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Der stille Held bei Dynamos Sensation

Vor 25 Jahren schafften die Dresdner den Klassenerhalt in der Bundesliga. Dabei waren ihnen vier Punkte abgezogen worden. Der Erfolgstrainer erinnert sich an die spannende Zeit.  

Gern gesehener Gast in Dresden: Erfolgscoach Sigfried Held.
Gern gesehener Gast in Dresden: Erfolgscoach Sigfried Held. © Lutz Hentschel

In Dresden sei jede Saison wie eine Wundertüte, meinte Sigfried Held vor seinem zweiten Jahr bei Dynamo: „Man weiß nie, was drin ist.“ Und so wurde der Cheftrainer nach dem Urlaub davon überrascht, wie viele Spieler verkauft worden waren. Dabei hatten die Dresdner eine Sensation geschafft: Vor 25 Jahren, am 30. April 1994, machten sie mit dem 1:0-Sieg gegen Werder Bremen den Klassenerhalt perfekt, obwohl dem Verein vor der Saison wegen Verstoßes gegen die Lizenzauflagen vier Punkte abgezogen worden waren. 

Im exklusiven Interview mit sächsische.de verrät der jetzt 76 Jahre alte Erfolgscoach auch, warum er sich verarscht gefühlt hat.

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Herr Held, damals gab es nur zwei Punkte für einen Sieg, das heißt: Dynamo musste zweimal gewinnen, um auf null zu kommen. Haben Sie es einkalkuliert, bei der Mission scheitern zu können?

Was heißt scheitern? Wenn man in der Bundesliga anfängt, ist die Beurlaubung bereits vorprogrammiert. Nur wenige bleiben sehr lange im Amt wie früher Otto Rehhagel bei Werder oder Volker Finke in Freiburg. Dieses Risiko, entlassen zu werden, kennt man, wenn man sich auf diesen Job einlässt. Das ist überall dabei.

Haben Sie die Mannschaft als stark genug eingeschätzt?

Ich kannte sie ja erst einmal nicht. Aber man hat immer eine Chance, wenn wirklich alles stimmt. Ich war selbstbewusst genug, um zu sagen: Gut, gemeinsam mit der Mannschaft ist das zu schaffen. Sie hat dann so etwas wie eine Wagenburg-Mentalität entwickelt. Über diese Geschlossenheit ist viel zu erreichen. Ein herausragender Einzelkönner ist weniger wert, als ein Team, das gut funktioniert.

Sein Autogramm ist bei den Anhängern begehrt, sogar auf einer Gummibanane soll Siggi Held unterschreiben. Im Hintergrund: Die Geschäftsstelle am alten Rudolf-Harbig-Stadion.
Sein Autogramm ist bei den Anhängern begehrt, sogar auf einer Gummibanane soll Siggi Held unterschreiben. Im Hintergrund: Die Geschäftsstelle am alten Rudolf-Harbig-Stadion. © Frank Dehlis (Archiv)

Sie waren immer die Ruhe in Person. Wie sehr hat Ihnen das in schwierigen Momenten geholfen?

Das ist schwer zu sagen, am meisten hilft das Leistungsvermögen der Mannschaft. Wenn ich an Spieler denke wie Torwart René Müller, Hans-Uwe Pilz, Olaf Marschall oder Peter Nowak – die hatten Qualität und waren charakterlich in Ordnung. Ich könnte mehr nennen: Detlef Schößler, Matthias Maucksch oder Marek Penksa. Das hat einfach gepasst. Es waren erfahrene Spieler, die meisten hatten vorher auch in der DDR ihren Mann gestanden, einige sind Nationalspieler gewesen. Das wird man nicht einfach so, das waren also keine Blinden.

Der Start ging jedoch daneben. Nach sechs Spielen stand Dynamo immer noch mit einem Punkt im Minus, hatte bei Bayern (0:5) und in Dortmund (0:4) richtig Prügel bezogen. Warum haben Sie trotzdem nicht den Mut verloren?

Mutlos war ich nie. So schnell, wie man von außen abgeschrieben wird, verliert man nicht den Glauben an sich selbst. Natürlich wurden im Umfeld einige unruhig, ich erinnere mich an einen offenen Brief. Aber ich war zu der Zeit kein eifriger Zeitungsleser … Abgerechnet wird am Ende.

