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Dynamo-Torwart: Lieber Geisterspiele als gar nichts

Kevin Broll ist froh, ein bisschen dummes Gebabbel von den Mitspielern zu hören. Ansonsten macht er sich in der Corona-Krise ernsthafte Gedanken - das Interview.

Torwart Kevin Broll darf wieder Bälle parieren. Seit Mittwoch trainiert Dynamo in kleinen Gruppen. Er ist mit Ersatzkeeper Tim Boss und Torwartcoach Brano Arsenovic auf dem Platz im Rudolf-Harbig-Stadion.
Torwart Kevin Broll darf wieder Bälle parieren. Seit Mittwoch trainiert Dynamo in kleinen Gruppen. Er ist mit Ersatzkeeper Tim Boss und Torwartcoach Brano Arsenovic auf dem Platz im Rudolf-Harbig-Stadion. © Dennis Hetzschold

Dresden. Vor vier Wochen hat Dynamo das Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue mit 2:1 gewonnen, das Rudolf-Harbig-Stadion war mit 30.753 Zuschauern ausverkauft. Die Erinnerung wirkt wie aus einer völlig anderen Zeit. Die Corona-Pandemie hat den Fußball gestoppt, doch er darf langsam wieder anrollen. Seit Mittwoch trainieren die Dresdner in kleinen Gruppen zu je drei Spielern hinter verschlossenen Türen.

Torwart Kevin Broll spricht im Interview mit der SZ über Muskelkater, Geisterspiele und Solidarität.

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Kevin Broll, wie fühlen Sie sich nach den ersten Trainingseinheiten?

Das spezifische Torwart-Training ist schon etwas ganz anderes als eine Laufeinheit oder individuelles Krafttraining. Da tut nach fast vier Wochen anfangs schon die eine oder andere Stelle mehr weh, weil es einfach eine krass andere Belastung ist, wenn du dich auf den Boden schmeißt, ruckzuck aufstehen musst, als wenn du auf der Matte ein paar Übungen für die Bauchmuskeln oder Kniebeugen machst. Beim Passen, Flanken und Bälle schlagen werden andere Muskelgruppen beansprucht. Es zieht schon überall am Körper.

Vor dieser Saison kam Kevin Broll vom Drittligisten Sonnenhof Großaspach nach Dresden. Anfangs waren viele skeptisch, ob er den mit mächtig viel Theater zu Schalke 04 abgewanderten Markus Schubert ersetzen kann. Doch Dynamos neue Nummer eins erwies sich s
Vor dieser Saison kam Kevin Broll vom Drittligisten Sonnenhof Großaspach nach Dresden. Anfangs waren viele skeptisch, ob er den mit mächtig viel Theater zu Schalke 04 abgewanderten Markus Schubert ersetzen kann. Doch Dynamos neue Nummer eins erwies sich s ©  dpa/Robert Michael

Sie waren zwischenzeitlich bei Ihrer Familie in Mannheim, Ihr Bruder Dennis ist auch Torwart beim VfB Gartenstadt in der Verbandsliga. Haben Sie sich wenigstens mal gegenseitig mit ein paar Torschüssen gefordert?

Das wäre nicht möglich gewesen, die Sportplätze sind gesperrt. Es ist schwierig, sich auf dem Bett oder der Couch die Bälle zuzuschießen. Die Verletzungsgefahr wäre zu groß - auch für die Möbel, die kosten schließlich auch Geld.

Verliert man als Torwart das Gefühl für die Situation, für Flugkurven des Balles?

Das ist schon irgendwo Instinkt, nach so langer Zeit - das war ja wie eine Sommerpause - trotzdem ein bisschen ungewohnt. Das hat man aber schnell wieder drauf, die Bewegungsabläufe sind im Kopf gespeichert, die Automatismen kommen wieder.

Ist das Training seit Mittwoch für Sie eine Rückkehr zur Normalität?

Das kann man so nicht sagen, zumal die Mannschaft aufgeteilt ist und wir nur in kleinen Gruppen zu dritt trainieren. Aber es ist schön, die Jungs zu sehen und - wie man bei uns in Mannheim sagt - ein bisschen dummes Gebabbel zu hören. Das habe ich schon vermisst, mit den anderen ein bisschen zu flachsen, sich mal einen lockeren Spruch reinzudrücken.

Beim Training in kleinen Gruppen halten Dynamos Torhüter Kevin Broll (l.) und Tim Boss den gebotenen Abstand. Auf dem Rasen im Rudolf-Harbig-Stadion ist dafür ausreichend Platz.
Beim Training in kleinen Gruppen halten Dynamos Torhüter Kevin Broll (l.) und Tim Boss den gebotenen Abstand. Auf dem Rasen im Rudolf-Harbig-Stadion ist dafür ausreichend Platz. © Dennis Hetzschold

Dynamo hatte vor der Corona-Pause mit zwei Siegen den Anschluss zu den Nichtabstiegsplätzen hergestellt. Können Sie diesen positiven Lauf mitnehmen?

Ehrlich gesagt, der Schwung ist natürlich verflogen. Jeder Verein, jede Mannschaft muss sich wieder reinfinden. Das wird für alle wie ein Start von null, denke ich. Die zwei Spiele sind lange her, darauf können wir nicht zurückgreifen, sondern müssen unseren Körper wieder in den Rhythmus bringen, um erfolgreich daran anzuknüpfen.

