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Feuilleton

Dresdnerin wartet noch immer auf ihren Echo

Gesangsprofessorin Celine Rudolph möchte die Trennung zwischen Pop und Jazz bei einem Nachfolge-Preis aufheben - und endlich ihre Auszeichnung bekommen.

Céline Rudolph, Jazzsängerin und Professorin an der Dresdner Musikhochschule, bringt jetzt erstmals ein Album auch auf Vinyl heraus. Und ist darauf mächtig stolz.
Céline Rudolph, Jazzsängerin und Professorin an der Dresdner Musikhochschule, bringt jetzt erstmals ein Album auch auf Vinyl heraus. Und ist darauf mächtig stolz. © PR/Gregor Hohenberg

Einen Echo hat sie zu Hause, den zweiten zwar gewonnen, aber nie bekommen. Céline Rudolph trägt das mit Humor. „Ich hätte mir diesen Preis wahrscheinlich mit der Post schicken lassen können. Aber nö, ein bisschen Drumherum muss schon sein.“ 

Die Sängerin, seit 2003 Professorin an der Dresdner Musikhochschule, lacht ungeziert drauflos. „Ich bin ja nicht schuld daran, dass die Sache im vergangenen Jahr geplatzt ist.“ Stimmt. Es waren die Rapper Kollegah und Farid Bang, die mit ihrer Nominierung einen Skandal auslösten, der schließlich den wichtigsten deutschen Musikpreis komplett vom Markt nahm. Auch der Jazz-Echo war damit Geschichte.

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Den hatte Céline Rudolph bereits 2010 als Sängerin des Jahres gewonnen, diesen Titel holte sie auch 2018. Theoretisch. „Gerade für Jazzmusiker, die oft unterm Radar der großen Öffentlichkeit bleiben, war dieser Preis ein wunderbares Podium. Ich kann nur hoffen, dass man sich bald besinnt und etwas Adäquates erfindet.“

Selbstbewusst, frei und mutig

Die gebürtige Berlinerin, die auf einzigartige Weise Jungmädchencharme versprüht und dennoch ganz Respektsperson ist, hat an der Dresdner Hochschule derzeit mehr als üblich zu sagen. Als erste Frau übernahm sie neben ihrem eigentlichen Job die künstlerische Leitung des Jazz-Bereichs. Haben es Frauen im Jazz schwerer als Männer? „Ich habe es selber nie so empfunden. Wenn man eine starke Musik hat, spielt das Geschlecht keine Rolle.“ Sie sei mit 21 Jahren in die Kompositionsklasse der Berliner Hochschule der Künste gekommen und habe nur Jungs um sich gehabt. „Aber die wollten unbedingt meine Kompositionen spielen. So kam ich selbst übers Komponieren zur Musik. Nicht, weil ich ein Gesangsstar werden wollte.“

Heute hätten ihre Studentinnen noch deutlich mehr Selbstbewusstsein. „Die sind so was von frei und mutig, die machen unbedingt ihr Ding. Und sie haben mit mir natürlich auch eine gefunden, die das total unterstützt.“ Feixend setzt sie nach: „Wer Jazz studiert, muss schon auch ein bisschen verrückt sein.“ Noch etwas, was sie mit ihren Studenten verbinde.

Von denen, die bei ihr lernen dürfen, hat sie eine klare Vorstellung. „Die Mäuschen aus der dritten Reihe haben eher keine Chance. Einer guten Interpretin nimmt man ab, was sie singt. Sie verkörpert das förmlich, und sie hat irgendeinen neuen Funken, etwas Eigenes, zündet ein Feuer – und kopiert auf keinen Fall.“ So ein Studium sei ein Geschenk, für das sich jährlich mehr als 60 Talente bewerben, doch nur zwei schaffen es in der Regel.

