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Wie Lenin auf dem Roten Platz

Vor 25 Jahren schaffen die Dresdner den Klassenerhalt in der Bundesliga - trotz eines Vier-Punkte-Abzuges. Stanislaw Tschertschessow ist zufällig dabei.

Dynamos Torwart Stanislaw Tschertschessow (l.) ist vor dem Dortmunder Michael Zorc am Ball. Der eine ist jetzt russischer Nationaltrainer, der andere BVB-Manager.
Dynamos Torwart Stanislaw Tschertschessow (l.) ist vor dem Dortmunder Michael Zorc am Ball. Der eine ist jetzt russischer Nationaltrainer, der andere BVB-Manager. © Archivfoto: Imgao

Stanislaw Tschertschessow grinst, wenn er darauf angesprochen wird. Im DFB-Pokal-Viertelfinale steht es nach 120 Minuten 1:1 zwischen Dynamo und Bayer Leverkusen. Elfmeterschießen. Pavel Hapal versucht, den Dresdner Torwart mit einem Schlenzer zu überwinden. Doch der lässt sich nicht austricksen. „Der Russe bleibt stehen wie Lenin auf dem Roten Platz“, sagt Reporter Gert Zimmermann in seiner Radio-Reportage. „Darüber haben wir viel gelacht. Emotionen sind immer gut“, sagt Tschertschessow über den Vergleich, der nur einen Haken hat: Auf dem Roten Platz in Moskau stand nie eine Lenin-Statue, stattdessen liegt der einbalsamierte Leichnam des Revolutionsführers seit seinem Tod 1924 dort aufgebahrt in einem Mausoleum.

Das spielt an jenem 1. Dezember 1993 freilich keine Rolle, mit der Parade sichert der Russe aus dem Kaukasus das Weiterkommen. Nachdem die Schwarz-Gelben zuvor bereits Bayern München mit 2:1 besiegt hatten, scheiterten sie erst im Halbfinale an Werder Bremen (0:2). Der Einzug ins Endspiel wäre das i-Tüpfelchen auf eine Saison gewesen, die sowieso eine besondere ist in Dynamos Vereinsgeschichte.

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Beim Europapokalspiel entdeckt

Für den Torwart beginnt sie jedoch katastrophal. Tschertschessow kommt im Sommer 1993 eher zufällig von Spartak Moskau nach Dresden. „Ich habe nicht über einen Wechsel nachgedacht.“ Schließlich war er als Kapitän mit seinem Verein Meister und Pokalsieger geworden, spielte im Europacup. „Als wir im Viertelfinale gegen Feyenoord Rotterdam gewannen, saßen Beobachter im Auftrag von Dynamo auf der Tribüne.“ Eigentlich beobachten sie den torgefährlichen Mittelfeldspieler Andrey Pyatnitskiy. „Aber wie mir erzählt wurde, sagten sie hinterher: Der Torjäger ist gut, aber wir wollen den Torhüter.“

Direkt nach dem Spiel ruft ihn der Pressesprecher von Spartak an, zwei deutsche Manager wollen ihn sprechen. Einer ist Willi Konrad, Spielervermittler und später technischer Direktor bei Dynamo, erinnert sich Tschertschessow an das Treffen. „Sie erklärten mir: Dynamo werden vier Punkte abgezogen, deshalb wollen sie Sicherheit.“ Doch der neue Schlussmann erweist sich nicht sofort als der erhoffte Rückhalt, kassiert in den ersten sechs Bundesliga-Spielen 15 Treffer, darunter derbe Klatschen: 3:3 zum Auftakt beim VfB Leipzig, 0:5 in München, 0:4 in Dortmund. Eine Horror-Quote. „Ich hatte zwar keine groben Fehler gemacht, aber im Nachhinein weiß ich, dass die Sprache ein Problem war. Ich konnte meine Vorderleute nicht so gut dirigieren.“

Dabei ist er fleißig, notiert sich in einem Schreibblock jede Vokabel, die er aufschnappt, auf Russisch, Englisch und Deutsch. „Ich hatte eine Stunde Unterricht pro Woche, mir war sofort klar: Das bringt nichts! Also habe ich selber gelernt mit Zeitungen, Fernsehen, den Mitspielern zugehört. Es war manchmal nicht angenehm, weil du nicht weißt, ob sie über dich reden.“ Die Zeit in Dresden ist für ihn eine harte Schule sowohl als Fußballer als auch fürs Leben. „Wenn du einen Brief bekommst in deutscher Sprache, verstehst aber nicht, worum es geht, fühlst du dich mit 30 Jahren wie ein kleiner Junge.“

Ralf Minge (rechts Foto/l.) war damals erst Co- und später Cheftrainer, René (linkes Foto/l.) Müller kämpfte mit Stanislaw Tschertschessow um die Nummer eins. 
Ralf Minge (rechts Foto/l.) war damals erst Co- und später Cheftrainer, René (linkes Foto/l.) Müller kämpfte mit Stanislaw Tschertschessow um die Nummer eins.  © Wolfgang Wittchen
René Beuchel (l.) rückte damals als Talent aus dem Nachwuchs ins Bundesliga-Team von Dynamo auf. Torwart Stanislaw Tschertschessow war dagegen bereits international erfahren.
René Beuchel (l.) rückte damals als Talent aus dem Nachwuchs ins Bundesliga-Team von Dynamo auf. Torwart Stanislaw Tschertschessow war dagegen bereits international erfahren. © Wolfgang Wittchen
In diesem Moment hat auch Dynamos Torwart offenbar das Nachsehen, auch Kapitän Hans-Uwe Pilz schaut dem Ball am Boden liegend hinterher - Jordan Letchkov vom Hamburger SV springt über sie.
In diesem Moment hat auch Dynamos Torwart offenbar das Nachsehen, auch Kapitän Hans-Uwe Pilz schaut dem Ball am Boden liegend hinterher - Jordan Letchkov vom Hamburger SV springt über sie. © Wolfgang Wittchen
Stanislaw Tschertschessow hat sich mit Frau und Tochter Madina in Dresden wohlgefühlt, sein Sohn Stanislaw junior wurde zudem hier geboren. 
Stanislaw Tschertschessow hat sich mit Frau und Tochter Madina in Dresden wohlgefühlt, sein Sohn Stanislaw junior wurde zudem hier geboren.  © Wolfgang Wittchen

