der Klage der Stadt gegen das Unternehmen 2012 bis 2036 verlängert.

Fünf Prozent Leerstand

Auch wenn der Leerstand in Dresden für eine ostdeutsche Stadt niedrig sei, stehe die Stadt noch gut da. „Etwa fünf Prozent Leerstand sind verträglich, da kann der Markt noch atmen“, sagt Just.

Anders sieht das Stadtrat Matthis: „Wir brauchen zusätzliche Wohnungen, um den Markt zu entspannen. Es muss gebaut werden und zwar nicht nur Luxus und Eigentum.“ Die Entwicklung mit hochwertigen und damit teuren Wohnungen, die in Dresden derzeit vor allem gebaut werden, gehe am Markt vorbei. Auch bestehe keine Hoffnung, dass Wohlhabendere in neue und teurere Wohnungen ziehen und dann Platz wird im unteren und mittleren Preissegment. „Wenn Wohnungen neu vermietet werden, steigen die Mieten drastisch“, so Matthis: „Anders kann es nur werden, wenn eine städtische Gesellschaft baut, die nicht nur gewinnorientiert ist.“ Dafür brauche es eine neue Wohnungsbaugesellschaft, die könnte dann die explodierenden Mieten insgesamt, aber vor allem für die Einkommensschwächeren aufhalten.

Für den Grünen Thomas Löser reicht das von ihm vorgeschlagene Modell mit der Stesad. Die Gesellschaft gehört bereits der Stadt, baut derzeit den Kulturpalast und das Kulturkraftwerk und könnte sich auch den Wohnungsproblemen widmen. „Die Stesad kann die neue Keimzelle zur Wohnungsbeschaffung werden“, so Löser. Das sei die konkretere Alternative zum Bürgerbegehren der Linken.

„Eine reine Wohnungsbaugesellschaft ist illusorisch“, sagt Löser: „Ein Rundumschlag ist viel zu teuer.“ Es gehe darum, langfristig punktuell Bedarfe zu decken, wie Wohnungen für Schwerbehinderte. Kommentar