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Dynamos letzter Bundesliga-Torschütze hält den Rekord

Keiner hat für mehr Klubs in der Fußball-Bundesliga gespielt als Michael Spies, einer von "Dynamos vergessenen Helden". Wie es dazu kam, erzählt diese Geschichte.

Ein kleiner Klaps im Vorbeigehen: Michael Spies (r.) trifft auf Bayerns Markus Schupp – und für Dynamo in der Bundesliga sechsmal ins Tor. Heute berät er Spieler als Sportmanager.
Ein kleiner Klaps im Vorbeigehen: Michael Spies (r.) trifft auf Bayerns Markus Schupp – und für Dynamo in der Bundesliga sechsmal ins Tor. Heute berät er Spieler als Sportmanager. © Marion Gröning

Dresden. Turbulent ist es bei Dynamo immer, sportlich geht es rauf und runter, aber diese Zeit war eine besonders spannende: Von 1992 bis 1995 spielten die Schwarz-Gelben in der Bundesliga. Wie wertvoll das war, zeigt sich erst im Rückblick, denn seit dem Zwangsabstieg und Lizenzentzug ist Dresden im Fußball bestenfalls zweitklassig. Die Helden von damals sind jedoch fast in Vergessenheit geraten. Deshalb gibt es jetzt ein Buch, in dem ihre Geschichten in 55 Porträts erzählt werden, dazu kommen die Trainer von damals zu Wort.

Die SZ bringt in einer Serie einige Auszüge aus der Saison 1994/95, in der Dynamo den Klassenerhalt sportlich verpasste und wirtschaftlich in heftige Turbulenzen geriet. Es war auch das Jahr, in dem einige etwas „schräge“ Typen nach Dresden kamen – wie Michael Spies.

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Dynamo ist bereits seine sechste Station – und nicht die letzte. Mit dem VfL Wolfsburg steigt er 1997 noch mal auf. Für mehr Vereine hat in der Bundesliga kein anderer gespielt. Dabei sagt Michael Spies über sich selbst: „Ich bin ein bodenständiger Typ, zurückhaltend, vorsichtig.“ Deshalb ist er nach seiner Karriere nicht Trainer geworden, springt aber gerne ein, wenn ihn ein Verein in der Region wie der MTV Gifhorn um Hilfe bittet. 

Seit Jahren ist er mit seiner Lebensgefährtin im niedersächsischen Meine zu Hause. Das zweite Haus haben sie so gebaut, dass sie darin alt werden können, wie er erzählt. „Als Trainer müsste man bereit sein, überallhin zu ziehen, wo es einen Job gibt, nicht nur innerhalb von Deutschland. Das war für mich nie eine Option.“

Michael Spies lebt im niedersächsischen Meine.
Michael Spies lebt im niedersächsischen Meine. © Sven Geisler

Vermutlich hatte er zuvor als Profi genug Umzugskartons packen und schleppen müssen, auch das nicht freiwillig. „Ich als gebürtiger Stuttgarter hätte nichts dagegen gehabt, 15 Jahre lang beim VfB zu spielen“, sagt Spies. Doch es sollte anders kommen, obwohl es für ihn vielversprechend losgeht: Gleich in seinem ersten Bundesligaspiel im März 1986 erzielt er das Tor zum 1:0 in Düsseldorf, allerdings ist nicht er danach der gefeierte Held, sondern Jürgen Klinsmann. Der trifft nämlich fünfmal für den VfB, Endstand 7:0. 

Der Konkurrenzkampf in der Mannschaft ist groß, seine Position im offensiven Mittelfeld mit dem technisch versierten Asgeir Sigurvinsson und dem schussstarken Karl Allgöwer außergewöhnlich stark besetzt. Spies, damals gerade 20, lässt sich zum Zweitligisten SSV Ulm ausleihen.

Nach einem Jahr geht er zum Karlsruher SC, trumpft mit Toren und Vorlagen auf, sodass Spies sogar ins Blickfeld von Teamchef Franz Beckenbauer gerät. Doch für eine Einladung zur Nationalmannschaft, glaubt Spies, müsse er bei einem Spitzenklub spielen. Also packt er erneut seine Koffer. Wenn er geahnt hätte … 

Der Gedanke kommt ihm unweigerlich beim Blick zurück, aber er verwirft ihn genauso schnell. „Man trifft manchmal Entscheidungen im Leben, die man erst hinterher bewerten kann.“ Während der KSC international für Furore sorgt, kämpft Spies nun mit Borussia Mönchengladbach gegen den Abstieg. „Natürlich ist das nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte.“

Das Siegtor gegen Barcelona

Nächste Station: Hansa Rostock. Der letzte Meister des Ostens darf wie Dynamo zur Saison 1991/92 in der gesamtdeutschen Eliteklasse mitspielen. Außerdem im Europapokal, in der ersten Runde gleich das große Los mit dem FC Barcelona. Doch der vermeintliche Höhepunkt gerät in der Wendezeit beinahe zum Geisterspiel, nur 8.500 Zuschauer verlieren sich im Ostseestadion. „Die Menschen bangten um ihre Arbeitsplätze, niemand wusste, wie es weitergeht, es gab so viele Unwägbarkeiten. Fußball war Nebensache.“

