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Drucken für einen guten Zweck

Das Kollwitz-Haus Moritzburg darf Nachdrucke von Grafiken Erich Fraaß’ verkaufen. Andreas Timmler, Enkel des Künstlers, will das Haus damit unterstützen.

Der Moment der Wahrheit. Maja Nagel hat gerade das Blatt von der Platte genommen. Jetzt wird sich zeigen, ob der Druck so geworden ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Der Ziegenbock wurde wie zwei weitere Arbeiten von Erich Fraaß geschaffen.
Der Moment der Wahrheit. Maja Nagel hat gerade das Blatt von der Platte genommen. Jetzt wird sich zeigen, ob der Druck so geworden ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Der Ziegenbock wurde wie zwei weitere Arbeiten von Erich Fraaß geschaffen. © Norbert Millauer

Moritzburg. Maja Nagel lässt das große Handrad der Druckpresse los und geht mit ein paar Schritten auf die gegenüberliegende Seite. „Das ist jetzt der Moment“, sagt sie und wischt sich noch einmal schnell ihre Fingerspitzen sauber. Ganz unten am Saum ihrer langen Arbeitsschürze. Dort, wo beim Arbeiten aus Versehen keine schwarze Druckfarbe drankommen kann.

Gleich weiß sie, ob der Druck gelungen ist. Jeweils mit zwei Fingern fasst sie vorsichtig das großformatige Blatt an den beiden schmalen Seiten und zieht es mit beherztem Schwung von der Druckplatte. Zum Vorschein kommt ein herrlicher Ziegenbock mit langem Fell und imposanten Hörnern.

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Maja Nagel betrachtet ihr Werk aufmerksam und kritisch - und ist zufrieden. Weil die Farbe noch feucht ist, kommen diese und die anderen Drucke, die an diesem Tag in der Grafikwerkstatt Dresden entstehen, noch für zwei, drei Tage in einen Trockenschrank. Der besteht aus vielen flachen Gitterboxen.

Die freischaffende Malerin und Grafikerin ist schon seit vielen Jahren sehr eng mit dem Moritzburger Käthe-Kollwitz-Haus verbunden. Im Rahmen der Museumspädagogik bietet sie dort Kurse für Schüler, aber auch Erwachsene an. Coronabedingt ist das derzeit kaum möglich, wodurch jetzt ein anderes Projekt umgesetzt werden konnte.

Ein Holzdruckstock mit einem Ochsenfuhrwerk und rechts daneben ein Abzug.
Ein Holzdruckstock mit einem Ochsenfuhrwerk und rechts daneben ein Abzug. © Norbert Millauer

Wie Sabine Hänisch, die Leiterin des Kollwitz-Hauses, erzählt, hatte Andreas Timmler ihr bereits vor ein paar Monaten ein Angebot gemacht, um die schwierige finanzielle Situation des Museums etwas zu verbessern. Das Kollwitz-Haus könne eine begrenzte Anzahl Nachdrucke von drei Druckstöcken und -platten aus dem Nachlass von Erich Fraaß anfertigen und diese verkaufen. Der Moritzburger Alt-Bürgermeister ist der Enkel des 1974 verstorbenen Malers und Grafikers.

„Ich habe mir vor dem Drucken noch einmal die Originale angesehen und auch mit Andreas Timmler gesprochen“, sagt Maja Nagel. Im Ergebnis ist der Ziegenbock nun ein sehr satter Druck, also einer mit viel Farbe. Dennoch wirkt er sehr filigran, „weil mein Großvater sehr viel aus dem Linoleum weggeschnitten hat“, erzählt Andreas Timmler.

Und er erinnert sich an die Zoo-Besuche mit seinem Opa. „Er war mehrmals die Woche dort, um zu zeichnen. Dass Erich Fraaß seelensgut und tierlieb war, wie Andreas Timmler sagt, haben wohl auch die Tiere gemerkt. Als der Maler krankheitsbedingt einige Monate nicht im Zoo gewesen war, seien die Affen beim ersten Wiedersehen regelrecht aus dem Häuschen gewesen, erinnert sich der Moritzburger noch heute. Vielleicht sieht deswegen ja auch der Ziegenbock trotz seiner gefährlich wirkenden Hörner so freundlich aus. „Für mich ist das eine der schönsten Arbeiten meines Großvaters.“

Mit einer Walze färbt Maja Nagel die Linoleum-Platte für den nächsten Druck ein.
Mit einer Walze färbt Maja Nagel die Linoleum-Platte für den nächsten Druck ein. © Norbert Millauer

Von den drei Grafiken zum Nachdrucken ist sie mit 50 mal 70 Zentimetern zugleich auch die mit Abstand größte. Allerdings anders als von Maja Nagel erwartet, wiederum nicht die, die ihr am meisten abverlangt. „Ich habe sehr viel Ehrfurcht vor diesen Platten“, sagt die Künstlerin. Auf dem ersten Ziegenbock-Blatt habe es ein paar „Berzeln“ gegeben. Kleine weiße Ringe, die dort, wo es eigentlich schwarz sein müsste, entstehen, weil auf der Druckplatte noch etwas alte Farbe ist. Danach lief es dann problemlos.

Schwieriger war da der 33 mal 33 Zentimeter große Holzdruckstock mit einem Ochsenfuhrwerk. „Der hat einen Riss, sodass ich nicht wie geplant die Presse verwenden konnte.“ Stattdessen musste Maja Nagel Handabzüge herstellen. Dabei wird das Papier Quadratzentimeter für Quadratzentimeter mit verschiedenen Werkzeugen an das eingefärbte Holz angedrückt. „Das erfordert sehr viel Kraft. Aber die Drucke sind sehr schön geworden.“

Das dritte Kunstwerk ist ein Linolschnitt, der Kornpuppen zeigt. Von jeder Platte durfte Maja Nagel für das Kollwitz-Haus neun Abzüge anfertigen. Sie werden mit einem Nachlassstempel gekennzeichnet, zudem sollen die Käufer noch ein Zertifikat dazu bekommen.

Auch diese Kornpuppen gehören zu den für das Kollwitz-Haus nachgedruckten Kunstwerken.
Auch diese Kornpuppen gehören zu den für das Kollwitz-Haus nachgedruckten Kunstwerken. © Norbert Millauer

Kosten werden die Blätter, so Sabine Hänisch, zwischen 100 und 200 Euro. „Wir sind Andreas Timmler sehr dankbar für diese Großzügigkeit“, ergänzt die Leiterin des Kollwitz-Hauses. Die Arbeiten werden in den nächsten Tagen nach moritzburg kommen und können dann im museum erworben werden.

Maja Nagel hat mit einer Walze inzwischen erneut die Platte mit dem Ziegenbock eingefärbt. Jetzt legt sie diese auf den Drucktisch der Presse und richtet sie genau aus. Noch einmal ein Griff an den Schürzensaum und ein prüfender Blick auf die Fingerspitzen, dann legt sie das dicke Druckpapier auf. Während Maja Nagel das Handrad dreht, sorgt Udo Haufe, ein erfahrener Drucker aus der Werkstatt, dafür, dass nichts verrutscht. „Das ist hier ein wunderbarer Ort für Künstler und eine schöne kollegiale Atmosphäre. So etwas braucht es zum Drucken“, sagt Maja Nagel.

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