Wie war es möglich, unter dem cholerischen Präsidenten Rolf-Jürgen Otto die Ruhe zu bewahren?

Bei allem, was ihm später vorgeworfen wurde: Die Spieler haben pünktlich ihr Geld bekommen, was vor seiner Zeit nicht immer so gewesen sein soll. Und er hat uns in Ruhe arbeiten lassen. Einmal hat er mich angerufen und gefragt, warum wir so viele Verletzte haben. Wenn seine Bauarbeiter im Betrieb so anfällig wären, könnte er gleich zumachen – in dem Stil. Aber er hat mir nie reingeredet.

Der Knackpunkt sollte der siebente Spieltag werden, ein 1:0-Sieg in Köln. Dabei fehlte der neue Stammtorwart Stanislaw Tschertschessow, weil er ein Länderspiel mit Russland hatte.

Ja, und darüber war ich natürlich nicht glücklich, ganz klar. Ich habe versucht, ihn davon zu überzeugen, dazubleiben. Er wollte aber zum Länderspiel und der Verein ist verpflichtet, den Spieler freizustellen. Einerseits konnte ich Tschertschessow verstehen, andererseits ist mir als Trainer das Hemd natürlich näher als der Rock. Zum Glück hatten wir mit Müller, wenn er gesund war, einen zweiten sehr guten Torwart. Das war seine Chance, die er genutzt hat. Er hat ein sehr gutes Spiel gemacht und Tschertschessow hinterher ein langes Gesicht, weil er dann erst mal draußen war.

Der Star war die Mannschaft?

Wer ist denn ein Star? Das ist für mich einer, der herausragende Leistungen bringt und keine Allüren hat. Nach der Definition waren sie alle Stars. Bei Pilz hat es fürs Mittelfeld nicht mehr gereicht, aber er war ein ganz schlauer Spieler, also habe ich ihn als Libero eingesetzt. Oder Thomas Rath, den wir vom Stürmer ins defensive Mittelfeld zurückgezogen haben. Jeder hat versucht, das umzusetzen, was vorgegeben war.

Was zeichnet für Sie einen Führungsspieler aus?

Wieder ein Beispiel: René Müller. Man hat es ja oft, wenn einer draußen sitzt, dass er mosert und meckert. René hat seine Sache trotzdem weitergemacht, auch als er nur Ersatzmann war. Natürlich muss ein Führungsspieler durch Leistung vorangehen, aber auch helfen, ein gutes Arbeitsklima zu verbreiten. Selbst der beste Trainer ist machtlos, wenn ein paar Stinkstiefel drin sind, die das Klima vergiften.

Nach dem Klassenerhalt gingen Sie in den Urlaub – und danach war die halbe Mannschaft weg. Hatte sich das für Sie abgezeichnet?

Nein, das kam überraschend. Ich wurde nach dem Urlaub vor vollendete Tatsachen gestellt. Mir wurde erklärt, es gebe finanzielle Zwänge. Das war schade, weil so eine gut funktionierende Mannschaft auseinandergerissen wurde.

Wie kommt man sich vor als Trainer, wenn das passiert?

Na, um es deutlich zu sagen: Verarscht! Man hätte zumindest vorher mal mit mir reden und vielleicht gemeinsam Lösungen suchen können. Das Geld war aber offenbar nicht da. Ich habe spaßeshalber gesagt: Es fehlt nur noch, dass auch der Platzwart verkauft wird.

Für 800.000 Mark – um Ihren Spruch von damals zu ergänzen. Sind Sie wirklich so locker damit umgegangen?

Man ärgert sich schon, schließlich hat man Vorstellungen und Ziele. Mit dieser Transferpolitik ist das alles eingestürzt wie ein Kartenhaus.

Welche Ziele waren das?

Erst einmal einen Schritt weiterkommen. Wenn wir uns punktuell noch ein, zwei Verstärkungen geholt hätten, wäre es möglich gewesen, sogar an den internationalen Plätzen zu schnuppern.

