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Leben und Stil

Dürfen Ärzte Patienten aus Angst abweisen?

Der Präsident der Landesärztekammer, Erik Bodendieck, über Händeschütteln, Schutzmaßnahmen und das Berufsrisiko.

Erik Bodendieck (53) ist Präsident der Sächsischen Landesärztekammer.
Erik Bodendieck (53) ist Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. © Robert Michael

Das neuartige Coronavirus versetzt die Bevölkerung in Sorge. Wie gehen eigentlich die Ärzte mit der Angst um? Mussten Praxen schon schließen? Die SZ sprach mit dem Präsidenten der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck.

Herr Bodendieck, geben Sie Ihren Kollegen noch die Hand?

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Nein, aber das hat nichts mit dem Coronavirus zu tun. Den Händedruck vermeide ich in dieser Jahreszeit prinzipiell, weil die Ansteckungsgefahr einfach viel höher ist. Das gehört zur normalen Hygiene.

Bei Patienten können Sie das Händegeben zwar vermeiden, nicht aber die körperliche Untersuchung.

Ich muss den Patienten abhören, abtasten. Für Ärzte ist es deshalb unerlässlich, Desinfektionsmittel zu benutzen. Der normale Bürger braucht das dagegen nicht, da genügt gründliches Händewaschen mit Seife.

Haben Sie eine Situation wie diese schon mal erlebt?

Es gab immer wieder mal Epidemien – die Schweinegrippe, die Vogelgrippe. Im Vergleich dazu habe ich in diesen Tagen aber das Gefühl, dass die Unsicherheit in der Bevölkerung zugenommen hat.

Der Bundesgesundheitsminister empfiehlt, Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Menschen abzusagen – also beispielsweise auch bedeutende Fußballspiele. Eine kluge Entscheidung?

Dahinter steckt die Absicht, die Ausbreitung des neuartigen Virus zu verlangsamen. Wenn eine große Menge von Menschen zusammenkommt, dann läuft das diesem Ziel entgegen. Deshalb bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Menschen verzichten freiwillig – was sie aber nicht tun, weil sie sich den Spaß nicht verderben lassen wollen oder dafür bezahlt haben. Oder man muss die Veranstaltung absagen. Im Sinne des Infektionsschutzes ist Letzteres die richtige Entscheidung.

Schürt das aber nicht eher die allgemeine Angst?

Ja, vermutlich ist das so. Deshalb kann man nicht oft genug darauf hinweisen, wie sich jeder selbst schützen kann. Und man sollte die Kirche im Dorf lassen. Wir wissen, dass das Virus vor allem für ältere und kranke Menschen über 65 Jahre eine Gefahr darstellt, ähnlich wie die jährliche Virusgrippe. Dagegen sind beispielsweise junge schwangere Frauen nicht mehr gefährdet als junge Frauen, die nicht schwanger sind.

Ärzte sind der Gefahr einer Ansteckung besonders ausgesetzt. Wie gehen sie damit um?

Ganz unterschiedlich. Natürlich gibt es Kollegen, die jetzt mehr in Sorge sind. Aber der Arzt an sich ist kein Sonnenscheinarzt. Jeder, der diesen Beruf ergreift, ist sich im Klaren, dass er sich damit einem gewissen Risiko aussetzt. Das gehört zu unserem Job einfach dazu. Gerade als Hausarzt behandele ich immer wieder Patienten, die einen Magen-Darm-Infekt oder manchmal auch Tuberkulose haben – oder multiresistente Krankenhauskeime. Darauf muss ich als Arzt vorbereitet sein.

Dürfen Ärzte Patienten aus Angst vor einer Ansteckung abweisen?

Ärzte dürfen Patienten durchaus abweisen – es sei denn, es handelt sich um eine lebensbedrohliche Situation. Aber jeder Kollege sollte sich im Zweifel die Frage stellen, ob er nun Arzt ist oder nicht. Und ein Arzt kann sich und seine Mitarbeiter mit direktem Patientenkontakt vor Infektionen schützen. Etwa, indem Basismaßnahmen eingehalten werden oder immer genug Schutzkleidung vorrätig ist. Ist das nicht der Fall, und es besteht Infektionsgefahr, dann muss der Arzt dem Patienten eine Behandlungsalternative empfehlen.

Es häufen sich die Meldungen, dass Atemschutzmasken knapp werden.

