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Die wilde Zeit des Dynamo-Torjägers

Vor 25 Jahren schaffen die Dresdner den Klassenerhalt in der Bundesliga - trotz eines Vier-Punkte-Abzuges. Olaf Marschall ist einer der (fast) vergessenen Helden.

Olaf Marschall erzielte für Dynamo 1993/94 elf Tore zum Bundesliga-Klassenerhalt.
Olaf Marschall erzielte für Dynamo 1993/94 elf Tore zum Bundesliga-Klassenerhalt. © Archivfoto: Camera 4

Es gibt sie wirklich, diese Geschichten, die eben nur der Fußball schreibt. Kaum zu glauben, aber wahr. Die von Olaf Marschall ist so eine. In Torgau geboren ist der Stürmer beim 1. FC Lok in Leipzig groß geworden, hat dort mit 17 Jahren sein Debüt in der DDR-Oberliga gegeben und zweimal den Pokal in der DDR gewonnen, 1987 stand er im Europapokalfinale. Dieser Marschall, das schien klar zu sein, würde also zu seinem Verein zurückkehren, der jetzt wie zu seiner Gründung 1893 wieder VfB hieß und in die Bundesliga aufgestiegen war. „Wir haben ihm ein Angebot unterbreitet. Wenn er das akzeptiert, ist er bei uns“, sagte Leipzigs Chefcoach Bernd Stange noch Mitte Juni 1993.

Das Kuriose: Marschall selbst wusste nichts von einem Angebot. „Das hätte ich mir doch angehört“, betont er, „aber mit mir hat vom VfB niemand gesprochen.“ Marschall war vertragslos, weil er bei Admira Wacker nach drei erfolgreichen Jahren nicht verlängert hatte. Nachdem er den Wiener Traditionsklub mit 20 Toren in der Saison 1992/93 quasi allein in den Uefa-Cup geschossen hatte, suchte der Stürmer mit dem Lockenkopf eine neue Herausforderung. „Hätte ich den Schritt in diesem Jahr nicht getan, wäre ich wahrscheinlich gar nicht aus Österreich rausgekommen.“

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Probleme mit dem Haus in Weißig

Doch während Lok keinen Kontakt aufgenommen hatte, meldete sich ein anderer am Telefon: Sigfried Held. Mit Dynamos neuem Trainer hatte er schon in Wien zusammengearbeitet. Den Dresdnern waren vor der Saison wegen Lizenzverstößen vier Punkte abgezogen worden, was damals zwei Siegen entsprach. Marschall ließ sich von der schweren Hypothek für den Kampf um den Klassenerhalt nicht abschrecken. „Das war mir wurscht. Ich wollte Bundesliga spielen.“ Dynamo zahlte eine Million Mark Ablöse an Innsbruck – und der Neuzugang zog in Dresden erst einmal ins Hotel. Das versprochene Reihenhaus in Weißig war nicht rechtzeitig fertig geworden. „Irgendwann hat mich Otto durchs Telefon gezogen: Warum ich noch nicht dort wohne, ich würde auf Vereinskosten leben.“

Präsident Rolf-Jürgen Otto hatte als Bauunternehmer die Eigenheimsiedlung hochziehen lassen, Anwohner und Naturschützer protestierten vergeblich gegen das Turbo-Projekt. „Da war noch keine Toilette drin, der Fußboden nicht fertig“, erinnert sich Marschall. Als sie im Herbst einziehen konnten, hatten sie keine Möbel. Also hat sich die junge Familie mit Mitspieler Werner Rank und dessen Freundin zusammen geschmissen: Die einen hatten das Haus, die anderen die Küche. „Du konntest ja nicht ins Möbelhaus gehen und etwas mitnehmen. Das war schon eine wilde Zeit.“ An die sich Marschall gern erinnert, immerhin ist in der sein Sohn Nicolas entstanden, der im April 1994 in Dresden geboren wurde. Die Verbindung bleibt also.

Seine Kopfballstärke war ein Trumpf: Olaf Marschall behauptet sich im Luftduell gegen Jörg Uwe Klütz (l.) von Hannover 96.
Seine Kopfballstärke war ein Trumpf: Olaf Marschall behauptet sich im Luftduell gegen Jörg Uwe Klütz (l.) von Hannover 96. © Archivfoto: imago

Aber zurück zu den wilden Zeiten und seiner Geschichte. Die Terminplaner wollten es, dass die Dresdner am ersten Spieltag der Saison 1993/94 zum VfB nach Leipzig mussten: 7. August 1993, 31 400 Zuschauer im schon morschen Zentralstadion, Marschall erzielt beim 3:3 alle drei Treffer für Dynamo: das erste mit dem Kopf, das zweite aus der Distanz und das dritte in typischer Torjägermanier im Strafraum. „Als Stürmer bist du wie ein Zocker: Alles oder nichts! Er geht rein oder nicht, du bist Gewinner oder Verlierer.“

