SZ +
Merken

Droht dem Kreis eine Rattenplage?

Bisher gängige Nager-Gifte sind jetzt verboten. Die Kammerjäger sehen viel Arbeit auf sich zukommen. Denn das Ungeziefer nimmt zu.

Teilen
Folgen

Von Peter Anderson

Herbert Greil ist prinzipiell ein Tierfreund. Bei Ratten allerdings hört die Freundschaft für ihn auf. Als der Bohnitzscher jetzt zwei der Tiere über den Hof vor seiner Garage flitzen sah, wollte er das nicht dulden. Essensabfälle auf einem Komposthaufen in der Nachbarschaft könnten die Nager angelockt haben, spekuliert Greil. Mit Rattengift wollte er eine mögliche Plage verhindern. Im Toom-Baumarkt musste ihn Chef Torsten Melzer jedoch enttäuschen. Seinen Angaben zufolge dürfen bislang übliche Mäuse- und Rattenbekämpfungsmittel seit der Jahreswende nicht länger frei verkauft und benutzt werden. Die Gifte dürften nur an Kunden abgegeben werden, die einen sogenannten Sachkunde-Nachweis besitzen.

Grund für die neue Regel sind Vorgaben der Europäischen Union. Bisher seien fast alle Biozid-Produkte – zu denen auch Ratten- und Mäusegifte zählen – staatlicherseits ungeprüft auf dem deutschen Markt erhältlich gewesen, heißt es in einer Mitteilung des Bundesumweltamtes aus Dessau-Roßlau. Seit 2003 würden nun schrittweise sämtliche Biozide-Wirkstoffe auf ihre Risiken für Mensch und Umwelt untersucht. Bei Ratten- und Mäusebekämpfungsmitteln mit Blutgerinnung hemmenden Wirkstoffen seien erhebliche Umweltrisiken und Resistenzprobleme festgestellt worden, schreibt das Bundesumweltamt. Mit anderen Worten: Die Gifte wirken auch auf Raubvögel oder Füchse. Zudem können Ratten im Laufe der Jahre resistent gegen die tödlichen Folgen werden.

Baumarktchef Torsten Melzer hat für diese Gründe zwar Verständnis. Die Folgen des Verkaufsverbots sieht er dagegen kritisch. Hobby-Gärtner hätten kaum eine Alternative, als sich mit dem hochwirksamen Gift der Nager zu erwehren. Mit Fallen zu arbeiten, sei wesentlich komplizierter und weniger effizient. Hinzu komme die Gefahr durch Krankheiten oder Seuchen, welche insbesondere durch Ratten übertragen werden, sagt Melzer.

Tatsächlich können Ratten die Erreger schwerer Krankheiten wie Ruhr oder Cholera weitergeben. Verschärft wird das Problem durch die hohe Fruchtbarkeit der Tiere. Ein Rattenpärchen bekommt aller sechs Wochen im Durchschnitt sechs Junge.

Die Zivilisation bietet den Tieren in den Städten ideale Lebensbedingungen. Jeder Komposthaufen mit Küchenabfällen ist ein leicht gefundenes Fressen. Auch die Kanalisation ist an einigen Stellen voller Ratten. Die Tiere tummeln sich vor allem dort, wo Essensreste über die Toilette entsorgt werden.

Im Landratsamt relativiert Sprecherin Kerstin Thöns die Ängste vor einer Ungezieferplage. Die Gefahr der Übertragung von Krankheiten sei nach Aussage der Spezialisten im Amt bei jedem Tier vorhanden. Privatpersonen hätten zudem auch bisher kaum eine Chance besessen, einer wirklichen Nager-Plage Herr zu werden. Diese müsse immer professionell durch Kammerjäger bekämpft werden, heißt es aus dem Landratsamt.

Kammerjäger Jürgen Raschke aus Meißen bestätigt das. Seine Zunft müsse über Arbeit nicht klagen. Die gebe es mehr als genug. Kurze Winter und lange Sommer hätten in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich Ungeziefer stärker vermehre.

So konnten die Mäuse im letzten warmen Herbst noch einmal zusätzlich werfen. Ob ihm und seinen Berufskollegen das Verbot der konventionellen Nagergifte dieses Jahr mehr Arbeit einbringen werde, sei noch nicht abzusehen, sagt Jürgen Raschke. Allerdings sind seine Kapazitäten stark begrenzt. „Es ist schwer, gutes Personal zu bekommen“, so der Meißner Kammerjäger.

Kritiker des Biozid-Verbots gehen davon aus, dass auf Privathaushalte durch die neue EU-Regel geschätzte Kosten von 300 bis 500 Millionen Euro zukommen. „Mehr als eine Millionen Rattenbefallsfälle pro Jahr können nicht allein durch professionelle Schädlingsbekämpfer gelöst werden“, so der FDP-Bundestagsabgeordnete Lutz Knopek.

Keine Folgen entstehen durch den Verkaufsstopp für Mühlen und große Agrarbetriebe. „Wir lassen die Schädlingsbekämpfung schon immer durch einen Profi erledigen“, sagt der Miltitzer Mühlenbetreiber Alexander Bartsch. Auf Baumarktware greife er nicht zurück. Der Kammerjäger verfüge über die besten Mittel und Methoden. Zudem fülle er gleich die nötigen Protokolle und Formulare aus. Das sei nicht zuletzt eine Haftungsfrage, so Bartsch.

Die Kleingärtner der Meißner Gartensparte Am Goldgrund setzen bereits jetzt auf moderne Technik statt altmodisches Gift. „Mit den Piepern, die vor allem gegen Maulwürfe helfen, haben wir uns bisher das Ungeziefer aus der Sparte gehalten“, sagt Spartenchef Wolfgang Röhr. Und das trotz der Lage der Kleingartenanlage unmittelbar neben einem Feld.