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Bei Dynamo gefeuert, begnadigt, abgeschoben

Auch Andreas Sassen gehört zu "Dynamos vergessenen Helden" der Bundesliga-Zeit. Allerdings war seine Alkoholsucht stärker als sein Fußball-Talent - ein Porträt.

Wirklich willkommen war er in Dresden nicht. Andreas Sassen hat für Dynamo sechsmal gespielt, sorgte aber mit einigen Eskapaden für Aufsehen - nicht nur in Dresden. Er starb mit 36 Jahren.
Wirklich willkommen war er in Dresden nicht. Andreas Sassen hat für Dynamo sechsmal gespielt, sorgte aber mit einigen Eskapaden für Aufsehen - nicht nur in Dresden. Er starb mit 36 Jahren. © Wolfgang Wittchen

Turbulent ist es bei Dynamo immer, sportlich geht es rauf und runter, aber diese Zeit war eine besonders spannende: Von 1992 bis 1995 spielten die Schwarz-Gelben in der Bundesliga. Wie wertvoll das war, zeigt sich erst im Rückblick, denn seit dem Zwangsabstieg und Lizenzentzug ist Dresden im Fußball bestenfalls zweitklassig. Die Helden von damals sind jedoch fast in Vergessenheit geraten. Deshalb gibt es jetzt ein Buch, in dem ihre Geschichten in 55 Porträts erzählt werden, dazu kommen die Trainer von damals zu Wort.

Die SZ bringt in einer Serie einige Auszüge aus der Saison 1994/95, in der Dynamo den Klassenerhalt sportlich verpasste und wirtschaftlich in heftige Turbulenzen geriet. Es war auch das Jahr, in dem einige etwas „schräge“ Typen nach Dresden kamen – wie Andreas Sassen.

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Er spielt noch einmal 90 Minuten, dann ist endgültig Schluss. Andreas Sassen kommt am 11. März 1995 zum letzten Mal bei Dynamo zum Einsatz, danach taucht er ab. Erboste Fans wollen ihn fast täglich in den Kneipen nahe seiner Wohnung im Stadtteil Löbtau gesehen haben. Präsident Rolf-Jürgen Otto versucht zu beschwichtigen: „Herr Sassen hat sich bei mir gemeldet, er ist krank.“ Das war nicht einmal falsch, denn der erst 27 Jahre alte Fußballprofi ist Alkoholiker.

Im Stadion hängen sie ein Plakat mit dem spöttischen Spruch auf: „Hoch die Tassen, Herr Sassen!“ Er ist begabter als die meisten, kommt aber mit Ruhm und Reichtum nicht klar. Es ist eine menschliche Tragödie, die sich in Dresden dramatisch zuspitzt. Turbulent geht es schon los, woran Sassen jedoch keine Aktie hat. Als der vom Hamburger SV verpflichtete Neuzugang am Vormittag des 22. November 1994 ankommt, leitet noch Sigfried Held das Training, am Nachmittag hat bereits Horst Hrubesch übernommen.

Schnell Kontakt zu geselligen Runden

Sassen ist trotzdem zufrieden und verkündet: „Ich hatte zwar auch ein Angebot aus England, doch ich möchte noch zwei, drei Jahre in der Bundesliga spielen.“ Tatsächlich steht der Mittelfeldspieler beim 1:1 gegen den Karlsruher SC gleich in der Startelf und spielt danach beim 1:2 gegen die Bayern in München von Anfang an. Bei beiden Auftritten sei er untergetaucht, habe keine spielerische Bindung zur Mannschaft gefunden, schrieb die SZ – und weiter: „Dafür soll er schnell Kontakt zu geselligen Runden gefunden haben, war in der Gerüchteküche zu erfahren.“

Sein Durst ist jedenfalls so groß, dass Sassen noch die Nacht in einer Disco durchzecht und am nächsten Morgen das Training schwänzt. Hrubesch ist außer sich: „Der wohnt im gleichen Hotel wie ich, hat mich nicht informiert, und wir haben einen Tag gebraucht, ehe wir ihn gefunden haben.“

Die logische Konsequenz: Dynamo setzt Sassen vor die Tür, die fristlose Kündigung nach nur 13 Arbeitstagen. Die Einzelheiten der Suspendierung werden zunächst verschleiert – „zum Schutze des Spielers und zur Wahrung der Interessen des Vereins“, wie es heißt. „Die Gründe sind jedoch in der Person des Spielers und in seinem Verhalten außerhalb des Spielfeldes zu suchen.“ Dynamo versucht, die Ablösesumme von 700.000 D-Mark für Sassen zu sparen, wirft dem HSV vor, dessen gesundheitliche Probleme verschwiegen zu haben.

