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„Drogenprobleme hat auch der gut situierte Jurist“

Die deutschen Kinder- und Jugendpsychiater schlugen kürzlich Alarm: Immerhin acht Prozent der 15- bis 18-Jährigen haben Studien zufolge einen problematischen Alkoholkonsum. Weitere zwei Prozent würden regelmäßig illegale Substanzen zu sich nehmen, meist Cannabis.

Die deutschen Kinder- und Jugendpsychiater schlugen kürzlich Alarm: Immerhin acht Prozent der 15- bis 18-Jährigen haben Studien zufolge einen problematischen Alkoholkonsum. Weitere zwei Prozent würden regelmäßig illegale Substanzen zu sich nehmen, meist Cannabis. Ein Trend, der auch am Landkreis Meißen nicht spurlos vorübergeht. Während die Suchtberatungsstelle der Diakonie Riesa-Großenhain laut Therapeutin Bärbel Waldau eine steigende Beratungsnachfrage zu verzeichnen hat, sind mittlerweile auch Therapieplätze stark nachgefragt. Auf dem Bauernhof der Radebeuler Sozialprojekte gGmbH in Dallwitz etwa sind die Plätze ständig belegt. Die SZ sprach mit dem Geschäftsführer der Rasop, Eckhard Mann.

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Ende vergangener Woche geriet Ihre Therapiestätte in die Schlagzeilen. Die Polizei suchte nach einem 16-Jährigen. Ist er wieder aufgetaucht?

Ja, das ist er. Bereits am Donnerstagabend hat er sich bei uns gemeldet und befindet sich nun in medizinischer Behandlung. Man muss dazu wissen, dass es durchaus schon mal passieren kann, das einer unserer Jugendlichen zwischenzeitlich aufgibt und einfach hinwerfen will. Dann ist es natürlich wichtig, dass wir dennoch für sie da sind. Und im Falle unseres Philipps war es insofern wichtig, als dass er einerseits minderjährig ist und andererseits dringend medikamentös behandelt werden muss. Gemeinsam mit der Polizei an seinem Wohnort Leipzig und den Eltern haben wir uns deshalb auch zur Herausgabe einer Suchmeldung entschieden.

Herr Mann, wie viele Jugendliche werden gegenwärtig in Dallwitz betreut?

Wir schöpfen seit geraumer Zeit alle Kapazitäten aus. Das heißt, alle neun zur Verfügung stehenden Plätze sind belegt. Und dabei reichen sie bei Weitem nicht aus. Die Nachfrage ist groß, wir können uns vor Anfragen nicht retten. Mittlerweile gibt es eine Warteliste, auf der die Namen von 15- bis 18-Jährigen aus dem Raum Dresden, Meißen, Radebeul, Riesa, Großenhain bis hin nach Brandenburg stehen. Und sie alle haben mehr oder minder das gleiche Problem: den Missbrauch oder gar ein abhängiges Verhalten im Umgang mit Alkohol oder Drogen.

Sie sagen, der Bedarf an Therapieplätzen ist mittlerweile hoch. Vergleichbar inzwischen mit Westdeutschland?

Absolut! Und da reden wir nicht nur von abhängigen Mädchen und Jungen. Unser Team, zu dem inzwischen 75 Mitarbeiter gehören, beschäftigt sich ja auch mit der Betreuung von suchtkranken Erwachsenen. Da es sich in diesen Fällen um Mütter und Väter handelt, stehen für uns natürlich die Kinder im Vordergrund. Ihr seelisches und körperliches Wohl ist es, nachdem wir unsere Tätigkeit ausrichten. Auch bei dieser Klientel ist in den letzten Jahren eindeutig ein Zuwachs zu verzeichnen. Und da reden wir nicht nur über sozial benachteiligte und einkommensschwache Familien. Bei uns sucht der gut situierte Unternehmer genauso Rat wie der Jurist oder Lehrer, der plötzlich erkennen muss, dass sein Kind ein Problem hat. Heranwachsende, die mit zwölf, 13 Jahren vielleicht das erste Mal mit Alkohol oder Drogen zu tun hatten. Und deren häusliches Umfeld, die Akzeptanz in der Schule oder Ausbildungsstätte, kurzum ihre gesamte Biografie, darüber entscheidet, ob es bei einer einmaligen Erfahrung aus Neugierde bleibt.

Wenn es das nicht tut und mehr daraus wird, kommen Sie ins Spiel. Viele Familien fühlen sich jedoch gerade dann von der Gesellschaft im Stich gelassen. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

Als wir uns schon einmal vor gut drei Jahren über dieses Thema unterhalten haben, hätte ich diese Frage fast mit Ja beantwortet. Inzwischen hat sich aber in Dresden und dem Landkreis Meißen viel getan. Natürlich ist von allem, was es zur Behandlung braucht – also Sozialarbeiter, Beratungsstellen, Therapeuten und nicht zuletzt Mitarbeiter in den Jugendämtern – noch nicht ausreichend vorhanden. Das liegt einfach daran, dass der Bedarf an Prävention und Hilfe viel größer ist, als teilweise angenommen. Aber die Menschen sind sensibilisierter, das Zusammenspiel zwischen Behörden klappt besser. Schulleiter in Großenhain, Riesa, Radebeul oder anderswo werden mittlerweile viel häufiger auf diese Thematik gestoßen. Und tatsächlich können Pädagogen ja auch viel bewirken, indem sie sich der Problematik offensiv stellen. Wenn das nämlich nicht der Fall ist, wird verhindert, dass den Jugendlichen durch das Elternhaus und professionelle Kräfte geholfen werden kann.

Hat sich dadurch auch Ihre eigene Arbeit verändert?

Natürlich, wir lernen ständig dazu. Beispielsweise haben wir in Dallwitz unser Therapiekonzept umgestellt. So verbleiben die Mädchen und Jungen in den ersten zehn Tagen ihres Aufenthalts bei uns in der Wohngemeinschaft. Danach fährt ein Betreuer mit dem Betroffenen in eine Unterkunft nach Rehefeld und hat somit Gelegenheit, allein mit ihm persönliche Dinge zu besprechen. Das hat sich sehr gut bewährt. Der Jugendliche kann aufarbeiten, was von ihm erwartet wird und bestimmte Befindlichkeiten vertrauensvoll mitteilen.

Herr Mann, ernüchterndes Fazit unseres Gesprächs ist also, es werden immer mehr, statt weniger, die erkranken. Worin sehen Sie die Ursache dafür?

Das lässt sich leider nicht pauschal sagen. Wenn wir eine konkrete Antwort darauf hätten, könnten wir Erkrankungen wie die unseres jetzt vermissten Philipp besser verhindern. Aber natürlich haben Sie recht, es gibt schon bestimmte Faktoren. So sind die Lebensverhältnisse natürlich entscheidend, in denen Kinder aufwachsen. All jene Mädchen und Jungen, die eine schwierige Kindheit durchmachen mussten, haben nach unseren Beobachtungen große Probleme, sich gesellschaftlich zu etablieren. Wer dagegen bis zum sechsten Lebensjahr einen gut strukturierten Tagesablauf erlebt hat, keine Trennungen durchmachen musste und vor allem Verlässlichkeit erfahren konnte, kann gut gerüstet sein. Hilfreich ist es sicherlich auch, wenn Eltern sich als verlässliche Begleiter mit Stärken und Schwächen zeigen. Wenn es uns gelingt, mit ihnen im Gespräch zu bleiben, dann ist schon viel gewonnen.

Gespräch: Catharina Karlshaus

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