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Warum sich Dynamos Ex-Kapitän arbeitslos meldet

Für Marco Hartmann kommt die Corona-Zwangspause zur Unzeit. Ärgern will er sich nicht. Stattdessen erzählt er von Stöckchen und Steinchen, Geld und Mittagsschlaf.

Dynamo-Profi Marco Hartmann verbringt viel Zeit mit seinem Sohn im Park und an der Elbe.
Dynamo-Profi Marco Hartmann verbringt viel Zeit mit seinem Sohn im Park und an der Elbe. © Karina Hessland-Wissel

Dresden. Sie hatten ihm viele Besucher versprochen: Großeltern, Tanten. Onkels, Cousinen und Cousins. Doch daraus wurde nichts. „Wir haben allen abgesagt“, erzählt Marco Hartmann. Sein Sohn Carlie hat seinen dritten Geburtstag am Wochenende allein mit seinen Eltern verbracht – wie derzeit jeden Tag. „Wir sind möglichst vormittags und nachmittags draußen. In der Nähe unserer Wohnung gibt es im Waldpark genug Stöckchen und Äste zum Spielen. Oder wir gehen an die Elbe, ein paar Steinchen ins Wasser werfen“, erzählt der Fußball-Profi von Dynamo Dresden über den Alltag, der alles andere als alltäglich ist.

Wie die gesamte Zweitliga-Mannschaft ist Hartmann wegen der Corona-Pandemie zu Hause, geht alleine laufen und absolviert seine Übungen für Kraft und Stabilisation. „Das ist auch mal ganz lustig, wenn der Kleine nebenbei auf mir rum turnt.“ 

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Ein Ersatz für Mannschaftstraining ist das nicht. „Man kann sicher die Fitness einigermaßen erhalten, aber durch meine Reha-Erfahrungen weiß ich: Das spiegelt nicht die Bewegungen wider, die man auf dem Fußballplatz in einer Spielform hat“, meint Hartmann. „Wenn du wieder richtig anfängst, hast du Muskelkater hier und dort. Der Körper muss sich an die spezielle Belastung erst wieder gewöhnen.“

Die Fast-Lungenentzündung vom Januar ist überstanden

Deshalb ist er skeptisch, dass die Saison nach einer Pause – wie lang sie letztlich sein mag – gleich fortgesetzt werden könnte. „Es ist alles machbar, aber was sollte dabei rauskommen?“ Nach dreieinhalb Wochen Urlaub im Sommer habe man sechs Wochen Vorbereitung. Zwei bis drei sollten es vor einem Neustart sein, meint er.

Er selbst hatte erst einen, ist bei den Siegen in Regensburg und gegen Aue jeweils in der Schlussminute und für die Nachspielzeit eingewechselt worden. Nach seiner Leidenszeit durch Verletzungen und Krankheiten trifft Hartmann die Zwangspause besonders hart. Könnte man glauben. „Ich bin jemand, der rational denkt“, entgegnet er. „Wenn du auf etwas null Einfluss hast, brauchst du dich darüber nicht zu ärgern. Das erlebt im Moment quasi jeder, es ist eine Ausnahmesituation.“

Trotzdem ist seine durchaus speziell, denn im Januar wurde bei Hartmann eine beginnende Lungenentzündung festgestellt. Deshalb konnte er nicht mit ins Trainingslager nach Spanien fliegen. Als besonders gefährdet für das Corona-Virus sieht er sich deswegen nicht. „Es war ein Ansatz, erhöhte Werte. Mit Antibiotika hatte sich das nach drei Tagen erledigt“, sagt er. 

„Ich habe in den Wochen und Monaten danach Leistungssport betrieben, ohne Probleme mit der Lunge zu bekommen. Deshalb glaube ich nicht, dass etwas hängengeblieben ist, wodurch ich vorbelastet wäre.“

Ab 1. Juli hat er sich arbeitslos gemeldet

Hartmann wollte in den verbleibenden Spielen der Mannschaft auch mit Kurzeinsätzen im Abstiegskampf helfen und sich selbst in Erinnerung bringen. Denn sein Vertrag bei Dynamo läuft im Juni nach sieben Jahren aus, Gespräche hatten er und Sportgeschäftsführer Ralf Minge aufgrund der sportlichen Ungewissheit bereits vor dem Corona-Stopp auf später verschoben.

„Ich habe mich bei der Agentur für Arbeit als arbeitslos gemeldet. Das ist die Sicherheit, die ich ab 1. Juli habe. Zum Glück leben wir in einem Sozialstaat“, sagt Hartmann – und fragt rhetorisch: „Welcher Manager denkt jetzt darüber nach, Verträge für die Zukunft zu unterzeichnen, wenn kein Mensch weiß, wie es weitergeht?“ Sorgen mache er sich nicht, sondern hält an seinem Plan fest, seine Karriere als Fußballer noch zwei Jahre fortzusetzen. „Darauf habe ich Bock.“ 

Die Chance würde er sich erst einmal geben, sagt er, aber: „Es wird nicht so kommen, dass ich ewig auf Kosten des Staates rumhänge und darauf warte, dass doch noch irgendein Verein anklopft.“

Nach dem Fußball: vielleicht eine Karriere als Lehrer

Spätestens nach einem Jahr würde er es für sich neu bewerten. „Ich denke, ich bringe einige Qualitäten mit, die man gebrauchen kann: ob im Fußball oder wo auch immer.“ Zum Beispiel in der Schule. Schon zu seiner Zeit beim Halleschen FC hat Hartmann Mathe und Sport auf Lehramt studiert, lediglich das Referendariat fehlt ihm, um am Gymnasium unterrichten zu dürfen. „Das wäre natürlich eine Option, das im Februar nächsten Jahres anzufangen.“

Nach anderthalb Jahren wäre er fertig und könnte, wie es ihm vorschwebt, freiwillig eine Auszeit nehmen, um mit Frau Jule – Lehrerin am Gymnasium Bürgerwiese –, Carlie und dessen Bruder, der bald geboren wird, durch die Welt zu reisen. Sofern es die Welt dann wieder zulässt. Sie wird eine andere sein, auch die Fußballbranche sich verändern, glaubt und hofft Hartmann. „Man sieht, wie empfindlich einzelne Vereine sind und wie viel Geld unnötig rausgeschmissen worden ist.“

Was nach der Zwangspause von Corona bleiben könnte

Dafür könne man keinem einzelnen Klub einen Vorwurf machen, es sei vielmehr das Konstrukt. „Die Krise sollte zumindest ein Anstoß sein, über Szenarien nachzudenken, wie sich die Finanzspirale zurückdrehen lässt.“ Es werde den Menschen, auch den Fans, in Zukunft noch schwieriger zu vermitteln sein, wenn im Fußball solche Unsummen als Ablöse für Spieler und an Gehältern gezahlt werden. „Man sollte darauf achten, dass es in einem gewissen Rahmen bleibt.“

Möglicherweise sagt das ein Manager der Zukunft. Bislang zeigt er kein Interesse, bei Dynamo als Nachfolger von Sportchef Minge aufgebaut zu werden, dessen Vertrag ebenfalls am 30. Juni endet. „Was Ralf leistet und leisten muss, steht im Konflikt zu meinen Vorstellungen von einem privaten Leben“, hat Hartmann im Gespräch mit der SZ unlängst gesagt. Jetzt spannt ihn Carlie ein, zum Beispiel, wenn der Zoo im Kinderzimmer aufgebaut werden soll. „Ich mache auch den Mittagsschlaf komplett mit“, erzählt Hartmann – und lacht.

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