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Benny Kirsten: Meine Meniskus-Transplantation

„Bei dem Gedanken, dass jemand gestorben sein muss, damit mir geholfen werden kann, musste ich schlucken.“ Ein Interview mit dem Ex-Dynamo-Torwart.

Benjamin Kirsten hat sieben Jahre bei Dynamo gespielt, aber das Ende war für ihn enttäuschend. Trotzdem hegt er keinen Groll.
Benjamin Kirsten hat sieben Jahre bei Dynamo gespielt, aber das Ende war für ihn enttäuschend. Trotzdem hegt er keinen Groll. © Robert Michael

War’s das? Uli Hoeneß hat mal demonstrativ gesagt: Noch lange nicht! So forsch ist Benjamin Kirsten nicht, aber ein Wort vermeidet er kategorisch. Er spricht nicht vom Karriereende, obwohl sein rechtes Knie erneut operiert werden muss. Der Fußball-Profi braucht einen neuen Meniskus, eine Transplantation. 

Er ist 32, was für einen Torwart kein hohes Alter ist. Deshalb ist er ehrgeizig wie eh und je, etwa, als er zwischen 2008 und 2015 für die Dynamo Dresden insgesamt 126 Pflichtspiele bestritten hat, davon 74 in der 2. Bundesliga. Gleichzeitig klingt im Interview mit der SZ auch die Ungewissheit durch, die mit den gesundheitlichen Problemen verbunden ist.

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Benjamin Kirsten, wie geht es Ihnen?

Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Im Alltag habe ich nur geringfügig Probleme, aber wenn du nach sechs Monaten Reha einen Trainingsversuch startest, der nicht klappt, und kurz vor Weihnachten erfährst, dass dir nur eine Transplantation helfen kann, ist das schwierig zu verarbeiten. Ich hatte davor ein halbes Jahr lang vier bis sechs Stunden am Tag gearbeitet, um fit zu werden.

Bei Transplantation denkt man an Niere, Leber, sogar Herz. Aber der Meniskus im Knie – wieso ist das notwendig?

Die Diagnose Knorpelschaden kannte ich vorher, auch der Meniskus war bereits operiert worden. Der Puffer reicht nicht mehr aus, sodass Knochen auf Knochen reibt. Also muss der Puffer wiederhergestellt werden. Deshalb die Transplantation.

Es gibt zum Beispiel ein künstliches Kreuzband. Wieso keinen Meniskus?

Doch, es gäbe eine künstliche Alternative. Aber die kommt bei mir nicht infrage, wie mir die Spezialisten erläutert haben.

Sie sind jetzt zum Warten verdammt. Wie gehen Sie damit um?

Die Wartezeit kann bis zu einem Jahr dauern. Es ist schon ein seltsames Gefühl vor dem ethischen Hintergrund, dass ein Spender notwendig ist und ich auf eine Warteliste gesetzt werde. Bei dem Gedanken, dass jemand gestorben sein muss, damit mir geholfen werden kann, musste ich erst einmal schlucken und es verarbeiten.

Wie haben Sie es verarbeitet?

Erstens hatte ich auf den Fahrten zu den Ärzten in Leipzig, Koblenz und Augsburg viel Zeit, habe rund 3.000 Kilometer zurückgelegt. Zweitens war mein Verein, der 1. FC Lok Leipzig, in Person von Dr. Knoll sowie Trainer und Sportdirektor Wolfgang, stets ansprechbar. Mein Vertrag läuft im Sommer aus. Und drittens habe ich aus der Familie, von Freunden und Bekannten wie Ralf Minge viel Zuspruch bekommen.

Nachdem Ihr Vertrag bei Dynamo 2015 nicht verlängert worden ist, galt Ihr Verhältnis zu Ralf Minge als gestört.

Selbst unmittelbar nach meinem Weggang von Dynamo hatten wir immer ein sehr enges Verhältnis.

Sie haben es ihm nicht nachgetragen?

Ich bin kein nachtragender Mensch, weil mir das nichts bringt. Ich lebe in Dresden, ich will hierbleiben. Es bringt nichts, der Vergangenheit nachzuhängen, man muss die Gegenwart und die Zukunft gestalten.

Ist es eine Operation, um Ihre Karriere als Fußballer zu retten oder den Alltag zu meistern?

Ich kann das Knie nicht belasten, es gibt sofort eine Reaktion. Es wurde eine beginnende Arthrose festgestellt, weshalb man handeln muss, wenn ich im normalen Lebensablauf beschwerdefrei sein will. Das hat also vordergründig nichts mit dem Fußball zu tun. Aber ich möchte es natürlich so schnell und so gut wie möglich machen lassen, um jede auch noch so kleine Chance zu wahren, auf den Platz zurückzukehren.

Was motiviert Sie, das anzugehen und nicht Schluss zu machen?

