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Drogen-Delikte nehmen zu

Mit der Spirale aus Drogensucht und Gewalt hat sich gestern das 12. Görlitzer Suchtsymposium im Rathaus befasst. Für die fünf Experten-Vorträge interessierten sich mehr als 120 Zuhörer, unter ihnen Sozialarbeiter und Suchtberater.

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Von Matthias Nicko

Der junge Mann aus Görlitz – nennen wir ihn Robert – ist noch ein Teenager, als er die Berufsausbildung abbricht, in die Sozialhilfe abgleitet und zu stehlen beginnt. Während der anschließenden kurzen Haft zeigt sich, wie schlecht es um seine Gesundheit steht.

Robert gibt zu, Haschisch zu konsumieren, wird zur Ableistung gemeinnütziger Arbeitsstunden verurteilt, doch begeht in Freiheit gleich wieder eine Körperverletzung. Ihm wird eine Betreuerin zur Seite gestellt. Außerdem wird Robert in die Psychiatrie auf der Jochmannstraße eingewiesen, wo er erfährt, dass bei ihm mit einem schweren Leberschaden zu rechnen sei, wenn er nicht schnell die Finger von den Drogen lässt.

Die Therapie verläuft gut, doch auf einem Freigang greift der Mann wieder zu Betäubungsmitteln. Er wird sieben Monate lang im Erzgebirge behandelt, ehe er zur Nachsorge nach Weimar kommt, wo er derzeit ein Praktikum in der Altenpflege absolviert.

Ein Fall wie so viele, doch die Anzahl von Straftätern und/oder Drogenkonsumenten in Görlitz steigt. „Da rollt eine Lawine auf uns zu“, orakelt Evelyn Pietsch von der städtischen Jugendgerichtshilfe gestern vor den über 120 Teilnehmern des 12. Görlitzer Suchtsymposiums. Sozialarbeiter, Suchtberater, aber auch Betroffene sind aus der Neißestadt, aus Weißwasser, Zittau und von anderswo ins Rathaus gekommen. Das Amt für öffentliches Gesundheitswesen hat eine Handvoll Vorträge organisiert, die sich mit dem Thema „Sucht – Drogen – Gewalt: Jugendarbeit in Ostsachsen“ befassen.

Frau Pietsch ist eine der Referenten. Und sie sieht der Realität ins Auge: „Zählten wir 2001 rund 650 von Deutschen zwischen 14 und 20 Jahren begangene Straftaten, so waren es 2002 schon 750.“ Die dafür verhängten Strafen sollten erzieherische Wirkung haben, erklärt die Görlitzerin. Sie nennt gemeinnützige Arbeitsstunden, soziale Trainingskurse oder Täter-Opfer-Ausgleiche. An der Spitze der von Heranwachsenden und Jugendlichen verübten Delikte hätten im vergangenen Jahr Diebstahl, Körperverletzung und Sachbeschädigung gestanden. Aber Drogendelikte seien auf dem Vormarsch – „mit Tätern aus allen Schichten der Bevölkerung“.

Im Speziellen über „Drogenkonsum bei Jugendlichen im Straßenverkehr“ referiert Till Neumann von der Staatsanwaltschaft Görlitz. Der Jurist erläutert, wie bei Verkehrskontrollen geweitete Pupillen die Einnahme von Drogen vermuten ließen. Mit einer Geldbuße, einem Fahrverbot und vier Punkten in Flensburg sei in diesen Fällen zu rechnen, denn anders als bei Alkohol gelte bei Haschisch, Marihuana, Amphetaminen et ceterea die „Null-Promille-Grenze“.

Der Experte für Betäubungsmittelstraftaten erzählt von fahruntüchtigen Personen, die Schlangenlinien gefahren seien und deren Erinnerungsvermögen stark eingeschränkt gewesen sei. Neumann nennt beängstigende Zahlen für den Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft, welcher neben Görlitz den Niederschlesischen Oberlausitzkreis und den Kreis Löbau-Zittau umfasst: „Gab es 1998 nur 323 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, so waren es 2002 schon 734.“ Und die Dunkelziffer liegt deutlich höher, weiß auch Neumann.

Der Moderator des Symposiums, der Görlitzer Amtsarzt Bernhard Wachtarz, hat zwischen 1999 und Juni diesen Jahres 21 verdächtige Fahrzeugführer auf eine Cannabis-Abhängigkeit hin untersuchen lassen und dabei zweimal ein positives Ergebnis registrieren müssen. Das gibt ihm zu denken.

Umso mehr durfte sich Wachtarz gestern über fünf „vorzügliche“ Vorträge zu Prävention und Therapie freuen. Dadurch sei es gelungen, das Dreigestirn Sucht – Drogen – Gewalt von verschiedenen Seiten her zu beleuchten. So berichtete ein Görlitzer Rechtsanwalt im Rathaus von seiner Arbeit als Verteidiger von kriminell gewordenen suchtgefährdeten Jugendlichen. Ein Dresdner Psychatrie-Facharzt informierte über seine praktischen Erfahrungen in einer Beratungsstelle.

Möglichkeiten und Grenzen des Streetworkings in Bezug auf Sucht und Gewalt zeigte ein Görlitzer Sozialarbeiter auf. Den Abschluss des Symposiums bildete mit der Theateraufführung „Alles blau“ eine Inszenierung der Landesbühnen Sachsen, die die Geschichte eines Drogensüchtigen thematisierte.