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„Dürfen in der Kultur keine großen Abstriche zulassen“

Kulturministerin Barbara Klepsch über ihren Kaltstart und ihre Visionen, unentbehrliche Millionen und neue Chancen.

Barbara Klepsch, sächsische Sozialministerin: Kultur darf "keine schöne Zugabe" sein.
Barbara Klepsch, sächsische Sozialministerin: Kultur darf "keine schöne Zugabe" sein. © Ronald Bonß

Neue Ministerin, neues Ministerium – Sachsens Ex-Sozialministerin Barbara Klepsch ist seit Dezember 2019 Chefin im neu strukturierten Ressort für Kultur und Tourismus. Viele im Fach hielten die CDU-Politikerin für fehlplatziert, doch in der Corona-Krise bewies sie Einsatz und Feingefühl. „Natürlich haben wir in dieser Extremsituation auch Fehler gemacht und korrigieren“, sagt die 54-Jährige im ersten Interview als Kulturchefin des Freistaates.

Frau Klepsch, Sie wollten sich einarbeiten und mussten vor allem versuchen, zu retten. Wie ist Ihre erste Bilanz?

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Wandern mit Kindern: Das muss mit
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Bei Ausflügen mit Kindern stehen Erlebnis und Abenteuer im Vordergrund. Das sollte bei der Tourenplanung und beim Packen des Rucksacks bedacht werden.

Der Kalender war in der Tat ab dem 20. Dezember randvoll. Bis Mitte März dann die Termine weggebrochen sind und es ganz schnell in einen Krisenmodus überging. Nach anfänglichen Videokonferenzen sind ich und mein Team schnell dazu übergegangen, wieder mit den Verantwortlichen das persönliche Gespräch zu suchen. Ich bin jemand, der hinter die Kulissen schauen will, um Dinge besser zu verstehen. Ein gut aufbereitetes Papier ist das eine. Ich brauche den Praktiker dazu, um die Probleme zu verarbeiten und das Wissen in eine gute Politik einfließen zu lassen. Meine Bilanz: Der Start war komplett anders als gedacht, gleichzeitig war positiv, dass ich die Partner schneller kennengelernt habe, als es sonst ein Ministerkalender zulässt.

Gibt es noch weiße Flecken?

Natürlich gibt es die. Aber ich plane eine kulturell-touristische Sommertour durch Sachsen, um gerade im ländlichen Raum zu erfahren, welche Spuren Corona hinterlässt und wo wir weiterhin Unterstützung leisten müssen. Ich bin froh, dass wir das 67-Millionen-Euro-Paket für Kultur und Tourismus auf den Weg gebracht haben. Damit können wir vor allem gemeinnützigen Einrichtungen, die unterschiedlich betroffen sind, mit je 10.000 Euro und im Ausnahmefall mit bis zu 50.000 Euro helfen. Wie die Größenordnung zustande kommt? Die Gespräche haben gezeigt, es sind genau die Beträge, die benötigt werden.

In den Häusern kommen erste Sparauflagen an. Wird Kultur zum Sozialfall?

Ich denke, dass die 67 Millionen Euro zeigen, welchen hohen Stellenwert die Kultur in Sachsen hat. Wenn wir uns als Kulturland Nummer eins verstehen und es so nach außen verkaufen, dann heißt es, dass Kultur keine schöne Zugabe in Zeiten voller Kassen, sondern lebensnotwendig und identitätsstiftend ist. Das ist bei vielen Abgeordneten ebenso wie beim Finanzminister angekommen. Wir dürfen und können hier keine großen Abstriche zulassen. Klar, die sechs Milliarden Euro, die der Freistaat als Corona-Kredit aufgenommen hat, die müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Da werden alle Häuser sicherlich ihre Prioritäten abwägen.

Die Semperoper wird überleben, aber jedes kleine Museum und Theater?

Richtig, der ländliche Raum mit seinem reichhaltigen Kulturangebot muss weiter im Fokus stehen. Auf keinen Fall darf das jährlich mit 104,7 Millionen Euro ausgestattete Kulturraumgesetz als wertvolles Instrument für den Erhalt eben jenes Reichtums ausgehöhlt werden. Das bedeutet aber auch, dass unsere Partner auf der kommunalen Ebene mit uns weiter kämpfen und ihre Budgets für Kultur in den Kommunalhaushalten verteidigen.

Wie gut bekommen Sie eigentlich Tourismus und Kultur unter einen Hut?

Gut, denn es ist eine starke Kombination. Jede Investition in Kultur ist gleichzeitig eine Förderung des Tourismus. Denn die Touristen, die Sachsen besuchen, orientieren sich oft an den wertvollen Kulturschätzen. Diese Kombination neu zu denken und in der Öffentlichkeit stärker miteinander zu verknüpfen, birgt viele Chancen. Die Landesausstellung zur Industriekultur zeigt, dass auch diese, lange wenig beachteten Zeugnisse Magneten sein können.

Wie haben Sie reagiert, als MP Kretschmer Ihnen das Amt angetragen hatte?

Für den Moment war ich traurig, weil ich auch mit Leidenschaft Sozialministerin gewesen bin. Beim zweiten Nachdenken über den neuen Zuschnitt des Ressorts kam mir die Erfahrung von 14 Jahren als Oberbürgermeisterin in Annaberg-Buchholz zugute. Ich komme ja aus einer Region, die den Tourismus ganz stark braucht. Deshalb hat mich diese Aufgabe gereizt und motiviert.

Wird die Industriekultur auch künftig ein Schwerpunkt Ihrer Politik sein?

