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Minge gesteht: „Es waren unglaubliche Schmerzen“

Er war Kapitän bei der Quali zur Bundesliga, sprang als Trainer ein und litt doch unter der Ohnmacht - das Interview zur Serie "Dynamos vergessene Helden".

Während die Bayern-Bosse Klaus Augenthaler und Uli Hoeneß auf der Münchner Bank diskutieren, schaut Dynamo-Trainer Ralf Minge nach seinen Ersatzspielern.
Während die Bayern-Bosse Klaus Augenthaler und Uli Hoeneß auf der Münchner Bank diskutieren, schaut Dynamo-Trainer Ralf Minge nach seinen Ersatzspielern. © Wolfgang Wittchen

Dresden. Vom glücklichen Anfang bis zum bitteren Ende: Ralf Minge hat die fünf Jahre von Dynamo Dresden in der Bundesliga miterlebt. In der Qualifikation noch als Spieler, danach für eine kurze Zeit in der Geschäftsstelle, schließlich als Co-Trainer und letztlich als Chefcoach. Ausgerechnet er, der den Verein im Herzen trägt, stand sportlich in der Verantwortung, als der Niedergang nicht mehr zu stoppen war.

Im Interview spricht der heutige Sportgeschäftsführer von Dynamo über schöne Erlebnisse und schmerzliche Erfahrungen in dieser Zeit.

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Man muss die letzte Saison in der Oberliga, also die Qualifikation, mit einbeziehen. Die hat für mich persönlich sportlich eine herausragende Bedeutung, weil die Konstellation schwierig war. Ich wollte eigentlich schon 1990 aufhören, aber wir hatten fünf Nationalspieler abgegeben. Deshalb habe ich ein Jahr drangehängt, auch als Kapitän. Das war mit vielen Schmerzen verbunden, weil der körperliche Verfall durch den Leistungssport sehr weit vorangeschritten war.

Welche Beschwerden hatten Sie?
Es waren keine offenen Brüche, kein Kreuzbandriss. Aber ich hatte drei Bandscheibenvorfälle. Sprunggelenk und Knie machten Probleme. Ich habe mich öfter spritzen lassen, damit ich spielen kann. Es wäre schon makaber gewesen, wenn wir das Ziel nicht erreicht hätten.

Ralf Minge (l.) schaut skeptisch rüber. Sein Kollege Giovanni Trapattoni kann beim FC Bayern Nationalspieler Dietmar Hamann einwechseln. Dynamo verliert im bislang letzten Bundesliga-Heimspiel der Vereinsgeschichte am 10. Juni 1995 vor 29.253 Zuschauern g
Ralf Minge (l.) schaut skeptisch rüber. Sein Kollege Giovanni Trapattoni kann beim FC Bayern Nationalspieler Dietmar Hamann einwechseln. Dynamo verliert im bislang letzten Bundesliga-Heimspiel der Vereinsgeschichte am 10. Juni 1995 vor 29.253 Zuschauern g © Wolfgang Wittchen

Das Land war im Umbruch, die Mannschaft auch. Wie ist sie in diese Saison gegangen?
Es herrschte tatsächlich eine Ungewissheit. Was die Abgänge betrifft, hatten wir – und der BFC – die meiste Qualität verloren. Ulf Kirsten und Matthias Sammer haben eine überragende Laufbahn gestartet. Dagegen muss man sich die Zugänge anschauen, womit ich nicht Heiko Scholz meine oder Uwe Rösler, der im Winter kam. Sergio Allievi war als Typ in Ordnung, Peter Lux schon kurios. Er kam mit einer Kiste in die Kabine, hat uns Seidenhemden verkauft. Sicher konnte er kicken, war aber nicht für den Leistungssport geboren. Das war für uns völlig neu, wir waren Gehorsam gewohnt. Plötzlich kommt so ein Künstler.

Welche Rolle hat Reinhard Häfner als Trainer gespielt?
Ich habe so lange mit ihm zusammengespielt, auch ein ganz paar Bier mit ihm getrunken. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis. Ich kannte meine Rolle als Kapitän und verlängerter Arm. Ich war im Gegensatz zu den Jahren davor nicht mehr selbstmordgefährdet, wenn ich draußen gesessen habe. Das war ein Miteinander, geprägt von gegenseitiger Wertschätzung.

Vor der Saison 1993/94 wurden Dynamo dann wegen Lizenzverstoß vier Punkte abgezogen, was damals zwei Siegen entsprach. Ist der Klassenerhalt vergleichbar mit einem Meistertitel in der DDR?
Irgendwo schon. Uns kam entgegen, dass uns keiner auf dem Zettel hatte, wir standen ja de facto als erster Absteiger fest. Und wir hatten in der Saison auch eine richtig gute Mannschaft. Da fällt mir eine Story ein. Eine Fehlentscheidung gegen uns. Siggi (Trainer Sigfried Held/d. Red) geht an den Platz und ruft: ,Herr Schiedsrichter, Herr Schiedsrichter! Eine Frage: Werden die vier Punkte nach der Saison abgezogen oder sorgen Sie schon heute dafür?‘ So hat er ein Ding nach dem anderen rausgehauen.