Ich habe nie etwas geschenkt gekriegt, mir immer Ziele gesteckt. Sonst wäre ich wahrscheinlich nie bei Dynamo gelandet und jetzt nicht so lange bei Lok gewesen. Deshalb setze ich mir auch in dieser Situation ein Ziel, nämlich schmerzfrei zu sein. Der Schmerz war zuletzt allgegenwärtig. Deshalb habe ich mit dem Krafttraining ausgesetzt, gehe stattdessen viel schwimmen.

Benjamin Kirsten im Einsatz, aufgenommen im Oktober 2015.
Benjamin Kirsten im Einsatz, aufgenommen im Oktober 2015. © Robert Michael

Haben Sie einen Plan B?

Damit würde ich mich nach der Transplantation auseinandersetzen. Es ist fatal, den zweiten vor dem ersten Schritt zu machen.

Fragen Sie sich angesichts der körperlichen Schäden: War es das wert?

Jeder Tag war es wert.

Obwohl sich der Verschleiß durch die körperliche Belastung bereits zeigt? Oder schieben Sie das beiseite?

Nein, ich bin mir dessen bewusst. Ich habe extrem viel von mir gefordert, weil ich einen hohen Anspruch an mich selbst gestellt habe, damit sich meine Mitspieler jederzeit auf mich verlassen können. Ich wusste aber auch, dass Fußball temporär ist, auch wenn ich gerne wie Gianluigi Buffon bis 40 weitermachen würde.

Haben Sie eine Vorstellung, was danach kommen soll?

Natürlich. Es wäre fahrlässig, nicht über die Zukunft nachzudenken. Ich werde die Trainer-Ausbildung mit der B-Lizenz anfangen, wenn es passt, in der Wartezeit bis zur Operation. Später sollen die Elite-Lizenz und die Uefa-Torwart-Lizenz folgen.

Sie wollen also im Fußball bleiben?

Wenn die Möglichkeit besteht, würde ich das gerne. Ich strecke meine Fühler aus. Cheftrainer fällt für mich weg, die Verantwortung für 22 Rotznasen möchte ich nicht haben. Aber für drei oder vier Torhüter kann ich es mir gut vorstellen. Ich habe von meinen Stationen – auch in den USA und den Niederlanden – viele Erfahrungen mitgenommen. Die konnte ich sogar besser aufnehmen als zu der Zeit bei Dynamo, weil das mein Traum war, den habe ich zu 100 Prozent gelebt und nicht nach rechts oder links geschaut.

Können Sie den Wert Ihrer Zeit bei Dynamo, dieser sieben Jahre, im Nachhinein besser ermessen?

Dynamo war nicht der Verein, wie wir ihn heute kennen, sondern hoch verschuldet. In sieben Jahren habe ich über 130 Spieler und sieben Trainer erlebt. Deshalb war ich froh, dass Ralf Minge als Sportgeschäftsführer zurückgekommen ist, weil er eine Konstante ist, wie sie die gut geführten Vereine auf der Position haben. Diese Ordnung, diese Professionalität kam erst, als ich gehen musste. Das hat mir natürlich sehr wehgetan, aber ich habe mich trotzdem über die positive Entwicklung gefreut.

Wie bewerten Sie die derzeitige sportliche Situation für Dynamo?

Das tut natürlich weh, der gesamten Region. Aber man sollte nicht vergessen, was man in den vergangenen Jahren erreicht hat. Dynamo ist schuldenfrei, das Nachwuchskonzept wird weiterentwickelt, das neue Trainingszentrum ist fast fertig. Ich bin mir sicher, vor zehn Jahren hätte jeder die Tabellensituation und den Abstiegskampf in der zweiten Liga unter dieser Prämisse akzeptiert. Es wird aber immer das aktuelle Paket bewertet. Der Verein hing jahrelang am Tropf, deshalb kann ich es verstehen, wenn Geld zurückgehalten wird aus Sorge, es sinnlos auszugeben.

Sie spielen auf die 1,7 Millionen Euro an, die Ralf Minge nach eigener Aussage vor der Saison nicht ausgegeben hat …

Das Preis-Leistung-Verhältnis der Spieler hat sich verändert. Heute kriegt man für zehn Euro die gleiche Qualität wie vor zwei, drei Jahren für einen. In diesen Kontext müssen das die Verantwortlichen stellen. Es zeugt von großem Verantwortungsbewusstsein, öffentlich Fehler einzuräumen, wie es Ralf Minge getan hat. Dazu gehört eine Menge Mut. Ich finde das groß.

Sollte man einen Abstieg akzeptieren?

Nach einem Abstieg gibt es viele Fragezeichen. Aber so weit sind wir noch nicht. Ich habe den Glauben nicht verloren, dass es Dynamo schaffen kann, weil das Gerüst noch da ist.

In welcher Position kehren Sie eines Tages zu Dynamo zurück?

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Das liegt nicht in meiner Hand. Ich kann mir keine schönere Stadt vorstellen. Es wäre ein Traum, aber ich glaube, das weiß jeder. Aber in welcher Form sich der verwirklichen ließe, damit beschäftige ich mich erst, wenn ich wirklich nicht mehr spiele.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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