„Sie kommen von überall her und sagen anderen Hochschulen, die deutlich verkehrsgünstiger liegen, ab“, sagt Céline Rudolph. „Wir hatten schon immer viele Bewerber, aber deren Güte ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Bei dem Mordsspaß, den wir haben, wäre ich selbst gerne hier Studentin.“ Damit auch die Klassik-Studenten etwas von diesem Spaß haben, zettelte sie als künstlerische Leiterin ein neues genreübergreifendes Projekt an. Am 27. September gipfelt das in einem Konzert, bei dem neben diversen Jazzern auch Streicher und verschiedene andere Instrumentalisten dabei sein werden. „Ich bin gerade am Recherchieren, wer passt, wer zum Beispiel die tolle Altflöte spielt, die uns vielleicht noch zu einem anderen Farbtupfer verhilft.“ Es passiere leider nicht so oft, dass die Grenzen zwischen Jazz und Klassik eingerissen werden. „Deshalb schreibe ich auch eigens dafür neue Musik.“

Zu den aktuellen Trends im Jazz sagt sie, man sei improvisationsfreudiger, aktuelle Strömungen schwappten schneller in den Jazz rein. „Das gab es zu meiner Studentenzeit nicht, da ging es viel mehr um die Musik der vergangenen Jahrzehnte.“ Die Studenten kümmerten sich ganz selbstverständlich nicht nur um die Musik, sondern auch um deren Vertrieb. „Was wichtig ist. Es gibt ja keine großen Major-Labels mehr, die gleich mit Fünf-Jahres-Verträgen locken und einem alles abnehmen. Da gucke ich manchmal und staune, was die alles so hinbekommen. Da kann ich einiges lernen.“ Die Studenten seien oft unperfekter, weil es schnell gehen muss. „Ich will immer perfekt sein. Wie es anders geht, das muss ich mir von denen noch abgucken.“

Ginge es zu ihrer Studentenzeit nur um die Musik, habe sich das Berufsbild heute sehr verändert. „Viele schreiben, produzieren Musik für andere oder unterrichten. Sie lernen Tontechnik und nehmen andere Leute auf. Sie komponieren Filmmusik. Oder Musik fürs Theater. Sie arbeiten auf allen Gebieten und in alle Richtungen, in denen Musik gebraucht wird. Die können sehr schnell reagieren, wenn etwas gebraucht wird.“ Mit einem Achselzucken sagt sie: „Ich habe mich tatsächlich gefragt, ob ich das so gerne mitmachen würde. Die Ruhe und die klare Struktur, die Intensität und besondere Atmosphäre während meines Studiums und dieses Schnelle, ungebundene, Freie, Ungewisse von heute – ich weiß nicht, ob ich unter diesen Bedingungen so gereift wäre, wenn ich nicht in Ruhe mit meiner Musik gearbeitet, sondern drei Sachen gleichzeitig gemacht hätte.“

Ein Musikpreis für alle

Zugleich fragt sie sich: „Wer hört sich in Zeiten von Streamingdiensten ein Album von Anfang bis Ende an? Musik ist immer dabei, läuft aber eher nebenher.“ Dennoch glaube sie daran, dass Menschen bewusst, konzentriert und vor allem ein ganzes Album hören wollen. Deshalb bringt sie ihre neue Platte erstmals auch auf Vinyl heraus. „Auf Doppel-Vinyl“, betont sie stolz. Aufgenommen hat sie es in Brooklyn, zusammen mit vier Musikern aus New York. „Songorientierter Jazz mit ein paar experimentellen Klängen verwoben, alles Kompositionen von mir, und dazu Texte in verschiedenen Spachen“, beschreibt Céline Rudolph das Ergebnis. „Man hört der Musik an, dass sie in New York eingespielt wurde, sie kriegt dort eine andere Energie. Hätte ich das Album in Dresden aufgenommen, wäre etwas anderes rausgekommen.“

Noch einmal kommt sie auf den Echo zurück. „Es waren generell zu viele Kategorien, das machte alles irgendwie beliebig.“ Und die Trennung zwischen Pop und Jazz würde sie bei einem möglichen Nachfolger-Preis gerne aufgehoben sehen. „So ein Zusammentreffen wäre doch cool, wer weiß, was sich dabei alles ergeben würde.“