Die Liefersituation ist in der Tat angespannt. In meiner Praxis haben wir die Abläufe jetzt so organisiert, dass nur eine Person Abstriche macht – so können wir Atemschutzmasken sparen. Was nicht passieren darf, ist, dass Patienten nicht mehr untersucht werden.

Wenn nun aber alle Schutzmasken verbraucht sind?

Da gibt es ganz einfache Verhaltensregeln. Und die Mehrzahl der Kollegen hält sich auch daran. Wenn ich beispielsweise jemanden abhöre, kann ich nicht damit rechnen, dass sich der Patient permanent zur Seite wendet. Also tue ich das, um die Atemluft nicht abzubekommen. Jedenfalls muss kein Arzt befürchten, dass ihm in dieser Ausnahmesituation wegen fehlender Schutzkleidung die Zulassung entzogen wird, wie ich es gelegentlich schon gehört habe.

Was raten Sie Patienten, die in den nächsten Tagen einen Bestelltermin haben? Lieber verschieben?

Wenn der Arztbesuch nicht unbedingt notwendig ist, sollte man ihn vermeiden. Braucht man Medikamente, könnte man schauen, ob man nicht doch noch welche vorrätig hat – oder sich telefonisch an die Praxis wenden. Ansonsten sollte das Telefon frei bleiben für die wirklich dringlichen Fälle.

Was passiert, wenn ein bestätigter Coronavirus-Fall in einer Arztpraxis war? Müssen alle Mitarbeiter für zwei Wochen in Quarantäne?

Wenn Mitarbeiter ungeschützten Kontakt mit dem Patienten hatten, dann gilt die Quarantäne-Regel des Gesundheitsamtes. Ansonsten nicht.

Mussten bereits Praxen in Sachsen wegen des Coronavirus schließen?

Davon ist mir nichts bekannt.

Können die Krankenhäuser noch alle geplanten Operationen durchführen?

Wenn sie genügend Personal haben, dann muss es keine Einschränkungen geben. Anderenfalls muss man überlegen, wie man die Pläne nach Dringlichkeit neu sortiert.

Auf Bundesebene gibt es einen Krisenstab, in Sachsen hält das Gesundheitsministerium dies noch nicht für nötig. Was meinen Sie?

Bei uns heißt das nicht Krisenstab, aber auch in Sachsen sind wir seit 14 Tagen in enger Abstimmung. Jede Woche treffen sich unter Federführung des Sozialministeriums die Vertreter von Kassenärztlicher Vereinigung, Landesärztekammer, Gesundheitsämtern, Feuerwehr und Innenministerium, um die weiteren Schritte und Maßnahmen zu beraten und zu beschließen.

Die Behörden haben die Lage im Griff?

Ja. Wichtig ist, dies allen Menschen zu vermitteln und alles zu tun, damit die Ausbreitung des Virus eingedämmt wird. Dazu kann jeder Einzelne beitragen.

In Sachsen gab es bis zum Wochenende zehn CoViD-19-Fälle. Wie viele Patienten können in den Praxen und Krankenhäusern maximal versorgt werden?

Dafür gibt es keine Hochrechnungen. Wir wissen nur, dass wir 20.000 Tests pro Tag auswerten können. Wenn die Infektionen einen größeren Teil der Bevölkerung erfassen, dann muss man reagieren – Stationen umrüsten, Operationen absagen. Leider weiß im Moment niemand, was morgen ist. Erst recht nicht, was übermorgen ist.

Waren Sie eigentlich im Winterurlaub?

Ja, in Südtirol. Aber das ist jetzt schon drei Wochen her, und die Region war noch kein Risikogebiet. Deshalb habe ich mich auch nicht testen lassen.

Wohin geht Ihre nächste Urlaubsreise?

Da ist noch nichts geplant. Das hat aber nichts mit dem Coronavirus zu tun. Wir wissen es einfach noch nicht.

Viele hoffen jetzt auf wärmere Temperaturen, weil sich das Virus dann nicht mehr so schnell verbreiten kann. Glauben Sie, dass das Thema bis zum Sommer erledigt ist?

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Im Moment bin ich da sehr optimistisch. Mit Gewissheit kann aber niemand sagen, ob das Virus dann nur eine Pause einlegt und später wiederkehrt. Fakt ist: Viren werden immer zirkulieren, das Coronavirus ist nur eines von vielen.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.