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Abschied ohne Worte: Minges letztes Dynamo-Spiel

Abgestiegen aus der zweiten Liga, doch bejubelt wie ein Aufsteiger. Tausende Fans feiern ihr Team nach einem 2:2. Besonders emotional ist es für den Noch-Sportchef.

Es ist vielleicht sein schwerster, sein emotionalster Gang. Die Fans haben Ralf Minge noch einmal gefeiert, und dann geht er sichtlich berührt.
Es ist vielleicht sein schwerster, sein emotionalster Gang. Die Fans haben Ralf Minge noch einmal gefeiert, und dann geht er sichtlich berührt. © dpa/Robert Michael

Dresden. Um 17.23 Uhr ist die Saison am Sonntag für Dynamo vorbei – und für mindestens ein Jahr die zweite Liga. Dass die letzte Partie nach einer 2:0-Führung gegen den VfL Osnabrück 2:2 endet, passt ins Bild einer völlig verkorksten Spielzeit. Die Mannschaft steigt als Schlusslicht in die Drittklassigkeit ab, von rund 3.000 Fans wird sie danach trotzdem gefeiert. „Die Leute erkennen an, dass wir alles gegeben haben und uns erhobenen Hauptes aus der Liga verabschieden“, fasst Trainer Markus Kauczinski seine Eindrücke vom Besuch hinter der Tribüne zusammen. „Das ist ein gutes Gefühl für die Zukunft.“

Im Stadion ist die Stimmung vorher gedämpft. Die Spieler tragen einen Trauerflor am rechten Oberarm, auch das passt zu diesem Tag, selbst wenn der Anlass natürlich ein ganz anderer ist. Gedacht wird dem kürzlich verstorbenen früheren Stadionsprecher Gert Zimmermann.

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Das Spiel rückt – auch angesichts der Konstellation, bei beiden Mannschaften geht es um nichts mehr, – komplett in den Hintergrund. Es liegt aber auch an den vielen Emotionen und Nebengeräuschen. Die dringen schon vor dem Anpfiff ins nahezu verwaiste Rund. Die Anhänger skandieren ihre Schlachtrufe, allein während des Spiels detonieren 38 Feuerwerkskörper.

Ein letzter Gruß: Ralf Minge winkt zu den Fans, verneigt sich immer wieder. Nach sechseinhalb Jahren endet seine zweite Amstzeit als Sportgeschäftsführer bei Dynamo. Wird er in anderer Funktion zurückkehren?
Ein letzter Gruß: Ralf Minge winkt zu den Fans, verneigt sich immer wieder. Nach sechseinhalb Jahren endet seine zweite Amstzeit als Sportgeschäftsführer bei Dynamo. Wird er in anderer Funktion zurückkehren? © dpa/Robert Michael

Die geltenden, Corona-bedingten Hygiene- und Abstandsregeln werden komplett ignoriert. Am späten Abend meldet die Polizei, dass Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten eingeleitet worden sind. Wie viele, kann die Behörde nicht präzisieren. Rund 130 Polizeibeamte, heißt es, seien im Einsatz gewesen. Sie beobachten das Geschehen, greifen aber nicht ein.

Kurz vor dem Abpfiff versuchen einige Fans dann, über die Sperren am Eingangsbereich zu klettern, scheitern jedoch. „Da hat es nur geknallt. Ich möchte nicht wissen, was hier bei einem Aufstieg los ist“, meint der Trainer. Jannis Nikolaou „hatte Gänsehaut. Das ist einfach Dynamo, ganz besonders.“ Und Patrick Schmidt hat der Empfang „sprachlos gemacht“. Am Ende greift Kapitän Florian Ballas zum Megafon, bedankt sich und verspricht: „Ich bin mir sicher, dass wir zurückkommen werden.“

Auch Ralf Minge steht auf dem Umlauf und wird gefeiert. Einen Blumenstrauß hält er in den Händen, zum Dank an die Fans verneigt er sich immer wieder. „Das war ein emotionaler Moment, das hat man ihm angemerkt“, erklärt Kauczinski. Mehr will er dazu nicht sagen, man müsse das einfach mal so stehenlassen. Minge selbst will gar nichts sagen, er schweigt komplett. Für ihn ist es das letzte Spiel als Sportgeschäftsführer, das er wie immer oben unterm Dach auf der Pressetribüne verfolgt. Auf sein Markenzeichen, die ausgewaschene Jeansjacke, hat er diesmal verzichtet, trägt stattdessen ein elegantes Hemd in symbolischem Schwarz. 