In der Saison 1993/94 trotzt Dynamo einem Vier-Punkte-Abzug, was damals zwei Siegen entspricht, und schafft den Klassenerhalt. Dabei harmoniert auch das Trainer-Duo Sigfried Held (r.) und Ralf Minge perfekt.
In der Saison 1993/94 trotzt Dynamo einem Vier-Punkte-Abzug, was damals zwei Siegen entspricht, und schafft den Klassenerhalt. Dabei harmoniert auch das Trainer-Duo Sigfried Held (r.) und Ralf Minge perfekt. © Foto: Wofgang Wittchen

Als Sportgeschäftsführer von Dynamo setzen Sie auf den Zusammenhalt – war das damals der Schlüssel zum Erfolg?
Wir hatten einen extrem engen inneren Zirkel. Siggi und ich, dazu Rainer Nikol als Zeugwart, Horst Friedl als Physiotherapeut, Doc Schlegel als Mannschaftsarzt. Das Funktionsteam war extrem klein, es gab keine Eitelkeiten. Auch in der Mannschaft hatten wir richtig gute Charaktere dazubekommen wie Stanislaw Tschertschessow, der noch mal ein brutales Leistungsdenken reingetragen hat.

War bereits abzusehen, dass es in der nächsten Saison den Bach runtergeht?
Es war relativ schnell klar, dass wir Substanz verlieren, weil im Sommer etliche Leistungsträger verscherbelt worden sind. Ich will den Zugängen nicht zu nahe treten, aber die meisten Jungs waren auf dem absteigenden Ast wie Johnny Ekström, der bei Bayern München und in Italien gespielt hatte – auf einmal war er im tiefsten Osten gelandet. Was im Jahr davor so exzellent gepasst hatte, hat nicht gestimmt. Als Siggi Held seinen Abschied angekündigt hat, war das eine zusätzliche Hypothek. Es kam vieles zusammen. Unter Otto war es furchtbar, das habe ich ja auch erlebt.

Ralf Minge ist eine Dynamo-Institution: Als Spieler erzielte er allein in der DDR-Oberliga 103 Tore, neun im Europapokal, als Interimscoach schaffte er 1992/93 den Klassenerhalt in der Bundesliga - nun ist er seit Februar 2014 zum zweiten Mal als Sport-Ge
Ralf Minge ist eine Dynamo-Institution: Als Spieler erzielte er allein in der DDR-Oberliga 103 Tore, neun im Europapokal, als Interimscoach schaffte er 1992/93 den Klassenerhalt in der Bundesliga - nun ist er seit Februar 2014 zum zweiten Mal als Sport-Ge © Foto: Ronald Bonß

Was haben Sie mit dem Präsidenten Rolf-Jürgen Otto erlebt?
Es ging um Jens Jeremies. Ich habe gesagt: Wenn wir sowieso absteigen, setze ich im Hinblick auf einen Neuanfang auf die Spieler, die hier groß geworden sind. Also bin ich zu Otto und habe ihn gebeten, Jeremies einen Vertrag über die Saison hinaus zu geben, der könnte uns mal Geld bringen. Seine Reaktion: ,Der wird nie ein Bundesliga-Spieler!‘ Ich habe Jerry trotzdem gebracht bei 1860 München, und er spielte richtig gut. Otto hat daraufhin gefordert, dass ich ihn nicht mehr aufstelle. ,Doch, der spielt!‘ Seine Ansage: ,Dann würde ich Ihnen aber raten, in Zukunft Ihre Kinder von der Schule abzuholen und nicht alleine laufen zu lassen.‘ Mit solchen Mitteln hat er gearbeitet, da hat einem schon die Kelle gezittert.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe sie nicht ernst genommen. Er war ja manisch-depressiv, behaupte ich mal. Den nächsten Tag hat er mich ins Bellevue eingeladen und einen auf Softie gemacht. Der Mensch war nicht kalkulierbar.

Wieso haben Sie sich darauf eingelassen, Ende Februar 1995 als Cheftrainer zu übernehmen? Das war doch ein Himmelfahrtskommando.
Unter extremen Schmerzen und nur, weil es Dynamo Dresden ist. Ich fühlte mich in der Verantwortung. Es waren regelrechte Zerfallserscheinungen im gesamten Verein. Für mich ging es darum, etwas gesichtswahrend zu Ende zu bringen. Ich habe eine Konzeption geschrieben für einen Neustart unabhängig von der Liga. Man musste wieder eine Identität finden. Dynamo ist über Jahrzehnte mit einer Bezirksauswahl erfolgreich gewesen, jetzt war es ein zusammengewürfelter Haufen. Es waren aber noch einige junge Leute da: Mario Kern, Matthias Maucksch, Sven Kmetsch, René Beuchel, Jens Jeremies, Uwe Jähnig ... Ich weiß nicht, ob sich damit überhaupt jemand beschäftigt hat. Am Ende ist das Chaos in Lähmung übergegangen. Und in den Fluchtreflex: Rette sich, wer kann.

Wie ist es Ihnen psychisch gegangen?
Ja, es waren unglaubliche Schmerzen. Aber nach den Monaten vorher, die ich sarkastisch mit Krebs im Endstadium verglichen habe, irgendwie auch eine Erlösung. Du leidest, leidest, leidest. Irgendwann bist du froh, wenn es vorbei ist. Zumindest für den Moment. Es sind unfassbare Kräfte, die man da emotional vergeudet hat, weil man halt brutal dran hängt. Ich hatte ziemlich schnell mehrere berufliche Perspektiven. Deshalb musste ich keine Zukunftsangst haben, was nicht unwesentlich ist, wenn man zwei heranwachsende Kinder hat.

Gekürzte Fassung aus dem Buch./Ende der Serie

Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de
Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de © SZ

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