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Dresdnerin gewinnt härtestes Radrennen Europas

Fiona Kolbinger gewann sogar gegen die Männer. Es war ihr erstes Rennen überhaupt. Hier erzählt die Dresdnerin, wie ihr das gelang.

Fiona Kolbinger winkt am Fuße des Berges Chadschi Dimitar in Bulgarien. Für sie war das Rennen zwischen Schwarzem Meer und Atlantik keine Strapaze, sondern ein Genuss.
Fiona Kolbinger winkt am Fuße des Berges Chadschi Dimitar in Bulgarien. Für sie war das Rennen zwischen Schwarzem Meer und Atlantik keine Strapaze, sondern ein Genuss. © James Robertson

Eine Erinnerung an das bisher größte Abenteuer ihres Lebens spürt sie noch jeden Tag, sogar bei jedem Schritt. Wobei, eigentlich spürt sie nichts. Die Zehen sind taub. Es wird, schätzt Fiona Kolbinger, noch zwei, drei Monate dauern, bis das Gefühl zurückkehrt. Das ist nicht die Diagnose ihres Hausarztes, sondern ihre eigene. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Medizinstudium arbeitet sie seit einigen Monaten an der Uniklinik in Dresden.

Sie weiß also genau, was es für den Körper bedeutet, mehr als 4.000 Kilometer innerhalb von zehn Tagen auf einem Rennrad zurückzulegen. Deshalb ist die erste Frage, die man sich stellt, wenn man davon hört: Warum hat sie sich das angetan, diese Quälerei, diese Strapazen, diese Schmerzen? Fiona Kolbinger stutzt kurz, als würde sie die Frage nicht verstehen. Dann sagt sie bestimmt: „Ich habe es nicht als Qual empfunden, sondern als Genuss. Es waren die schönsten zehn Tage meines Lebens.“

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Dies zu glauben, fällt schwer, wenn man die Bedingungen des Transcontinental Race kennt. Die gesamte Strecke zwischen Burgas am Schwarzen Meer und Brest am französischen Atlantik sind die Teilnehmer auf sich alleine gestellt. Sie müssen sich die Route selbst aussuchen und dabei lediglich an vier Kontrollpunkten vorbeifahren. Sie müssen sich selbst um die Übernachtung kümmern, ums Essen und Trinken und auch um die Reparaturen, wenn etwas kaputtgeht. Es gibt zwar zwei Begleitfahrzeuge, doch bei 264 Teilnehmern, den gewaltigen Abständen und den unterschiedlichen Strecken sind die fast nie in der Nähe. „Wenn man Hilfe in Anspruch nimmt, ist man ohnehin raus“, sagt Fiona Kolbinger. Man wird disqualifiziert.

© SZ-Grafik: Romy Thiel

Freiwillig aufgeben ist der häufigere Grund, warum Teilnehmer nicht in Brest ankommen. Daran habe sie nie gedacht, betont die 24-Jährige. „In keinem Moment.“ Sie hält nicht nur durch, sie ist auch schnell. Sie ist sogar die Schnellste von allen. Nach zehn Tagen, zwei Stunden und 48 Minuten erreicht sie die Hafenstadt Brest. Damit lässt sie nicht nur die 39 anderen Frauen, sondern auch die 224 Männer hinter sich. Das gab es bei den sechs Rennen zuvor noch nie.

Und das ist der Grund, warum die Geschichte der Fiona Kolbinger nicht nur unter Radenthusiasten für Aufsehen sorgte. „Ich hatte in den vergangenen Wochen so viele Interviewanfragen“, erzählt sie. In manchen Texten ist vom „Wunder“ zu lesen oder „einer neuen Zeitrechnung“. Das Interesse an der in Bonn geborenen und aufgewachsenen Assistenzärztin ist so gewaltig, weil man wissen will, wie es sein kann, dass eine Frau bei solch einer extremen Belastung besser sein kann als all die Männer.