Natürlich, wir sollten die große Chance nutzen, den wertvollen Schatz an sächsischen Industriezeugnissen im ganzen Land weiter zu fördern. Viele Orte haben da Einmaliges wie das Horch-Museum in Zwickau oder die Energiefabrik Knappenrode, die daran erinnern, welche entscheidende Rolle Industrie im Land gespielt hat, und gleichzeitig in die Zukunft weisen. Auch diese Förderung wird ein Schwerpunkt im nächsten Doppelhaushalt sein müssen.

Welches Thema wäre nach dreimal Mittelalter und einmal Industriekultur für die nächste Landesschau relevant?

Noch stehen weder Termin noch Thema der nächsten Landesausstellung fest. Es muss ja nicht unbedingt Kultur sein, sondern auch Wissenschaft, Forschung, Innovation oder ganz anderes können Ansätze sein. Es geht auch nicht darum, alle vier Jahre eine Landesausstellung auszurichten. Es geht darum, ein gutes Thema für den Freistaat zu finden, über das sich die Bürger identifizieren und etwas über ihre Heimat lernen sowie Touristen angelockt werden.

Wenn die Corona-Schäden beseitigt sind, welche Visionen haben Sie?

Zunächst gilt: Wir müssen unsere Einrichtungen gut durch die Krise bringen, von der wir nicht behaupten sollten, dass sie vorbei ist. Im Gegenteil. Im Tourismus geht man davon aus, dass die Erfolgszahlen vom vergangenen Jahr erst 2022 oder gar erst 2023 erreicht werden. In der Kultur sieht es nicht anders aus. Die Einrichtungen waren mit die ersten, die von der Krise betroffen waren, und sie werden mit die letzten sein, die sich davon frei machen können. Dabei bin ich noch froh, dass Sachsen zu den ersten Ländern gehörte, die relativ zeitig ab 4. Mai mit der Öffnung der ersten Museen Lockerungen zugelassen haben. Ja, wir können wieder Kultur erleben, aber es ist nicht das Erlebnis, das wir vor Corona hatten. Auch das wird Zeit brauchen.

Die dringendste Aufgabe ist welche?

Wir müssen den kulturellen Reichtum in den Zentren wie im ländlichen Raum nicht nur erhalten, sondern mit den Partnern vor Ort überlegen, wie wir diesen Schatz weiterentwickeln. Das Thema meiner Sommergespräche im ganzen Land wird daher Kultur 2030 sein. Wohin gehen gesellschaftliche und technische Entwicklungen? Wo muss vielleicht nachjustiert werden? Ist das Kulturraumgesetz anzupassen?

Etwas in Ihrer Politik hat irritiert. Sie erklärten die Spielzeit für beendet und doch spielen alle jetzt wieder – wie das?

Wir haben damals lediglich jene Spielzeit für beendet erklärt, wie sie vorgesehen war. Das hatte planungstechnische, juristische, fiskalische, kaufmännische und organisatorische Gründe. Denken Sie nur an die Rückabwicklung der Kartenverkäufe. Gleichzeitig sollten die Häuser unter Beachtung der Hygieneauflagen neue Ideen entwickeln. Wie kann geprobt werden? Welche Produktionen sind möglich? Wie führt man die Besucher? Nehmen Sie die Semperoper. Die geplante Inszenierung von „Don Carlos“ war unmöglich geworden. Aber von der konzertanten Kurzfassung mit Superstar Anna Netrebko an diesem Wochenende, davon dürfte man noch in Jahren erzählen. Freilich kann daran nur deutlich weniger Publikum teilhaben als sonst – 330 statt 1.300 Besucher pro Abend.

Vielen Künstlern wird geholfen. Doch Veranstalter, die auf Stadien oder große Hallen angewiesen sind, fühlen sich hängen gelassen. Was sagen Sie?

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Ich bin ganz an der Seite von Veranstaltern, die ebenso wie die Schausteller keine Umsätze hatten und wohl noch lange keine normalen haben werden. Denn wann es wieder richtig losgeht, weiß keiner. Nun haben wir das Programm „Denkzeit Event“ aufgelegt, das mithelfen soll, Konzepte zu entwickeln, wie in kleinerem Rahmen bei Wahrung aller Vorschriften doch etwas möglich ist. Maximal 50.000 Euro gibt es pro Projekt. Das ist ein kleiner Ansatz für die Veranstaltungsbranche.

Zudem legt der Bund ein Programm für kleine und mittelständische Unternehmen mit bis zu 249 Mitarbeitern auf. Maximal 50.000 gibt es pro Monat – und das für ein Vierteljahr. Nun wissen wir seit Kurzem, dass es vorerst bis Ende Oktober keine Großveranstaltungen geben soll. Deshalb fordere ich, dass die Bundesunterstützung länger gehen sollte. Bund und Länder haben zudem eine Öffnungsklausel vereinbart. Wir wollen in Sachsen, dass Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern mit Hygienekonzepten und Nachverfolgbarkeit ab September wieder beginnen können.

Was hat Ihnen in der ersten Corona-Hoch-Zeit am meisten gefehlt?

Mir haben Veranstaltungen aller Art gefehlt, weil ich gern unterwegs bin und Kultur vieler Art aufsauge. Besonders hat mir gefehlt, in Konzerte oder Aufführungen zu gehen und dabei das Publikum um mich herum zu haben. Ich bin keine, die sich allein im Fernseher oder auf dem Computer Theateraufzeichnungen oder viele Streaming-Angebote anschaut. Ich will mich gut vorbereitet und schick gekleidet in einen Zuschauersaal mit vielen ebenfalls Neugierigen setzen.

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