Sie haben am 2. November 1994 den Verein darüber informiert, dass Sie zum Jahresende nach Japan zu Gamba Osaka wechseln. Wieso haben Sie nicht gleich im Sommer gekündigt?

Das ist so eine Sache, wenn man das Hals über Kopf macht. Aber ich habe schon gewusst, lange geht das nicht mehr gut. Die Basis für eine gedeihliche Zusammenarbeit war einfach zerstört. Deshalb habe ich mich umgeschaut.

Personalie Sigfried Held:

Geboren: am 7. August 1942 in Freudenthal (heute Bruntál/Tschechien).

Personalie Sigfried Held:

Familie: verheiratet, zwei Kinder.

Personalie Sigfried Held:

Beruf: Fußball-Lehrer.

Personalie Sigfried Held:

Wohnort: Dortmund.

Personalie Sigfried Held:

Trainer bei Dynamo: vom 24. Juni 1993 bis 22. November 1994.

Personalie Sigfried Held:

Größte Erfolge als Spieler: 41 Ländespiele/5 Tore; Vizeweltmeister 1966 und WM-Dritter 1970. Europapokalsieger der Pokalsieger sowie deutscher Vizemeister 1966 mit Borussia Dortmund; insgesamt 422 Bundesliga Spiele/72 Tore für Dortmund (1965 bis 1971 sowie 1977 bis 1979), Kickers Offenbach (1972 bis 1976) und Bayer Uerdingen (1979 bis 1981).

Personalie Sigfried Held:

Weitere Stationen als Trainer: FC Schalke 04 (Juni 1981 bis 20. Januar 1983/Aufstieg in die 1. Bundesliga), Galatasaray Istanbul (1989/90), Admira Wacker Wien (Mai 1991 bis Juni 1993), Gamba Osaka (Japan/1995), VfB Leipzig (Juli 1996 bis 7. Oktober 1997) sowie als Nationaltrainer von Island (1986 bis 1989), Ägypten (1999 bis 2001), Malta (2001 bis 2003) und Thailand (2004 bis 2005).

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Sie sind nach drei weiteren Spielen dann noch vorzeitig gegangen. Warum?

Das wurde mir nahegelegt. Weil ich sowieso gehe, müsse frischer Wind kommen. Da schreit man nicht Hurra. Das ist immer ärgerlich, aber man ist machtlos. Die Dinge nehmen ihren Lauf und man kann sie nicht mehr steuern, wie man will.

War Ihnen klar, dass Dynamo absteigen muss, als Sie gegangen sind?

Nein, das muss nie sein. Dass es sehr schwierig wird, hat jeder gesehen, denn wie heißt es: ohne Moos nichts los. Man braucht ein finanzielles Fundament.

Was halten Sie davon, in den Medien als „der Schweiger“ betitelt zu werden?

Den Spitznamen hat mir ein Journalist aufgedrückt, der gerne hintenrum Spieler ausgefragt hat. Einmal kam er zu mir und fragte nur: Wie geht’s? Und ich habe direkt geantwortet: Wollen Sie mich ausfragen? Deshalb hat er mir den Stempel des Schweigers aufgedrückt, gut, das ist nicht so tragisch. Man muss ja nicht alles rausposaunen, auch mal etwas unter der Decke halten können. Aber ich habe gut zusammengearbeitet mit den Medien. Das sind unterschiedliche Interessenlagen.

Sind Sie auch aus der Haut gefahren?

Ich explodiere nicht, ich implodiere eher. Wenn ich mich ärgere, werde ich ganz besonders ruhig.

Sie waren als Spieler wie Trainer erfolgreich: Wo ordnen Sie die Station bei Dynamo ein?

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Sie steht mit ganz oben. Das war eine sehr schöne Zeit in einer wunderbaren Stadt. Als Trainer hat man natürlich andere Sorgen, aber ich war auch mal in der Semperoper. Dresden ist eine Fußballstadt, im Gegensatz zu Leipzig, so wie ich es damals erlebt habe. Dort habe ich nicht diese Begeisterung gespürt. Dresden bleibt mir immer in guter Erinnerung, denn dort erlebte ich eine sehr angenehme Herzlichkeit der Menschen.

Das Interview führte Sven Geisler