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„Drogenkonsum ist Kindesmisshandlung“

Heute in der SZ-Serie „Görlitzer Kinder in Not“: Chefarzt Hans-Christian Gottschalk sagt, wie schlimm die Lage ist.

Von Daniela Pfeiffer

Beinahe jeden Tag kommt in Deutschland ein Kind durch körperliche Gewalt ums Leben. Mehr als 500 werden täglich durch Erwachsene misshandelt. So etwas passiert auch in Görlitz. Dass das nicht nur eine Vermutung ist, belegen Berichte aus dem Krankenhaus, von der Polizei, vom Jugendamt oder sozialen Einrichtungen. Auch offizielle Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Sachsenweit hat sich die Zahl der Sorgerechtsentzüge verdoppelt. 2 574 Kinder und Jugendliche wurden 2012 in Obhut genommen. Sachsenweit wurde Eltern in 709 Fällen das Sorgerecht vollständig oder teilweise entzogen. Vor zehn Jahren waren es nur etwa halb so viele. Für 2013 liegen noch keine Zahlen vor.

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Im Landkreis Görlitz gibt es zurzeit 268 Pflegefamilien. Das Kinderheim in Görlitz ist voll. In der Stadt gibt es mehrere betreute Wohngruppen für Kinder und Jugendliche. Doch wo kommen sie alle her? Aus welchen Familien? Es sind misshandelte, vernachlässigte, sexuell missbrauchte Kinder. Ihnen wollen wir unsere Serie „Görlitzer Kinder in Not“ widmen. In den einzelnen Folgen werden wir die Situation in Görlitz beschreiben, von Schicksalen berichten. Aber auch Menschen vorstellen, die etwas dagegen tun. Heute: Dr. Hans-Christian Gottschalk, Chefarzt der Kinderklinik im Görlitzer Klinikum. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Dr. Gottschalk, ist die Situation hier wirklich so dramatisch?

Drei bis vier schwere Fälle pro Jahr kommen zu uns. Doch das, was wir im Krankenhaus sehen, ist ja nur die Spitze des Eisberges. Nicht jedes betroffene Kind landet automatisch bei uns. Ich glaube schon, dass es immer mehr körperlichen, sexuellen und psychischen Missbrauch gibt. Vor allem Vernachlässigung nimmt immer mehr zu.

Was tun Sie dann?

Bei jedem Verdachtsfall kommt unsere interne Kinderschutzgruppe zusammen. Sie besteht aus drei Kinderärzten, einer Sozialarbeiterin, einer Kinderkrankenschwester, einer Gynäkologin und einem Radiologen. Wir beraten jeden Fall genau. Bestätigt sich ein Verdacht, erstatten wir Anzeige.

Aber wie wollen Sie den blauen Fleck, der vom Hinfallen herrührt, von dem unterscheiden, der durch Schlagen entstanden ist?

Es gibt spezielle kindliche Verletzungsmuster. Man kann ziemlich genau sagen, was vom Schlagen und was vom Hinfallen kommt. Außerdem arbeiten wir mit einer Rechtsmedizinerin zusammen, die wir anfordern, wenn wir einen Verdacht haben.

Und wenn sich ein Verdacht einmal nicht bestätigt?

Zum Glück gibt es inzwischen ein neues Kinderschutzgesetz, das uns Rechtssicherheit gibt. Es besagt, dass das Wohl des Kindes über allem steht. Auch über einem manchmal unbegründeten Verdacht. Das war ja lange unsere Sorge: Stimmt das auch, liegen wir richtig? Durch die neuen gesetzlichen Regelungen hat sich schon Vieles verbessert.

Auch hinsichtlich Ihrer ärztlichen Schweigepflicht?

Absolut. Ich hatte schon früher den Mut, mich nicht immer daran zu halten, weil mir das Wohl eines schutzlosen Kindes das höhere Rechtsgut im Vergleich zum Recht auf Verschwiegenheit bedeutet. Aber mittlerweile sind wir in solchen Fällen von der Schweigepflicht entbunden. Außerdem ist es uns jetzt möglich, die Diagnose Verdacht auf Kindesmisshandlung auch als solche zu stellen, um diese Kinder in unserer Klinik umfassend betreuen zu können. Dafür gibt es seit diesem Jahr eine eigenständige Diagnosenummer. Das ist unter anderem wichtig für eine korrekte Abrechnung. Früher mussten wir uns etwas einfallen lassen, um den betroffenen Kindern zu helfen.

Was erfahren Sie direkt von den Kindern? Sprechen die mit Ihnen?

Natürlich versuchen wir, zu ihnen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das Kind ist ein wichtiger Partner. Nicht jedes redet sofort mit uns. Manche haben ein seelisches Trauma erlitten. Andere wiederum sind offenbar froh, dass sie aus der Situation heraus sind, öffnen sich und erzählen. Nur die Allerkleinsten können das nicht.

Wie klein sind denn die jüngsten misshandelten Kinder?

Es gibt leider welche, die schon misshandelt auf die Welt kommen. Denn seit etwa zwei Jahren haben wir es mit einem neuen massiven Problem zu tun: Dem Chrystal-Konsum während der Schwangerschaft. Wir hatten bereits fünf Fälle dieses Jahr. Die Babys sind wahrscheinlich alle schwer geschädigt. Eine minderjährige Chrystal-Konsumentin hat schon ihr zweites Frühchen auf die Welt gebracht. Danach ging sie sofort nach Hause. Das Kind liegt noch bei uns. Wir wissen nicht, welche Schäden es davontragen wird. Das ist noch nicht erforscht und macht uns große Sorgen. Fest steht, dass auch das schwere Kindesmisshandlung ist. Drogenkonsum in der Schwangerschaft und danach ist zudem ein Risiko für den plötzlichen Kindstod.

Den hatte es in den vergangenen Jahren im Landkreis so gut wie nicht mehr gegeben.

Genau. Doch durch dieses neue Problem werden wir die niedrige Rate nicht halten können. Wir hatten bereits einen Fall im Landkreis. Beide Eltern waren Chrystal-Konsumenten.

Sollten Kinder solchen Eltern sofort entzogen werden?

Das ist eine schwere Frage. Hier trägt das Jugendamt eine riesige Verantwortung. Man kann ja nicht allen Müttern die Kinder nehmen, die Drogen konsumieren. Sie ihnen aber andererseits auch nicht wie selbstverständlich belassen.

Sie selbst sind Vater, Ihre Krankenschwestern haben vielfach auch Kinder. Was fühlen Sie, wenn Sie Kinder so leider sehen?

Wir sind alle sehr traurig und spüren eine große Hilflosigkeit. Das Schlimme ist, dass diesen Kindern ihre Lebensgeschichte schon vorgeschrieben ist und wir gar nicht viel tun können. Es ist eine große seelische Belastung damit umzugehen, dass wegen so unsinniger Gründe eigentlich gesunde Neugeborene plötzlich zu lebenslang kranken Kindern werden. Auf ein Wort

Der nächste Teil unserer Serie erscheint am Dienstag. Wir stellen Ihnen dann eine Pflegefamilie vor.