Kollege statt Konkurrent

Trainer Sigfried Held hätte Tschertschessow nicht aus dem Tor genommen, aber als er zur russischen Nationalelf fliegt, ist der Platz für René Müller frei, seinen Konkurrenten im Kampf um die Nummer eins. „Wissen Sie“, meint Tschertschessow, „ich bin kein Freund davon, innerhalb einer Mannschaft von Konkurrenten zu sprechen. Meine Konkurrenten waren Oliver Kahn, Rüdiger Vollborn und wie die Torhüter der anderen Vereine damals hießen. René war mein Mitspieler, mein Kollege. Als er verletzt war, bin ich (nach neun Spielen /d. A.) wieder rein. Und am Ende haben wir alle zusammen Dynamo Dresden gerettet trotz dieser vier Minuspunkte.“

Dabei geht nicht alles glatt, einmal wird Tschertschessow sogar zur Lachnummer, ausgerechnet an seinem 31. Geburtstag: Nach einem Rückpass versucht er, den Ball zu jonglieren, doch Stefan Effenberg bestraft den Fauxpas mit dem 2:0 für Borussia Mönchengladbach. „Ja, da habe ich Mist gebaut. Auch das gehört dazu“, meint er und kann über die Szene lachen. „Damals habe ich auch gelacht. Davon geht die Welt nicht unter.“ Er sieht die Dinge lieber positiv, selbst wenn das nicht immer leicht ist wie in der folgenden Saison bei Dynamo.

Grund zur Freude haben Trainer Stanislaw Tschertschessow und die russischen Spieler um Artjom Dsjuba (r.) bei der Heim-WM. 
Grund zur Freude haben Trainer Stanislaw Tschertschessow und die russischen Spieler um Artjom Dsjuba (r.) bei der Heim-WM.  © dpa/Federico Gambarini

Plötzlich passt nichts mehr. „Wir hatten zu viele gute Spieler abgegeben, außerdem war einer wie Sven Kmetsch fast die gesamte Saison verletzt“, erklärt Tschertschessow den Absturz. „Die Neuzugänge hätten Zeit gebraucht, sich in die Mannschaft zu integrieren, aber in der Bundesliga hast du keine Zeit. Du musst die Leistung sofort bringen. Das hat leider nicht funktioniert.“ Der Torwart steht plötzlich vor einer ungewissen Zukunft. „Das war ein harter Einschnitt. Mein Sohn Stanislaw ist in Dresden geboren, meine Frau und Tochter Madina waren mit hier. Ich hatte mich an die Bundesliga gewöhnt, konnte etwas Deutsch. Ich wollte nichts ändern“, sagt er, ohne zu jammern, denn: „ Wer weiß, was ist gut und was schlecht. Es kommt wie es kommt. Wenn ich in der zweiten Liga vielleicht in Dresden geblieben wäre, wäre ich nicht dreimal österreichischer Meister geworden.“

Auszeichnung beim SemperOpernball

Als Trainer der russischen Fußball-Nationalmannschaft wird Stanislaw Tschertschessow im Januar 2019 beim SemperOpernball ausgezeichnet. Tochter Madina begleitet ihn, sie war ach zu seiner Dynamo-Zeit mit in Dresden.
Als Trainer der russischen Fußball-Nationalmannschaft wird Stanislaw Tschertschessow im Januar 2019 beim SemperOpernball ausgezeichnet. Tochter Madina begleitet ihn, sie war ach zu seiner Dynamo-Zeit mit in Dresden. © Robert Michael

Die Parallele zu Dynamo: Nachdem er mit dem FC Tirol in Innsbruck 2002 zum dritten Mal den Titel geholt hat, bekommt der Verein keine Lizenz. Mit fast 39 hört er auf mit dem Profi-Fußball, zumindest als Spieler. Als Trainer arbeitet er danach ähnlich erfolgreich unter anderem bei seinen früheren Vereinen Spartak Moskau und FC Wacker Tirol. Legia Warschau führt er 2016 in Polen zum Titelgewinn – anschließend übernimmt der ehemalige Nationalspieler die russische Auswahl.

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Tschertschessow macht aus einer verunsicherten Mannschaft ein eingeschworenes Team, das bei der Heim-WM 2018 im Achtelfinale Spanien nach Elfmeterschießen ausschaltet und erst im Viertelfinale von Kroatien gestoppt wird. Im Februar 2019 erhält er für den Erfolg wie für sein Auftreten in Dresden den St. Georgs Orden des SemperOpernballs. Ob er als Auswahlcoach auf dem Höhepunkt seines Schaffens als Trainer angekommen sei? Tschertschessow schüttelt den Kopf. „Das weiß ich nicht, vielleicht kommt noch etwas Größeres. Aber sicher ist es etwas Besonderes, Cheftrainer der Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Land gewesen zu sein.“

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