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Darum hat's Dynamo in Bochum besonders schwer

Was das mit der Entfernung zu tun hat, haben Forscher aus Österreich herausgefunden.

Dynamo ist viel unterwegs.
Dynamo ist viel unterwegs. © Robert Michael

Es ist eine Frage in einem Kartenspiel. „Teste dein unnützes Wissen!“, steht auf der Rückseite der Packung. Es geht um Sport und Rekorde.

Den im Handy-Weitwurf zum Beispiel. 101,46 Meter. Wer weiß denn sowas? Eher kommt man darauf, dass sich Fußballerinnen nach einem Foul im Durchschnitt 30 Sekunden weniger auf dem Boden wälzen als Männer. Manches ist knifflig, vieles überraschend. Diese eine Antwort scheint allerdings nahe zu liegen: Je weiter eine Fußballmannschaft zu einem Auswärtsspiel reisen muss, desto mehr Tore kassiert sie im Schnitt.

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Für Dynamo ist das keine gute Erkenntnis, zumal sie wissenschaftlich belegt ist, denn die Dresdner müssen in dieser Saison so weit fahren wie zuletzt zu Bundesliga-Zeiten. Insgesamt sind allein für die Hinfahrten 7.615 Kilometer zurückzulegen, durchschnittlich 448 pro Partie. Nach dem Aufstieg von Union Berlin und dem Abstieg von Magdeburg ist das Sachsenderby in Aue die einzige Kurzstrecke, am weitesten ist es bis nach Kiel – 561 Kilometer. Doch auch Bochum, wo die Mannschaft von Trainer Cristian Fiel an diesem Sonntag antreten muss, liegt nur unwesentlich näher.

Forscher der Wirtschaftsuniversität Wien unter der Leitung von Professor Harald Oberhofer haben sich mit dem Phänomen beschäftigt und den Zusammenhang zwischen Entfernung und Erfolg – oder eher Misserfolg – anhand statistischer Daten überprüft. „Die Distanz spielt für viele ökonomische Aspekte eine Rolle, zum Beispiel beim internationalen Handel: Nachbarstaaten tauschen mehr Waren aus als Länder, die weit auseinander liegen“, erklärt Oberhofer seinen Ansatz.

Dynamo in Bundesliga benachteiligt

Der Forscher hat mit seinem Team die Ergebnisse von 21 Spielzeiten in der Fußball-Bundesliga empirisch aufgearbeitet, dafür eine komplizierte Formel aufgestellt. „Es ging darum, den Effekt zu bestimmen, der auf die Entfernung zurückzuführen ist. Also mussten alle anderen Faktoren, die den Spielverlauf ebenfalls beeinflussen, ausgeschlossen werden“, sagt der 36 Jahre alte Fußball-Fan aus Tirol.

Man müsse natürlich die Stärke des Gegners berücksichtigen. „In München kriegen die meisten Mannschaften mehr Tore und schießen weniger, weil die Bayern zu Hause fast alle Spiele gewinnen“, meint Oberhofer. Zudem wurde die kurzfristige Leistungsfähigkeit anhand der Resultate aus den fünf Spielen davor berücksichtigt. Dagegen spiele die Auslastung der Stadion-Kapazität und damit verbundener Druck durch die Zuschauer keine nachweisbare Rolle. Inwieweit die Zahl der Auswärtsfans einen Einfluss hat, wurde dabei allerdings nicht betrachtet.

Dynamos Anfahrten.
Dynamos Anfahrten. © Grafik: SZ/Gernot Grunwald

Das Fazit: „Die Distanz beeinflusst die Performance negativ.“ In die Analyse gingen die Serien von 1986/78 bis 2006/07 ein, 6 389 Spiele von insgesamt 38 Vereinen, darunter auch Dynamo. Nach der Wiedervereinigung im deutschen Fußball hatten sich die Schwarz-Gelben für die Bundesliga qualifiziert und von 1991 bis 1995 vier Jahre in der höchsten Klasse gespielt. Schon damals waren sie, allein von der Distanz, deutlich benachteiligt. Durchschnittlich mussten die Mannschaften zu ihren Auswärtsspielen 370 Kilometer reisen, Dynamo satte 523. Die sportliche Bilanz nach Toren: 0,73 geschossen und 2,01 kassiert.

Mehr Treffer erzielt als bekommen haben auswärts in der Zeit tatsächlich nur die Bayern mit 1,57 zu 1,20. Dagegen ist der Reisemeister Blau-Weiß Berlin (541,77 Kilometer) am Ende der Saison 1986/87 sang- und klanglos abgestiegen mit dem Auswärtstore-Verhältnis von 0,94 zu 2,65 und nur einem Sieg auf fremdem Platz; zu Hause gelangen immerhin zwei.

Die Studie brachte aber auch ein überraschendes Ergebnis: Während der Reiseeffekt auch bei geringeren Entfernungen spürbar wird, nimmt er bei etwa 500 Kilometern wieder ab, was jedoch nicht heißt, dass er ausbleibt: „Es wird nur weniger schlecht“, meint der Professor. Die Wissenschaftler haben mit Managern der Vereine gesprochen, um eine Erklärung zu finden. „Die meisten sagten uns, sie würden bei etwa 500 Kilometern ihr Reiseverhalten ändern, also fliegen oder mit dem Zug fahren“, berichtet Oberhofer.

Nach Bochum mit dem Flugzeug

Auch aufgrund der Studie hätten viele Klubs mehr Wert darauf gelegt, die Anreise zum Auswärtsspiel für die Profis so angenehm wie möglich zu gestalten. So ist es inzwischen Standard, bereits am Tag vorher vor Ort zu sein. Dynamo-Trainer Fiel lässt zwar in der Regel am Vortag des Spiels noch in Dresden trainieren, möchte aber gegen 18 Uhr im Hotel am Spielort sein. Bei Abendspielen absolviert das Team am Spieltag noch eine lockere Einheit vor Ort.

Wie bereits zu den Partien in Karlsruhe (2:4) und Darmstadt (0:0) – jeweils bis Frankfurt – wird für die Anreise nach Bochum am Samstag ein Flug von Dresden genutzt. Von Düsseldorf sind es dann mit dem Bus nur noch knapp 50 Kilometer bis zum Stadion. Auch nach Stuttgart, Heidenheim, Wiesbaden und Sandhausen werden die Schwarz-Gelben den längsten Teil der Strecke fliegen. Die Möglichkeiten sind insofern eingeschränkt, weil von Dresden aus nur nach Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München Linienverbindungen angeboten werden. In der Regel wird nur auf der Anreise geflogen, ausnahmsweise aber auch bei der Rückreise wie in englischen Wochen.

„Die Vereine haben ihre Schlüsse gezogen, wie man sich professionell auf ein Auswärtsspiel vorbereitet“, sagt Oberhofer. „Dafür bietet ein größeres Budget mehr Handlungsspielraum.“ Er geht deshalb davon aus, dass die Abhängigkeit von Wegstrecke und Ergebnis mittlerweile geringer geworden ist. Das ist nun also für Dynamo wiederum eine gute Nachricht. Zudem haben die Dresdner die Theorie selbst schon deutlich widerlegt. In der Saison 2017/18 holten sie auswärts sogar drei Punkte mehr als im eigenen Stadion bei einem mit 23:25 fast ausgeglichenen Torverhältnis.

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