Trainer Markus Kauczinski meint, eine gerechte Lösung für diese Saison müsse man sich abschminken. Welche Variante wäre Ihnen am liebsten?

Ich wünsche mir vor allem, dass es schnell eine Lösung gibt und jeder weiß, wie Plan B ablaufen soll. Das steht aber noch in den Sternen, warten wir also die Telefonkonferenz der Deutschen Fußball-Liga am 17. April ab.

Was halten Sie von der Forderung, die unter anderem der frühere Dynamo-Trainer Eduard Geyer erhoben hat, die Saison abzubrechen - ohne Meister, ohne Absteiger? Davon würde Dynamo - Stand jetzt - doch profitieren.

Darüber kann ich nicht entscheiden, will ich auch nicht. Ich kümmere mich darum, dass ich gesund und fit bleibe, was ich jedem wünsche - auch jedem Spieler, damit da nichts verrutscht. Von mir aus soll es weitergehen. Es wäre insofern eine faire Lösung, dass jeder seine Spiele zu bestreiten hat.

Während des Spieles ist Kevin Broll bei Dynamo einer, der emotional mitgeht und die Vorderleute pusht.
Während des Spieles ist Kevin Broll bei Dynamo einer, der emotional mitgeht und die Vorderleute pusht. ©  dpa/Robert Michael

Wie stehen Sie zu "Geisterspielen" ohne Zuschauer?

Das wäre ungewohnt, klar. Man hat erlebt, was in unserem eigenen Stadion, aber auch bei Auswärtsspielen abgeht, wenn die ganze Bande an Fans auftaucht und uns pusht. Im Sachsenderby gegen Aue hat doch jeder gespürt, wie elektrisiert man auf dem Platz bei einer solchen Atmosphäre ist. Es ist natürlich viel geiler, vor so einer Kulisse zu spielen - auch für jeden Zuschauer, denke ich, die Emotionen der Leute drumherum mitzubekommen. Davon lebt der Fußball, dafür liebt man den Fußball, dafür gehen Zigtausende ins Stadion. Wir spielen den Fußball für die Fans. Es wäre schade, wenn sie draußen bleiben müssen. Aber lieber Geisterspiele als gar nichts wie nun schon seit Wochen.

Inwiefern haben Sie persönlich Ihr Leben in der Corona-Krise umgestellt?

Ich hocke halt viel zu Hause und renne nicht draußen rum, außer, um etwas einzukaufen. Daran ist man mittlerweile gewöhnt. Ich beschäftige mich auch mal mit einem Kochbuch. Meist gibt es aber einfache Gerichte wie Nudeln mit Pesto, natürlich viel Gemüse, eigentlich das, worauf man immer achten sollte.

Sie sind allein in Dresden, fällt Ihnen nicht die Decke auf den Kopf?

Zum Glück darf ich jetzt für zwei, drei Stunden zum Training raus. Ansonsten spiele ich mit den Jungs an der Playstation, um in Kontakt zu bleiben. Ich telefoniere mit Familie und Freunden, mein Bruder arbeitet derzeit im Homeoffice, da quatscht man auch mal zwischendurch.

Was muss sich durch diese Krise ändern?

Erst einmal gilt es, sie so gut wie möglich zu meistern. Man merkt jetzt, wie schnell etwas Unvorhergesehenes passieren kann und vieles nicht mehr so ist, wie wir es gewohnt sind. Es betrifft die komplette Gesellschaft, jeder leidet unter den Einschränkungen. Viele mussten in Kurzarbeit, haben finanzielle Sorgen - das ist nicht so einfach. Wir Fußball-Profis dürfen uns deshalb nicht herausheben.

Endlich wieder gegen den Ball schlagen: Das ist auch für einen Torwart für Kevin Broll nach der Zwangspause ein Glücksgefühl.
Endlich wieder gegen den Ball schlagen: Das ist auch für einen Torwart für Kevin Broll nach der Zwangspause ein Glücksgefühl. © dpa/Christian Charisius

Sie haben die Kurzarbeit angesprochen, die auch viele Mitarbeiter bei Dynamo betrifft. Die Mannschaft hat zu einer Spende von 300.000 Euro beigetragen, von denen 50.000 unter anderem an Krankenhäuser gehen. Der Großteil der Summe kommt den Betroffenen im Verein zugute...

Ja, klar. Es ist eine Selbstverständlichkeit, den Leuten zu helfen, die sonst quasi rund um die Uhr alles dafür geben, damit es rundherum im Verein läuft: Mitarbeiter der Geschäftsstelle, Fanbeauftragte, in der Nachwuchsakademie. Das ist eine Geste der Solidarität, die zeigt, dass wir eine Gemeinschaft sind, jetzt erst recht zusammenstehen und uns unterstützen. Was mir darüber hinaus wichtig ist: Wenn es wieder losgeht, müssen wir auf dem Platz unsere beste Leistung zeigen und den gleichen Aufwand betreiben wie sie.

Der Kampf um den Klassenerhalt in der zweiten Liga ist durch die Corona-Krise in den Hintergrund gerückt, wirkt beinahe skurril. Wie empfinden Sie das?

Nein, das ist bei keinem von uns aus dem Kopf verschwunden, glauben Sie mir! Wir tun deshalb gut daran, dass wir am besten auf 200 Prozent kommen. Daran werden wir arbeiten, damit wir, wenn es weitergeht, volle Kanne da weitermachen, wo wir mit den Siegen in Regensburg und gegen Aue aufgehört haben.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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