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Der Weltrekordler, der für Dynamo spielte

Vor 25 Jahren schaffen die Dresdner den Klassenerhalt in der Bundesliga - trotz eines Vier-Punkte-Abzuges. Werner Rank ist einer der (fast) vergessenen Helden. 

© Archivfoto: imago

Es ist alles vorbereitet, die Spielgenehmigung liegt vor, das Einverständnis des Vorstandes sowieso, und auch der Trainer hat zugestimmt. Doch dann bekommt Rüdiger Rehm kalte Füße. Er hätte Werner Rank einwechseln müssen für die SG Sonnenhof Großaspach im Spiel gegen Arminia Bielefeld zum Abschluss der Saison 2014/15. Beide Mannschaften hatten ihr Ziel in der 3. Liga vorzeitig erreicht: Großaspach den Klassenerhalt, Bielefeld den Aufstieg. „Wir hatten schon den Bus bestellt, wären mit 50 Leuten dort angerückt“, erzählt Rank.

Sogar T-Shirts hatten sie bedruckt mit allen Vereinen, für die er gespielt hatte – oder eben hätte. Denn für die SG Sonnenhof wird er nicht auflaufen, Rehm zieht seine Zusage kurzfristig zurück. „Er glaubte wohl, dass es seiner Trainer-Karriere schaden könnte, wenn er mich fünf Minuten vor Schluss bringt.“ Rank war damals nämlich schon 46. Auf die verrückte Idee war er eher zufällig gekommen.

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Nach seiner Profi-Laufbahn ist er mit dem TSV Crailsheim von der Landes- bis in die Oberliga aufgestiegen, hat danach in seinem Heimatverein Herrieden in der Kreisliga ausgeholfen. „Ein Freund meinte mal nebenbei: Jetzt hast du ja bald in allen Ligen gespielt.“ Außer in den untersten drei, wie Rank feststellte. Also suchte er im Internet nach einem passenden Verein und wurde beim FC/DJK Weißenburg fündig. Dort konnte er in einer Saison gleich für drei Mannschaften und damit in drei verschiedenen Klassen spielen. Allerdings war seine Liste damit immer noch nicht vollständig, denn in der Region Ingolstadt gibt es noch eine zwölfte Liga. Also spielte er dort für den SV Bergheim.

Die Trikots für Familie und Fans waren schon bedruckt, doch dann blieb es bei zwölf Ligen.  
Die Trikots für Familie und Fans waren schon bedruckt, doch dann blieb es bei zwölf Ligen.   © Fotos: privat

Der Weltrekord war perfekt. Vorerst. Bis 2008 die neue 3. Liga eingeführt wird. Uli Ferber, Präsident und Mäzen in Großaspach, ist begeistert von dem Plan und will Rank dabei helfen, sogar ins Guinnessbuch der Rekorde zu kommen. Doch die Aktion scheitert an Rehms Einspruch. „Das ist zwar schade, aber in zwölf Ligen gespielt zu haben und für jede Mannschaft mindestens ein Pflichtspieltor erzielt zu haben, ist ja auch etwas Besonderes“, meint Rank.

Bei Dynamo Dresden hat er sich mit seinem Treffer beim 1:0 in Meppen in der ersten Runde des DFB-Pokals im August 1994 sogar selbst seinen Wechsel nach Chemnitz verbaut. Auch das ist eine unglaubliche Episode. Der Stürmer hatte in seiner ersten Saison in Dresden kaum gespielt, im Nachhinein sagt er sogar: „Die Bundesliga war für mich eine Klasse zu hoch.“ Aber nun ist er einmal hier. Bei Stahl Brandenburg hatte er in der Regionalliga in 27 Spielen 20 Tore erzielt, vier gegen den BFC Dynamo. Das Spiel hat Ralf Minge als Beobachter gesehen und Rank zum Probetraining eingeladen.

Dynamos Sensationsteam 1993/94: Bildnummer: Hinten von links: Detlef Schößler, Miroslav Stevic, Ralf Hauptmann, Mario Kern, Olaf Marschall, Uwe Rösler, Uwe Jähnig, Matthias Maucksch, Sven Kmetsch, Mitte v. l.: Zeugwart Rainer Nikol, Masseur Horst Friedel,
Dynamos Sensationsteam 1993/94: Bildnummer: Hinten von links: Detlef Schößler, Miroslav Stevic, Ralf Hauptmann, Mario Kern, Olaf Marschall, Uwe Rösler, Uwe Jähnig, Matthias Maucksch, Sven Kmetsch, Mitte v. l.: Zeugwart Rainer Nikol, Masseur Horst Friedel, © Archivfoto: imago

Darf es noch eine Kuriosität sein? In dem Übungsspiel sieht Rank kaum einen Ball, bis der ihm an der Mittellinie quasi vor die Füße fällt. „Ich habe ihn mir zwei-, dreimal vorgelegt und ihn Torwart René Müller aus 30 Metern in den Winkel geschossen. Ein Glücksschuss.“ Er bekommt einen Vertrag bei den Schwarz-Gelben.

Allzu häufig ist von einem Traum die Rede, der wahr wird. Bei Rank ist das tatsächlich der Fall. Unglaublich, aber wahr, wie er betont. 1987 war er das erste Mal als Zuschauer bei einem Spiel im Dortmunder Westfalenstadion und von der Atmosphäre gefangen. Als er später ein Buch über das Unterbewusstsein liest, stellt er sich vor, wie er selbst dort einläuft – und schläft mit diesem Gedanken ein. Und dann steht er tatsächlich am 1. September 1993 zum ersten Mal bei Dynamo in der Startelf – beim Spiel in Dortmund. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich den Ball überhaupt einmal berührt hätte“, erzählt Rank. „Ich hatte nicht das Selbstvertrauen, habe mich zu sehr beeindrucken lassen von Gegenspielern wie Jürgen Kohler, Julio Cesar oder Matthias Sammer. Ich weiß bis heute nicht, warum ich 75 Minuten spielen durfte.“

Nun hat er also die Chance, nach Chemnitz zu gehen. Dort ist Dynamo-Legende Reinhard Häfner Trainer, er will Rank unbedingt, aber vom Vorstand kennen ihn einige nicht. Weil ihm Dynamo-Coach Sigfried Held keinen Einsatz für das Testspiel garantiert, bieten die Chemnitzer an, er könne doch mit einer Sondererlaubnis für sie auflaufen. Über die skurrile Situation muss Rank lachen. „Ich bin mit dem Dynamo-Bus ins Stadion gefahren, aber während meine Mitspieler in die Kabine rechts gingen, bin ich nach links abgebogen.“

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Der Vertrag mit dem CFC ist de facto fix, aber plötzlich hat Dynamo im Angriff einen personellen Engpass. Also muss Rank in Meppen noch mal einspringen – und erzielt das Siegtor. „Danach hat Präsident Rolf-Jürgen Otto sein Veto eingelegt, ich musste bleiben.“ Böse ist er ihm deshalb nicht, auch wenn er sagt: „Die zweite Liga wäre genau richtig für mich gewesen.“ Wobei er zwischenzeitlich auch in Dresden seine Chance bekommt. Als Horst Hrubesch Trainer wird, versetzt der den Mittelstürmer auf die rechte Außenbahn.

Werner Rank ist mindestens einmal pro Saison bei einem Dynamo-Spiel, sein Sohn Niklas kommt gerne mit.
Werner Rank ist mindestens einmal pro Saison bei einem Dynamo-Spiel, sein Sohn Niklas kommt gerne mit. © Foto: privat

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