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"Es wird im Osten aber auch zu viel gejammert"

In einem Doppel-Interview üben Kult-Trainer Ede Geyer und Ex-Profi Steffen Heidrich scharfe Kritik an Dynamo - bei allem Verständnis für den Corona-Frust.

Eduard Geyer winkt den Dynamo-Fans im Stadion. Jetzt analysiert der Kult-Trainer die vorige Saison - und ist in seiner Kritik gewohnt schonungslos.
Eduard Geyer winkt den Dynamo-Fans im Stadion. Jetzt analysiert der Kult-Trainer die vorige Saison - und ist in seiner Kritik gewohnt schonungslos. © dpa/Thomas Eisenhuth

Dresden. Die Aussage provoziert, erst recht nach dieser Saison. Dynamo Dresden ist aus der zweiten Liga abgestiegen, Carl Zeiss Jena und der Chemnitzer FC verpassten den Klassenverbleib in der 3. Liga, Lok Leipzig scheiterte in der Relegation am SC Verl und hängt weiter in der Viertklassigkeit fest, Erfurt und Nordhausen sind pleite gegangen. Und dann kommt einer und sagt: "Es wird im Osten auch zu viel gejammert."

Steffen Heidrich kann sich ein solches Urteil anmaßen. Er hat in seiner Profi-Karriere für vier Ost-Klubs gespielt: beim FC Karl-Marx-Stadt/Chemnitzer FC, VfB Leipzig, Energie Cottbus und Dynamo. Bei den Schwarz-Gelben war er von 2001 bis 2004 der Leitwolf bei den Aufstiegen erst in die Regionalliga und dann in die 2. Bundesliga. Anschließend war der jetzt 53-Jährige in Dresden, Cottbus und Aue als Teammanager und Sportdirektor tätig.

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Im Doppel-Interview mit Trainer-Legende Eduard Geyer für das Fachmagazin Kicker bezieht Heidrich nun Stellung zum Zustand des Fußballs im Osten. Das Fazit lässt sich auf einen Nenner bringen: "Es gab schon andere Zeiten, in denen Klubs aus wenig viel gemacht haben. Wie Cottbus oder Rostock. Entscheidend ist, dass man im Klub einen guten Kern hat - und Konstanz." Das war die Erklärung für das Fußball-Wunder in der Lausitz. Geyer führte Cottbus als Trainer ins Pokalfinale 1997 (0:2 gegen den VfB Stuttgart) und 1999/2000 in die Bundesliga.

Steffen Heidrich bestritt für Dynamo zwischen 2001 und 2008 insgesamt 88 Spiele und erzielte 21 Tore. Er war nach seiner Karriere als Profi zunächst Teammanager bei den Schwarz-Gelben, hat danach bei Energie Cottbus und Erzgebirge Aue als Sportdirektor ge
Steffen Heidrich bestritt für Dynamo zwischen 2001 und 2008 insgesamt 88 Spiele und erzielte 21 Tore. Er war nach seiner Karriere als Profi zunächst Teammanager bei den Schwarz-Gelben, hat danach bei Energie Cottbus und Erzgebirge Aue als Sportdirektor ge © Robert Michael

Vor allem Letzteres habe Dynamo in den vergangenen zwei Jahren gefehlt, meint Heidrich. "Das zeigt schon, dass sie in dieser Zeit vier verschiedene Trainer hatten." Geyer ergänzt: "Der letzte Trainer mit einer klaren Philosophie war Uwe Neuhaus." Der wurde nach der Saison 2017/18 zunächst infrage gestellt und demontiert, bis man sich im August 2018 nach zwei Spielen in der zweiten Liga und der Pokal-Blamage beim Viertligisten Rödinghausen trennte. Es folgten Maik Walpurgis und Cristian Fiel, nun versucht Markus Kauczinski nach dem Abstieg Aufbauarbeit zu leisten.

Dynamo wegen Quarantäne klar benachteiligt

Die Umstände wegen der Corona-Pandemie sehen auch die Kicker-Experten Heidrich und Geyer als klare Benachteiligung an, weil Dynamo "in dem ohnehin schon eng gepressten Terminkalender wegen der Quarantäne noch mal drei Spiele mehr bestreiten" musste. Was den Vorstoß des Vereins bei der Deutschen Fußball-Liga betrifft, den Abstieg zu annullieren und in der nächsten Saison mit 20 Mannschaften in der zweiten Liga zu spielen, zeigt Geyer Verständnis: "Ich denke, es ist normal, dass Dynamo in seiner Situation alles versucht."

