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Droht tausenden Kunstrasenplätzen jetzt das Aus?

Eine geplante EU-Richtlinie bedroht die Kunstrasenplätze im Fußball. Auch Dynamo Dresden prüft nun Alternativen für das neue Trainingszentrum.

Großverschmutzer oder nicht: die Diskussion über Mikroplastik-Belastung durch Gummigranulat beunruhigt nicht nur Amateurfußballer.
Großverschmutzer oder nicht: die Diskussion über Mikroplastik-Belastung durch Gummigranulat beunruhigt nicht nur Amateurfußballer. © Fredrik Von Erichsen / dpa

Ferdinand Rath ist dann doch einigermaßen perplex. Zähe zwölf Jahre lang hatten sie beim Kölner Kreisligisten Adler Dellbrück um ihren Kunstrasenplatz gekämpft, endlich nahm das Abwandern der Spieler zu den umliegenden Vereinen ein Ende. Und dann kommt die EU daher. „Jetzt legen wir für die Umwelt 5.000 Plätze still, und der gesamte Spielbetrieb bricht zusammen? Das kann doch nicht funktionieren“, sagt Rath.

Niemand bricht jetzt in Panik aus, bei Adler Dellbrück schon gar nicht. Aber die Diskussion über Mikroplastik-Belastung durch Gummigranulat hat die Basis beunruhigt. 

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Auch ganz oben ist das Problem inzwischen angekommen: Horst Seehofer persönlich spricht sich für eine Verschiebung der geplanten EU-Richtlinie zur Vermeidung von Mikroplastik aus, derzufolge ab 2022 die Verwendung des so typischen synthetischen Kautschuks nicht mehr erlaubt sein könnte. „Als Sportminister werbe ich für einen vernünftigen Ausgleich zwischen Umweltschutz und Interessen des Sports“, sagte der CSU-Bundesinnenminister am vergangenen Sonntag in einem Interview. Und er malte durchaus den Teufel an die Wand: „Viele Tausend Sportanlagen in deutschen Kommunen wären sonst von der Schließung bedroht.“

Seehofer schloss sich zudem der Forderung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nach einer sechsjährigen Übergangsfrist an. Der DFB teilte mit, dass er „und seine Landesverbände einen Bestandsschutz der in Betrieb befindlichen Kunstrasenplätze“ fordern. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) beschwichtigte: „Ob die EU-Kommission ein Verbot von Plastik-Einstreumaterial für Kunstrasensportplätze vorschlagen wird, steht längst nicht fest.“

11.000 Tonnen Mikroplastik im Jahr

Es wird also keineswegs ad hoc alles zusammenbrechen. Dennoch bleiben Fragen, wie diese von Ferdinand Rath: „Warum ist man darauf nicht früher gekommen, die ganzen Plätze umzustellen?“ Ein Nachbarverein habe kürzlich eine Korkvariante eingeweiht – und jetzt keine Sorgen.

Ursache der Aufregung ist eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik, kurz: UMSICHT. Darin stehen unter „Verwehungen Sport- und Spielplätze“, der Nummer fünf der Großverschmutzer, beeindruckende Zahlen: Bis zu 11.000 Tonnen Mikroplastik im Jahr gelangten via Kunstrasenplätze insgesamt in die Umwelt, mehr beispielsweise als durch Kosmetika oder Faserabrieb bei Textilwäsche. Oberster Verschmutzer: der Reifenabrieb.

Tobias Müller ist Kommunikationsleiter beim Kunstrasenplatzbauer Polytan. Das Unternehmen kritisiert die Studie scharf. „Wir sagen ganz klar: Sie ist nicht richtig“, sagt Müller, und er erklärt: „Weil sie nicht die Bauweise in Deutschland berücksichtigt, die ganz anders ist als im Ausland. Die angenommenen Mengen Gummigranulat sind schlicht falsch.“ 

Seine Rechnung, die auch die RAL-Gütegemeinschaft „Kunststoffbeläge in Sportfreianlagen“ stützt, geht ganz anders. Zirka 3.500 der 5.000 Plätze in Deutschland seien mit den Kautschuk-Kügelchen bestreut. Die Studie gehe von zwölf Kilogramm pro Quadratmeter aus, richtig seien aber fünf Kilogramm – also bei rund 70 x 100 Metern etwa 35 Tonnen pro Platz. Neueste Modelle kämen mit nur 1,7 Kilogramm Granulat pro Quadratmeter aus.

Bei angenommenen 11.000 Tonnen Gesamtbelastung müsste jeder Platz jährlich mehr als drei Tonnen Granulat an die Umwelt abgeben – durch Wind, Regen, das Anpappen an Kleidung und Schuhen. „Absolut illusorisch“, sagt Müller. Realistisch seien 250 bis 300 Kilogramm. Das Institut räumte jetzt ein, mit Schätzungen und „nicht absoluten Zahlen auch basierend auf Daten aus dem Ausland“ gearbeitet zu haben. Nun laufen Folgeuntersuchungen.

Auch bei Dynamo wird neu geprüft

Vorsichtig geworden ist man bei Dynamo Dresden trotzdem. Im neuen Trainingszentrum soll es schließlich auch einen Kunstrasenplatz geben. Geprüft wird derzeit, aus welchen Komponenten der Rasen bestehen soll. Denn anders als es der städtische Sportstättenbetrieb erklärt hatte, sei die Entscheidung für Füllmaterial aus Kork noch nicht abschließend gefallen.

Dynamo-Geschäftsführer Michael Born sieht in den Mikroplastik-Plätzen ohnehin keine so große Bedrohung: „Das trifft vielleicht auf Plätze in Skandinavien zu, wo die Kugeln aus recycelten Autoreifen weggeblasen werden, weil es keine Rundumbewehrung gibt.“ Trotzdem lasse der Verein alle Optionen durch Experten prüfen.

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Insgesamt 450 Kunstrasenplätze werden jährlich in Deutschland gebaut, für etwa 500.000 bis 700.000 Euro pro Stück. Polytan arbeitet mit der Firma hauraton zusammen, die behauptet, dass ihre Rinnensysteme 98 Prozent des Mikroplastiks von der Umwelt fernhalten. Zudem gibt es Alternativen: Kork, Sand, Mischrasen. Inzwischen, sagt Müller, bestehe selbst das Gummigranulat nur noch zu rund 30 Prozent aus Synthetik-Kautschuk.

Ferdinand Rath hilft das in Köln-Dellbrück nicht weiter. Er hat aber eine Taktik festgelegt: „Einfach mal abwarten.“ (sid)

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