Marschall ist bei diesem spektakulären Unentschieden der Gewinner. „Das war schon klasse, Selbstbewusstsein pur. Wenn du irgendwo neu bist, sind die Erwartungen groß. Wenn du die nicht erfüllst, kriegst du schnell Feuer.“ Er war sich bewusst, dass es so nicht weitergehen würde. „Du kannst nicht in jedem Spiel drei Tore schießen, das schafft nicht mal Lionel Messi.“ Also sagte er im Interview nach dem gelungenen Auftakt: „So viele Tore wie in Österreich werden es in der Bundesliga für mich sicher nicht. Ich hoffe auf zehn Treffer. Wir werden sehen…“

Damit hatte er die Messlatte für sich selbst schon ziemlich hoch gelegt, denn anfangs lief es für Dynamo gar nicht gut. „Da gab es erst einmal Haue!“ Bis zu seinem nächsten Tor beim 1:1 gegen den Hamburger SV setzte es drei Niederlagen gegen Duisburg (0:1), bei den Bayern (0:5) und in Dortmund (0:4) sowie ein enttäuschendes 1:1 gegen Wattenscheid. Doch als Team bekommen sie die Kurve, sichern sich bereits am vorletzten Spieltag mit dem 1:0 zu Hause gegen Werder Bremen den Klassenerhalt – und Marschall erzielt sein elftes Saisontor. Die Sächsische Zeitung titelte: „Fußballwunder an der Elbe perfekt.“ Dynamo hatte 34 Punkte geholt, 30 blieben stehen und bedeuten Platz 13. Leipzig stieg dagegen als Letzter mit 17 Zählern ab.

Im Juni 2007 tritt Olaf Marschall wie läuft Ralf Minge (r.) zum "Spiel der Legenden" noch mal im Dynamo-Trikot auf, um dem Verein mit den Einnahmen zu helfen. Dahinter Trainer-Legende Eduard Geyer und Thomas Hoßmang.
Im Juni 2007 tritt Olaf Marschall wie läuft Ralf Minge (r.) zum "Spiel der Legenden" noch mal im Dynamo-Trikot auf, um dem Verein mit den Einnahmen zu helfen. Dahinter Trainer-Legende Eduard Geyer und Thomas Hoßmang. © Archivfoto: Robert Michael

„Wir waren eine echte Truppe, hatten keinen Stinker dabei. Dazu Siggi Held als Trainer, der in jeder Phase die Ruhe bewahrt und das auch auf die anderen ausgestrahlt hat. Er war jederzeit klar und korrekt.“ Dabei haben sie sich schon die Hände gerieben, als der Chefcoach einmal nicht pünktlich zum Training erschien. „Bei Verspätungen kannte er kein Pardon, Ausreden wie Wintereinbruch oder so zählten nicht: Die Strafe musste bezahlt werden.“ Nun also war Held selbst fällig. „Wir hatten uns schon ausgemalt, wie wir ihn aufziehen mit ein paar Spitzen, aber er kam, legte einen Schein auf den Tisch: Hier, Jungs, das ist für die Mannschaftskasse. Damit war das Thema erledigt.“

Für Marschall bald auch der Aufenthalt in Dresden. Dynamo musste für die Lizenz Transfereinnahmen in Höhe von 6,25 Millionen Mark nachweisen. Marschall wurde von Otto für 2,8 Millionen Mark nach Kaiserslautern verkauft. Mit den Pfälzern wird er 1998 sogar Meister – als Aufsteiger! „Die eigentlich verrückte Geschichte war doch, dass wir mit der Mannschaft 1996 Pokalsieger geworden und abgestiegen sind.“ Die bittere Erfahrung löst eine Trotzreaktion aus. „Wir waren wieder so eine Truppe wie in Dresden, sind durch dick und dünn gegangen.“ Und Marschall erzielte 21 Tore, nur Ex-Dynamo Ulf Kirsten traf für Bayer Leverkusen einmal mehr.

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Bis 2002 hat er beim FCK gespielt, danach in mehreren Funktionen im Verein gearbeitet, derzeit als Scout. Marschall ist eine Legende am Betzenberg. Das eine Jahr in Dresden will er jedoch nicht missen. „Wir waren keine Überflieger, aber wir haben dafür gekämpft und Fußball gespielt, die Klasse zu halten. Darauf konnten wir stolz sein.“

Nächste Folge: Werner Rank – ein Mann für (fast) alle Spielkassen.

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