Sie sind jedoch nicht überrascht, dass der Antrag vom Präsidium der DFL abgelehnt worden ist. Dynamo habe, das geht aus ihren Antworten hervor, ein Image-Problem. "Die Lobby musst du dir aber auch erarbeiten", sagt Heidrich. Dynamo und seine Fans hätten "in den letzten Jahren nicht gerade den besten Eindruck hinterlassen". Das spielt auf die immer wiederkehrenden Vorkommnisse vor allem mit Pyrotechnik und bei Auswärtsspielen an, Geyer nennt aber noch einen wesentlicheren Aspekt. "Ich sehe es so: Wenn ein Verein immer wieder Probleme macht, welche Reaktion ist dann menschlich?", fragt der 75 Jahre alte Meistertrainer von 1989 - und meint: "Man muss sich bei Dynamo fragen, ob es etwas bringt, wenn man ständig gegen die Verbände wettert."

Heidrich nennt ein Beispiel für den Unmut vieler Fans der Schwarz-Gelben: Dynamo wurde als einziger Verein von der Bundesliga in die Drittklassigkeit abgestuft. 1995 waren die Dresdner zwar sportlich abgestiegen, erhielten aber wegen Schulden in Höhe von umgerechnet 9,2 Millionen Euro auch für die zweite Liga keine Lizenz. Seine Mutmaßung: "Borussia Dortmund hätten sie nie so runtergestuft, als der Klub Anfang 2000 quasi tot war."

Eduard Geyer (l.) als Trainer und Steffen Heidrich als Kapitän führten den FC Energie Cottbus in der Saison 1999/2000 sensationell zum Aufstieg in die Bundesliga
Eduard Geyer (l.) als Trainer und Steffen Heidrich als Kapitän führten den FC Energie Cottbus in der Saison 1999/2000 sensationell zum Aufstieg in die Bundesliga © Lutz Hentschel

Von diesem Rückschlag erholte sich der Verein lange nicht, erst mit Trainer Christoph Franke und Spielern wie Heidrich gelang es ab Sommer 2001, den achtmaligen DDR-Meister aus der Viertklassigkeit wieder nach oben zu bringen. Seitdem hat Dynamo dreimal den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft, ist nach zwei, drei und nun vier Jahren aber immer wieder abgestiegen. "Ein großes Problem bei den Klubs wie etwa Dynamo ist, dass man immer noch in früheren Zeiten schwelgt", sagt Geyer. 

Das Anspruchsdenken schürt die Erwartungshaltung. Jedes Mal spielten die Schwarz-Gelben eine sehr gute erste Saison in der zweiten Liga, jedes Mal weckte das im Umfeld die Hoffnung auf den nächsten Schritt. Als der nicht klappte, wuchs die Unzufriedenheit, wurden hektisch Personen ausgetauscht, anstatt auf eine kontinuierliche Entwicklung zu setzen. 

"Ich hätte die Spieler nicht duschen lassen"

Für die abgelaufene Saison, darin sind sich Geyer und Heidrich einig, war Dynamo von vornherein nicht gut genug aufgestellt. Der Mannschaft habe eine Hierarchie gefehlt, wegen der vielen kleinen Spieler habe es ein Problem mit der Physis gegeben, meint Heidrich: "Gerade die zweite Liga ist brutal, da muss man gegenhalten können." Geyer hatte zudem in vielen Spielen nicht das Gefühl, "dass da eine Mannschaft auf dem Platz stand, die wirklich gegen den Abstieg gekämpft und sich mit allen Mitteln gewehrt hat".

Seine gewohnt deutliche Ansage: "Ich hätte damals in Cottbus die Spieler nicht duschen lassen, wenn sie einen Schritt zu wenig gemacht hätten. Das war mir bei Dynamo zu viel Wiener Walzer." Man sei mental nicht in der Lage gewesen, sich in komplizierten Situationen zu behaupten. Auch er führt das auf die Zusammensetzung des Kaders zurück. Heidrich stimmt zu: "Ich hätte mir jedenfalls die Emotionen, die Chris Löwe im Fernseh-Interview gezeigt hat, von ihm und anderen mal auf dem Platz gewünscht. Das war zu wenig."

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Die bisherigen Zugänge lassen hoffen, meint Heidrich zur Perspektive. Geyer prophezeit ein schwieriges Jahr. Er äußert sich auch  zum Wechsel des Sportgeschäftsführers. Im Nachhinein könne man sagen, dass Ralf Minge viele Fehler gemacht habe. "Aber Ralf war ein Mann, der sich immer 100-prozentig für Dynamo eingesetzt und alles geopfert hat, um den Verein zu stabilisieren." Das müsse Ralf Becker erst beweisen.

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