Gut möglich, dass sich die Hamburger ins Fäustchen gelacht haben, als sie den Problemfall abschieben konnten. Doch der Vorwurf ist letztlich haltlos. „Jeder, der sich mit Bundesliga-Fußball beschäftigt, weiß, dass wir Andreas Sassen im Oktober 1993 schon einmal wegen eines Alkoholdelikts abgemahnt und mit einer Geldstrafe belegt haben“, entgegnete Hamburgs Manager Heribert Bruchhagen. „Mehr war uns nicht bekannt.“

Der angesprochene Vorfall: Nach einer feuchtfröhlichen Nacht mit Harald Spörl auf der Reeperbahn legt sich Sassen mit einem türkischen Taxifahrer an. „Fahr schneller, Ali!“, soll er ihn angeraunzt haben. Und weil es ihm nicht schnell genug ging, wurde er handgreiflich. Vom HSV setzte es eine Abmahnung und eine Geldstrafe in Höhe von 12.500 Mark.

Seine erste Eskapade ist es indes nicht. Schon 1989, als Sassen noch bei seinem Heimatverein Schwarz-Weiß Essen spielte, war er nach einem Saufgelage mit Mario Basler erwischt worden – am Steuer. Die Polizei ermittelte einen Spitzenwert von 1,9 Promille, zog den Führerschein ein. Und Sassen tönte hinterher: „Ich habe noch nie einen Führerschein verloren, ich habe gar keinen.“ Auch in Dresden fuhr Sassen dann nicht selbst, sondern Ersatztorwart Marc Schwarzer, als sie einen Unfall bauten und 50.000 Mark Sachschaden verursachten. Noch vor dem Rausschmiss.

Vorwurf der arglistigen Täuschung

Andreas Sassen vor der Dresdner Hofkirche. Im November 1994 galt der Neuzugang vom Hamburger SV als Verstärkung für Dynamo, doch er bestätigte nur seinen schlechten Ruf.
Andreas Sassen vor der Dresdner Hofkirche. Im November 1994 galt der Neuzugang vom Hamburger SV als Verstärkung für Dynamo, doch er bestätigte nur seinen schlechten Ruf. © Archivfoto: Frank Dehlis

Dynamo kommt also nicht durch mit dem Vorwurf der arglistigen Täuschung durch den HSV und muss die vereinbarte Summe zahlen, für die ein Sponsor einspringt. Was tun? Sassen loszuwerden, erst recht gewinnbringend, war angesichts seines Rufes schier unmöglich geworden. Also musste man einen Weg finden, ihn wieder einigermaßen aufzupolieren. Nach einer Woche macht der Verein die Rolle rückwärts. In einer von Präsident Otto unterzeichneten Presseerklärung gibt Dynamo bekannt, dass „nach einem langen und intensiven Gespräch (…) alle Meinungsverschiedenheiten“ mit Sassen beigelegt seien. Ab sofort werde er wieder uneingeschränkt am Spiel- und Trainingsbetrieb teilnehmen.

Ein fatales Zeichen an die anderen, denn die Rolle des reumütigen Sünderleins passt nicht zu dem Enfant terrible, das in den Kreisen verkehrt, in denen Schluckfähigkeit als Maßstab für Männlichkeit gilt. „Wodka-Andy“ nennen sie ihn. Nüchtern soll Sassen sehr sympathisch gewesen sein, alkoholisiert aber unberechenbar. Bei Dynamo macht Sassen noch vier Spiele. Nach einem Monat ist der Zauber vorbei und er endgültig raus. Er hat Glück, erhält ein Angebot von Dnjepr Dnjepropetrowsk und wechselt in die Ukraine.

Trainer Bernd Stange: Aus meiner Sicht Alkoholiker

„Aus meiner Sicht war er Alkoholiker“, sagt Bernd Stange, damals Trainer bei Dnjepr. „Er hätte von seiner Vita her in mein Konzept gepasst. Was er erlebt hatte! Spieler mit solchen Erfahrungen hatte ich sonst nicht im Kader“, erklärt der Oberlausitzer. „Deshalb habe ich ihn geholt, aber er konnte sich absolut nicht anpassen. Als wir im Trainingslager in Österreich waren, ist er dort zwei Tage abgetaucht. Ich habe ihn dann rausgeworfen und gar nicht mehr mit zurückgenommen. Wenn man zehn Spieler holt, hat man siebenmal Glück und dreimal Pech. Ein paar Irrtümer hatte ich auch, Sassen war einer.“

Nach einem halben Jahr ist Sassen zurück in Deutschland, bekommt beim Zweitligisten Wattenscheid 09 seine nun wirklich letzte Chance – und schafft es, seine bisherigen Skandale noch mal zu toppen, als sich die Mannschaft in Portugal auf die Rückrunde vorbereitet. Im Trainingslager an der Algarve brennt er mit der niederländischen Bardame durch und wird für einige Tage als vermisst gemeldet. Daheim saß seine Frau Petra mit dem neun Wochen alten Sohn.

Seine Karriere ist ruiniert, das Geld weg. „Das habe ich alles versoffen und verzockt“, hat er selbst einmal gesagt. Zuletzt schlägt sich Sassen in Essen als Hilfsgärtner beim Grünflächenamt der Stadt durch, am 17. Oktober 2004 stirbt er an den Folgen eines Gehirnschlags. Was bleibt, ist Statistik: 79 Bundesliga-Spiele, sechs Tore. Die Bilanz eines tragisch Gescheiterten.

(Gekürzte Fassung aus dem Buch: Dynamos vergessene Helden.)

Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de
Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de © SZ

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