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„Mein Labor hat Deutschland Vorsprung eingespielt“

Per Interview relativiert Christian Drosten zwar seinen Einfluss auf die Politik – klopft sich aber auch auf die Schulter. Und betont: Angst vor „Bild“ habe er keine.

Christian Drosten, Virologe vom Berliner Universitätsklinikum Charité.
Christian Drosten, Virologe vom Berliner Universitätsklinikum Charité. © Michael Kappeler/dpa

Von Sven Lemkemeyer

Der Virologe Christian Drosten ist in der Coronavirus-Krise einer der prominentesten, aber auch polarisierendsten Akteure in Deutschland – für die einen Held, für die anderen Hassfigur. Mitten im aktuellen Wissenschaftlerstreit über eine seiner Studien zur Viruslast von Kindern versucht der Virologe vom Berliner Universitätsklinikum Charité seine Popularität und seinen Einfluss auf die Politik zu relativieren. Gleichzeitig betont er in einem großen Interview mit dem „Spiegel“ aber, wie wichtig er und sein Labor im Kampf gegen die Pandemie bisher waren.

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Auf die Frage, ob Deutschland ohne ihn schlechter vorbereitet in die Pandemie geschlittert wäre, sagt Drosten: „Ja, natürlich.“ Sein Labor habe im Januar sehr viel Arbeit in die Entwicklung des Diagnostiktests geschickt und ihn als Serviceleistung weltweit zur Verfügung gestellt.

Durch diese Möglichkeit, routinemäßig auf Sars-CoV-2 testen zu können, sei zur Karnevalszeit klar gewesen: „Das Virus verbreitete sich bereits unbemerkt in Deutschland.“ Ohne den Test sei dies „erst einen Monat“ später festgestellt worden, „wenn sich wie in Italien, Spanien und Großbritannien die Toten gehäuft hätten“.

So lange dauere es von der Infektion bis zum Tod auf der Intensivstation, so der Virologe weiter. „Und diesen Monat haben wir – und damit meine ich mein Labor - für Deutschland als Vorsprung eingespielt. Das ist der Grund dafür, dass wir heute so gut dastehen. Wenn wir nicht so früh hätten testen können, wenn wir Wissenschaftler nicht die Politik informiert hätten – ich glaube, dann hätten wir in Deutschland jetzt 50.000 bis 100.000 Tote mehr.“

Sein Medizinstudium finanzierte Drosten mit einem Job als Intensiv-Pfleger. Diese Erfahrung habe ihm sehr geholfen, die Gefahr von Covid-19 einzuschätzen. „Als ich die Bilder von den italienischen Intensivstationen gesehen habe, wo die Patienten reihenweise nebeneinander in Bauchlage beatmet wurden, wusste ich sofort Bescheid: Das ist richtig schlimm. Wer so beatmet wird, der ist nicht nach drei Tagen wieder fit, der hat wochenlange Verläufe. Damit war klar: Die Intensivstationen sind lange blockiert und die Überlebenschancen schlecht.“

Drosten, der sich in einem millionenfach abgerufenen Podcast regelmäßig äußert, begründet in dem Interview auch, warum er sich bereits zu Beginn der Pandemie freiwillig auf die öffentliche Bühne begeben habe. „Es sollte mir später niemand vorwerfen können, ich hätte nicht rechtzeitig davor gewarnt, dass die Leute auch bei uns sterben könnten. Und wer sonst sollte die Menschen in Deutschland informieren und aufklären über die Pandemie? Als jemand, der an Coronaviren arbeitet, sah ich mich da einfach in der Pflicht“, sagt der 48-Jährige.

Drosten, dem auf Twitter mehr als 300.000 Menschen folgen und dessen Tweets hundertfach und tausendfach gelikt werden, sagt zu seiner neuen Berühmtheit: „Ich bekomme das gar nicht so richtig mit. Ich bin kein Social-Media-Typ, und vor der Pandemie hatte ich zwei Jahre lang nicht mehr getwittert. Ich lese auch jetzt nur wenig über mich selbst. Und mein Podcast fühlt sich eher an wie ein Dialog mit der Wissenschaftsjournalistin, die mich interviewt. Als wären wir nur zu zweit.“

Angesprochen auf seinen öffentlich ausgetragenen Streit mit der „Bild“-Zeitung, die seine Studie zur Viruslast bei Kindern wegen angeblicher Statistikfehler als „grob falsch“ dargestellt hatte, sagt Drosten: „Sollte ich mich fürchten? Kann ich mir nicht vorstellen. Das letzte Mal, dass ich die ,Bild‘ gelesen habe, das war zu Zeiten von ,Bumm-Bumm-Boris‘. In meinem Alltag kommt die ,Bild‘-Zeitung nicht vor. Niemand in meinem Bekanntenkreis liest das Blatt. Deshalb kenne ich mich da auch nicht so aus.“