Nicht für Spies. Er erzielt das Tor zum 1:0-Sieg, sensationell, auch wenn das Rückspiel im legendären Camp Nou mit 0:3 verlorengeht. „Wir hatten eine tolle Mannschaft, hätten nie absteigen dürfen. Aber wenn man nach drei Siegen zum Auftakt, darunter in München bei den Bayern, den Trainer rausschmeißen will, fragt man sich: Was ist denn hier los?“
Gerd Kische, in den 1970er-Jahren DDR-Nationalspieler, lag im Clinch mit West-Import Uwe Reinders. „Irgendwann war mir klar: Wir haben sportlichen Erfolg – und einen Vollidioten als Präsidenten“, sagte Reinders im Interview mit dem Kicker über Kische. Für Spies ist es statistisch die beste Saison mit 13 Toren und zehn Vorlagen. Doch Hansa verpasst nach Querelen den Klassenerhalt.

Wieder Umzug. Diesmal westwärts zum Hamburger SV. In zwei Jahren wird er nie Stammspieler, sein Vertrag läuft aus. Für eine Ablösesumme von 450.000 D-Mark ist er beinahe ein Schnäppchen. Die Anfrage von Dynamo kommt ihm gerade recht, sein Vater leitet in Dresden die Niederlassung einer großen Baufirma, hat hier seine zweite Frau kennengelernt. Er ist nicht sein Berater, aber sein Ratgeber, handelt den Vertrag mit aus, der bis 1996 gilt und eine Option für ein weiteres Jahr enthält.

Spies weiß vor der Unterschrift, dass es im Verein turbulent werden kann. „Das darf es sein, aber es sollte kein Chaos herrschen.“ Genau das war jedoch bald der Normalzustand bei Dynamo: personelle Querelen, finanzielle Probleme, sportliche Talfahrt. „Eigentlich ist jeder für seine Leistung selbst verantwortlich, das sollte man nicht als Alibi nehmen. Aber das Drumherum bekommt man ja mit, es beeinflusst einen indirekt. Vielleicht waren wir deshalb nicht so eingeschworen wie im Jahr davor und haben keine Konstanz hinbekommen“, meint Spies. „Du musst sicher nicht mit jedem ein Bier trinken gehen nach dem Spiel, aber auf dem Platz muss man sich akzeptieren und respektieren.“

Der Offensivmann ist am Ende mit sechs Treffern Dynamos zweitbester Torschütze nach dem Schweden Johnny Ekström, der einmal öfter getroffen hat. „Ich wäre mit in die zweite Liga gegangen“, sagt Spies. Aber nach dem Lizenzentzug wollte er sich die Regionalliga nicht antun, zudem brauchte Dynamo dringend die Ablöse.

Jeder Wechsel ein Abenteuer

Der VfL Wolfsburg, der sich zuvor schon Matthias Stammann aus der Dresdner Auflösungsmasse geholt hatte, zahlte für Matthias Maucksch und Michael Spies im Paket eine Million D-Mark. „Der VfL wollte den Aufstieg in die Bundesliga, das hat mich gereizt“, erklärt Spies.

Im zweiten Jahr schaffen sie es, mit Sven Ratke ist ein vierter Ex-Dynamo dabei. „Einen solchen Teamgeist wie beim VfL in diesem Jahr habe ich sonst nirgends gespürt. Wir haben uns auch mal die Meinung gegeigt, ohne dass der Trainer (Willi Reimann/d. A.) davon etwas mitbekommen hat. Wenn es etwas zu regeln gab, hat das die Mannschaft untereinander geklärt.“

Spies ist wieder oben, spielt für den siebenten Verein in der Bundesliga. Insgesamt stehen 219 erstklassige Einsätze, 46 Tore und 22 Vorlagen in seiner Statistik. Er könnte sicher ein paar ganz nette Anekdoten preisgeben, doch das ist nicht seine Art. „Manche Dinge erzählt man einfach nicht.“ Spies wundert sich selbst ein wenig, dass ausgerechnet er zu einem Wandervogel geworden ist, meint dann aber: „Jeder Wechsel ist irgendwie ein Abenteuer. Bei mir hat es immer nachvollziehbare Gründe gegeben.“ Irgendwann hat er es akzeptiert. „Als Fußball-Profi muss man flexibel sein.“

An das Jahr in Dresden erinnert er sich gern – trotz des bitteren Endes. Dynamo spielt am 17. Juni 1995 in Leverkusen. „Wir wollten uns unbedingt mit einem guten Ergebnis verabschieden.“ Spies erzielt das Tor zum 2:2, es ist bislang das letzte für die Dresdner in der Bundesliga. „Der Abstieg war natürlich sehr schade für diesen Traditionsverein mit seinen irre vielen Fans. Ich bin froh, dass Dynamo wieder auf die Beine gekommen ist“, meint Spies.

(Gekürzte Fassung aus dem Buch: Dynamos vergessene Helden.)

Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de
Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de © SZ

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