Dafür verabschieden sich die Spieler, Trainer und Betreuer gebührend von der Vereinsikone. Zur Erwärmung erscheinen sie in Jeansjacken, auf dem Rücken ist sein Konterfei abgedruckt sowie ein Gruß: „Danke für alles Mingus.“ Vier Exemplare hängen während der 90 Minuten auf dem Zaun, nach dem Abpfiff gibt es ein Gruppenfoto mit der Mannschaft auf dem Platz.

Die Mannschaft verabschiedet sich auf ihre Weise von Sportchef Minge, dessen Jeansjacke in Fußball-Dresden mittlerweile Kult-Charakter hat. Ein Duplikat mit Aufschrift tragen die Spieler bei der Erwärmung.
Die Mannschaft verabschiedet sich auf ihre Weise von Sportchef Minge, dessen Jeansjacke in Fußball-Dresden mittlerweile Kult-Charakter hat. Ein Duplikat mit Aufschrift tragen die Spieler bei der Erwärmung. © dpa/Robert Michael

Es ist ein stiller Abschied. Keine Geschenke, keine Reden. Vielleicht hat er es sich genauso gewünscht, schon bei der Eröffnung des neuen Trainingszentrums am Freitag, als seine Verdienste um den Neubau gewürdigt wurden, fehlte der 59-Jährige „aus persönlichen Gründen“. Es soll alles nachgeholt werden, irgendwann in der neuen Saison, wenn die Ränge wieder voll sind – oder zumindest nur noch halbleer. 

Auch bei den Spielern, die Dynamo verlassen, wird auf ein öffentliches Zeremoniell verzichtet. Nur in einem Punkt gibt die Aufstellung einen Hinweis. Torhüter Tim Boss, vor zwei Jahren verpflichtet, bestreitet sein erstes Pflichtspiel für die Schwarz-Gelben. Das könnte man als Abschiedsgeschenk deuten, sein Vertrag läuft am Dienstag aus. Vielleicht ist es aber auch nur eine nette Geste – Boss feiert an diesem Tag seinen 27. Geburtstag.

Kauczinski lässt das offen. Er habe sich den Einsatz verdient, sagt er. „Was noch kommt, wissen wir nicht.“ Das ist bei Boss wohl kaum anders. Die Entscheidung sei noch nicht gefallen“, sagt er. „Klar ist aber: Für mich muss es jetzt positiver weitergehen als in diesen zwei Jahren. Die Gespräche sollten ehrlich geführt werden. Da es noch keins gab, muss ich so vernünftig sein und mich umschauen“, meint Boss.

Der eine hat den anderen im Dezember verpflichtet, das Ziel Klassenerhalt haben beide nicht erreicht. Doch während Sportchef Minge geht, wird Trainer Kauczinski den Neuaufbau in der 3. Liga in Angriff nehmen.
Der eine hat den anderen im Dezember verpflichtet, das Ziel Klassenerhalt haben beide nicht erreicht. Doch während Sportchef Minge geht, wird Trainer Kauczinski den Neuaufbau in der 3. Liga in Angriff nehmen. © dpa/Robert Michael

Bei beiden Toren ist er machtlos. Seine Vorderleute machen trotz der späten Gegentreffer eines der besten Spiele seit dem verspäteten Neustart – ausgerechnet jetzt also, wenn es um nichts mehr geht. Und genau das könnte die Erklärung sein für den engagierten Auftritt. Zudem hatte die Mannschaft eine ganze Woche Zeit, sich auf den Saisonabschluss vorzubereiten, ein völlig ungewohnter Luxus.

Als Marco Terrazzino nach 23 Minuten mit einem Kopfball das 1:0 erzielt, ist die Führung absolut verdient, hektisches Rechnen löst der Treffer jedoch nicht aus. Zwölf Tore hätte Dynamo zu diesem Zeitpunkt noch erzielen müssen, um am Karlsruher SC auf dem Relegationsplatz vorbeizuziehen. Am Ende gewinnen die Badener bei Greuther Fürth 2:1, selbst ein 20:0 hätte den Dresdnern also nicht gereicht.

Nach knapp einer Stunde erhöht Patrick Schmidt nach einem schön herausgespielten Konter auf 2:0. Dass Osnabrück durch Anas Ouahim und einem feinen Freistoß von Niklas Schmidt noch ausgleicht, ist ärgerlich und irgendwie typisch, spielt am Ende aber kaum eine Rolle. „Dass wir am Ende auf dem Zahnfleisch gingen, hatte Gründe“, meint Kauczinski und spielt damit auf den engen Spielplan und den Wettbewerbsnachteil an.

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