Es könne sein, dass Leute, die ausschließlich die „Bild“ läsen, ihn für einen schlechten Wissenschaftler hielten, dass diese Menschen denken würden, „dass ich das Schicksal der Republik in eine falsche Richtung lenke“ – und was „nicht alles an Legenden“ produziert werde. „Aber um mich als Wissenschaftler zu diskreditieren, müssten ja andere Wissenschaftler glauben, dass das stimmt, was in der ,Bild‘-Zeitung steht. Da erfahre ich derzeit hingegen – bis auf ganz vereinzelte Ausnahmen – nur Unterstützung.“

Inhaltlich bekräftigt Drosten in dem Interview das Ergebnis der kritisierten Studie. „Man sieht in unseren Daten eigentlich auf den ersten Blick, dass Kinder, die keine Symptome haben, mitunter eine Viruslast haben, die genauso hoch ist wie die von erwachsenen Covid-19-Patienten.“Viele der Anregungen, die von den Statistikexperten gekommen seien, seien trotzdem sehr wertvoll gewesen. „Inzwischen haben wir die Studie überarbeitet und wollen sie zur Veröffentlichung einreichen. Einen der Kritiker konnten wir sogar als Co-Autor gewinnen. Am Ergebnis der Studie hat sich durch die Überarbeitung nichts geändert“, sagt Drosten.

Angesprochen darauf, dass er von vielen als wissenschaftliche Eminenz quasi vergöttert werde, sagt Drosten: „Ich glaube, das findet nur in den Medien statt und ist für meine Kollegen aus der Wissenschaft nicht relevant. Es gibt in Deutschland wirklich bessere Wissenschaftler als mich in der Virologie. Ich glaube, keiner von denen hält mich für den besten. Ich stehe jetzt nur im Mittelpunkt, weil ich an diesem Virus arbeite.“

Gleichzeitig verweist der Forscher auf die Schattenseite der Popularität. Inzwischen seien „Hassbotschaften zur Normalität“ geworden, ihm sei Blut geschickt worden mit der Botschaft „trink das – dann wirst Du immun“ und ein Plakat, das ihn mit dem KZ-Arzt Josef Mengele zusammen abbilde, habe er angezeigt.

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Zu den Vorwürfen auch durchaus gemäßigter Kritiker, Wissenschaftler wie er hätten übertrieben und wie die Politik falsch kommuniziert, und seien schuld an den großen wirtschaftlichen Problemen, sagt Drosten: „Ich glaube nicht, dass wir irgendetwas falsch gemacht haben. Wir haben mit vergleichsweise milden Maßnahmen eine Pandemiewelle gestoppt, und zwar total effizient, ohne eine große Zahl von Toten.“ Man müsse die Corona-Leugner aufs Ausland verweisen. „Wir haben in Deutschland etwas geschafft, das kein vergleichbares Land der Welt hinbekommen hat.“

Es könne in dem Hass aber keine Wissenschaftsfeindlichkeit erkennen, sagt Drosten weiter. Es werde etwas auf seine Person projiziert. Es sei wohl eher so, dass die Menschen unter den Shutdown-Maßnahmen gelitten hätten, „so milde die auch waren“. Zu der Aussage, dass er aber der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten zu dem Shutdown geraten hätte, sagte Drosten: „Meine Rolle in der Politikberatung wird heftig übertrieben. Das ist weitgehend eine Legende.“

Weiter sagt Drosten, er halte es inzwischen für möglich, dass Deutschland eine zweite Coronavirus-Welle erspart bleibe. „Vielleicht entgehen wir einem zweiten Shutdown.“ Die Wissenschaft habe inzwischen ein besseres Verständnis des Infektionsgeschehens. „Jetzt kennen wir das Virus genauer, wir wissen besser, wie es sich verbreitet.“

Dies geschehe über wenige sogenannte Superspreader, also Infizierte, die für viele Ansteckungen verantwortlich sind. „Und ein solches Infektionsgeschehen kann man besser kontrollieren als eine gleichförmige Ausbreitung unterm Radar, wie wir das am Anfang angenommen haben“, sagt Drosten. Es gebe jetzt eine „theoretische Möglichkeit“, dass die Deutschen „ohne zweite Welle durchkommen“.

Wichtig sei nach wie vor, einen möglichen Ausbruch früh zu erkennen und zu stoppen, indem sämtliche Kontaktpersonen in Quarantäne kommen, ohne sie vorher erst langwierig zu testen. Dafür könnte die Zeit der Quarantäne aber deutlich verkürzt werden. Kontaktpersonen müssten künftig nur eine gute Woche in der Isolation verbringen, denn die Inkubationszeit und die Zeit, in der ein Mensch ansteckend sei, sei deutlich kürzer als anfangs in der Coronavirus-Krise gedacht, betont Drosten.

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„Die große Frage ist: Wird es virulenter? Oder schwächt es sich ab?“ Es könne sicherlich durch die Evolution optimiert werden. „Das macht mir schon ein bisschen Angst“, sagt Drosten. „Ich will auch nicht den Teufel an die Wand malen, aber man vermutet ja, dass so etwas auch bei der Spanischen Grippe 1918 passiert ist: dass das Virus gen Winter mutierte.“

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