Diese Frage versteht Fiona Kolbinger zwar, weil ihr die jetzt häufig gestellt wurde, doch „so verwunderlich finde ich das ehrlich gesagt gar nicht“. Das Transcontinental Race sei ja kein gewöhnliches Rennen, wo man auf einer bestimmten Strecke am schnellsten von A nach B kommen müsse. „Hier ist auch gefragt, wer die günstigste Route findet, wer sein Rad instand halten kann, wer die Vorräte gut organisiert. Testosteron und Muskelmasse spielen da nicht so die Rolle. Und je länger die Distanz, desto mehr gleichen sich die Leistungen von Frauen und Männern an.“

Fiona Kolbinger sagt von sich, dass sie ehrgeizig und zielstrebig ist und nicht gerne wartet. Sonst aber neige sie nicht zu Extremen. Seit einigen Jahren fährt sie sportlich ambitioniert Rad, doch ein Rennen hatte sie bisher noch keins bestritten. Das kommt noch obendrauf auf diese besondere Geschichte.

Hände machen Sorgen

In den zehn Tagen muss sie drei Platten reparieren und hat einen Unfall. Als ihr ein Beamter an der Grenze zwischen Bulgarien und Serbien winkt, dreht sie sich um, winkt zurück und fährt gegen einen Schlagbaum. Der ist danach etwas krumm, was unter Schaden am serbischen Staatseigentum eingeordnet wird. Sie muss ihren Personalausweis abgeben und darf erst weiter, als drei starke Männer es schaffen, die Schranke wieder zu richten. Eine halbe Stunde verliert sie dadurch.

Die Uhr läuft immer weiter, auch nachts. Fiona Kolbinger entscheidet sich für kurze Schlafpausen, meist direkt an der Strecke. Ein Parkplatz am Supermarkt oder eine Bushaltestelle genügen ihr für meist nur vier Stunden. Acht der zehn Nächte verbringt sie im Schlafsack. Angst habe sie dabei nicht, sagt sie. „Erstens habe ich da noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Und zweitens war ich so erschöpft und stinkend sicher auch kein attraktives Opfer, denke ich.“ Zweimal bucht sie übers Handy spontan ein Hotel. Nur dort duscht sie sich mal und wäscht ihre Kleidung. Wer dieses Rennen gewinnen will, muss Entbehrungen auf sich nehmen können.

Richtig Sorgen macht sie sich nur um ihre Hände. Durch den permanenten Druck auf die Handballen werden die Nerven abgequetscht. Dadurch fangen die Finger an zu kribbeln und werden irgendwann taub – genau wie bei den Zehen. „Da ich im Universitätsklinikum in der Chirurgie arbeite, wäre das nicht so günstig gewesen“, sagt sie und lacht. Um die Hände zu entlasten, legt sie ihre Unterarme auf ein Lenkergestell, wie es auch im Triathlon üblich ist. Beim Po sind derartige Umlagerungen nicht möglich. „Der tat natürlich weh“, gesteht sie. „Aber ich hatte keine offenen Stellen wie andere Teilnehmer.“

Es fällt schwer, bei einer solchen Reise an Genuss zu denken. Doch wenn Fiona Kolbinger von der Natur schwärmt und den Orten, die sie vorher fast alle nicht kannte, muss man es ihr einfach glauben. Im Internet gibt es ein Foto, wie sie an einem der Kontrollpunkte, der in einem Hotel in der Nähe von Grenoble eingerichtet war, am Klavier sitzt – mit Fahrradhelm und Handschuhen. Allein, konzentriert und zufrieden. Es ist ein beinahe inniger Moment.

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Auf den Fotos, bei denen sie auf dem Rad sitzt, lächelt sie oder winkt. Meist beides. Unter Strapazen stellt man sich irgendwie etwas anderes vor. Und die waren es für sie offenbar tatsächlich nicht. Nur wenige Tage nach der Ankunft in der Bretagne setzt sie sich wieder aufs Rad, fährt nach Paris und zurück. 76 Stunden benötigt sie für die 1.200 Kilometer, aber diesmal geht es nicht um die Zeit, es zählt alleine die Teilnahme. Der Radmarathon wird nur alle vier Jahre ausgetragen. „Ich wollte das unbedingt mal erleben“, sagt sie. „Es hat sich gelohnt. Das ist eine große Party, da stehen nachts um zwei in einem bretonischen Dorf ganze Familien an der Straße mit ihren selbst gebackenen Plätzchen.“

Das Transcontinental Race macht keine Pause. „Ich möchte nächstes Jahr gerne wieder mitmachen“, sagt sie. Es kann also wirklich nicht schlimm gewesen sein.

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