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Druck auf Tagebaubetreiber wächst

Orte werden umgesiedelt – und bekommen Geld. Aber was ist mit den Bürgern, die weiter mit Lärm und Staub leben?

Von Thomas Staudt

Für Touristen mag der Tagebau in Nochten oder Reichwalde ein tolles Fotomotiv sein. Aber für die Menschen in den Orten rund um die Tagebaue, sind die Riesenlöcher, die Bagger, der Lärm, Staub und die zerklüftete Heimat keineswegs ein Nebeneffekt von Jobs, Wirtschaftskraft und Zukunftsgestaltung, die einfach so Inkauf genommen werden. Was jetzt in Weißwasser passiert ist, wäre auch in der Gemeinde Boxberg, in Rietschen – und auch in Richtung Niesky, Mücka und Kreba denkbar: Bürger treffen sich, um ihre Sorgen und Probleme mit dem Tagebau kundzutun. Ziel ist es, die Belastungen gering zu halten. Wie sowas geht, haben in der Wendezeit die Klittener gezeigt. Sie haben sogar der Abbaggerung widerstanden.

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Die Lage vor Ort in Zahlen und Fakten gibt den Betreibern Recht

Rein rechnerisch sind die Werte bei Staub und Lärm aus dem Tagebau Nochten in Ordnung. Der Bergbau- und Energiekonzern Vattenfall legte nun die neuesten Zahlen vor. Sie spiegeln jedoch in keiner Weise die gefühlten Belastungen wider. Das wurde bei einer Einwohnerversammlung am Dienstag deutlich. Viele Weißwasseraner machten aufgestautem Ärger Luft und forderten Verbesserungen. Über den Unmut äußerlicher Strapazen hinaus rückten auch die gesundheitlichen Gefahren durch die Emissionen in den Fokus. Die SZ fasst das Wichtigste zusammen.

Dreck: Die Belastungen sinken – aber nicht von heute auf morgen

Niederschlag und Windrichtung beeinflussen die Ablagerungen. Die vorherrschende Windrichtung von Südwest nach Nordost treibt die Partikel direkt über die Stadt. Trotzdem liegt das Jahresmittel unterhalb des gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerts von 0,35 Gramm Staub. Bis 2012 pendelten die Durchschnittswerte zwischen 0,11 und 0,14 Gramm pro Quadratmeter am Tag. Ende vergangenen Jahres sanken sie auf 0,9 Gramm, obwohl es 2013 mit 530 Litern im Schnitt weniger regnete als sonst (650 Liter). „Wir können die Belastungen nur schwer beeinflussen. Sie sind abhängig vom Wetter“, sagte Jens Höhna, Immissionsschutzbeauftragter von Vattenfall. Er geht davon aus, dass die Staubbelastung sinkt. Als Abwehrmaßnahmen setzt Vattenfall ein Hochdrucknebelsystem ein, befeuchtet Werkswege bei Trockenheit und setzt auf die Pflege der Schutzpflanzungen. Bei weitem nicht genug, fanden viele Zuhörer und forderten unter anderem den Einsatz von Nebelkanonen.

Lärm: Stummschaltungen sollen über die Nachtzeit hinaus verlängert werden

Während die Werte im ersten Halbjahr 2012 bei 37 Dezibel stagnierten, steigen sie seither an. Der Spitzenwert lag bei 48 Dezibel. Nach den offiziellen Angaben wurden die Grenzwerte aber nicht überschritten. Zwischen 22 und 6 Uhr vermeidet Vattenfall akustische Signale weitgehend. Das verhindert die flächendeckende Beschallung der Stadt mit Tagebaulärm vor allem nachts nach einhelliger Meinung nicht. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch regte an, die Stummschaltung in die Morgenstunden zu verlängern. Vattenfall will den Vorschlag prüfen. In den nächsten Jahren sollen weitere technische Schallschutzmaßnahmen realisiert werden.

Feinstaub: Weißwasseraner fordern ein Monitoring

Vattenfall lässt die Emissionen an sechs Messpunkten überprüfen. Bei Staub hilft die sogenannte Bergerhoff-Messeinrichtung. Ein nach oben offener Behälter fängt die Staubpartikel ein. Die „Messbecher“ werden monatlich eingesammelt und zur Auswertung nach Freiberg geschafft. Feinstaub wird allerdings nicht erfasst. Im Zusammenhang mit dem Tagebau ist er laut Vattenfall unbedenklich. Die Weißwasseraner Stadträtin Kathrin Jung (SPD) wies auf die Gesundheitsgefahren hin. „Unsere drei kleinen Kinder sind meiner Meinung nach zu oft und zu lange krank.“ Die Kinder seien vor allem durch Atemwegserkrankungen belastet, sagte sie und forderte ein Feinstaubmonitoring. „Wir wollen für 2014 ein Gutachten in Auftrag geben“, versprach Jens Höhna.

Schwermetalle: kein Problem im Tagebau, dafür im Kraftwerk

„Wo sollen die Schwermetalle im Tagebau denn herkommen?“, konterte Jens Höhna die Frage nach den Metallen. Tatsächlich spielen sie eine größere Rolle beim Kraftwerk Boxberg. Es stieß 2010 insgesamt 236 Kilogramm Blei, 226 Kilogramm Quecksilber und 152 Kilogramm Nickel aus. Im Publikum überwogen aber eindeutig die Vorbehalte gegen Staub und Lärm.

Radioaktive Strahlung: Gartenerde ist stärker belastet als Braunkohle

Gartenerde strahlt mit einer Intensität von 50 Becquerel, die von Vattenfall geförderte Kohle mit 5 Becquerel. Das gilt laut Höhne in ähnlicher Weise für die Kraftwerksasche, die am Landschaftsbauwerk Spreyer Höhe verkippt wird.

Für Beschwerden ist bei Vattenfall Matthias Kuhle zuständig. Er ist zu erreichen über 0355 28872075.