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Diesem Dynamo-Neuzugang drohte eine Amputation

Tim Knipping bricht sich im Spiel das Schienbein - danach erlebt er eine dramatische Situation. Nicht nur deshalb ist er ein außergewöhnlicher Fußballprofi.

Tim Knipping sagt nach seiner bedrohlichen Erfahrung: „Ich weiß die kleinen Dinge jetzt viel mehr zu schätzen.“
Tim Knipping sagt nach seiner bedrohlichen Erfahrung: „Ich weiß die kleinen Dinge jetzt viel mehr zu schätzen.“ © Lutz Hentschel

Von Daniel Klein, Heiligenstadt

Das Andenken an diesen Tag trägt er immer mit sich herum. Es ist 37 Zentimeter lang und zieht sich fast über die gesamte linke Wade. Die Narbe erinnert Tim Knipping an den dramatischsten Moment in seinem Leben, einen, an dem er beinahe seinen Unterschenkel verloren hätte.

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Der 27-Jährige sitzt auf der Terrasse des Mannschaftshotels in Heiligenstadt und redet über diese Tage und Wochen völlig ruhig, beinahe leise, vor allem aber reflektiert. Ungefragt spricht er darüber, wie diese Verletzung sein Leben verändert hat – und seine Einstellung zu seinem Beruf. Knipping, das wird schon nach wenigen Augenblicken klar, ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Fußball-Profi.

Es passiert im Mai 2018, letztes Heimspiel der Saison. Für den Verteidiger und den SV Sandhausen geht’s um den Klassen-erhalt. 0:2 liegt die Mannschaft gegen den 1. FC Nürnberg zwar zurück, doch das Ziel ist trotzdem geschafft. Es läuft die Nachspielzeit. Sandhausen bekommt noch einen Eckball. Knipping lauert im Strafraum, springt ab und bricht zusammen. Mit einem Rettungshubschrauber wird er in die Klinik gebracht. Dort fragen ihn die Ärzte, was passiert sei. 

„Ich war der Meinung, jemand hätte mir das Bein weggetreten. Später habe ich aber im Video gesehen, dass ich nur abgesprungen bin“, erzählt er. Er bricht sich das Schienbein, einfach so. Schmerzen hatte er an dieser Stelle schon länger. Der Mannschaftsarzt vermutete eine Knochenhautentzündung. Knipping sollte wegen der sportlich prekären Lage noch dieses eine Spiel machen. Doch es war wohl keine Entzündung, sondern ein Haarriss im Schienbein. Dies ist zumindest die einzige logische Erklärung. 

Die Ärzte ordnen sofort eine Not-Operation an

Im Krankenhaus wird der Bruch mit einem Nagel fixiert. Als die Betäubung nachlässt, werden die Schmerzen immer schlimmer, schließlich unerträglich. „Ich habe nach Hilfe geschrien. Als die Ärzte kamen, ordneten sie direkt eine Notoperation an“, erzählt er. Später erfährt er, dass nur wenige Minuten später eine Amputation unvermeidlich gewesen wäre. Als er aus der Narkose aufwacht, ist sein Unterschenkel „komplett aufgespalten. Es war zuviel Druck drin, warum, ist unklar“. 

Es wird ein schwarzer Schutzschwamm eingesetzt, um eine Blutvergiftung zu verhindern. Die Wunde ist so groß, dass sie nur Stück für Stück zugenäht werden kann. Insgesamt achtmal wird er operiert. Die angekündigte Hauttransplantation ist aber doch nicht nötig. Einen Monat liegt er im Krankenhaus. Das ist viel Zeit, um nachzudenken.„Wenn dir von der einen auf die andere Sekunde alles genommen wird, läuft das Leben wirklich einmal kurz an dir vorbei“, sagt Knipping, der seine Geschichte zuvor auch in einem Interview für Dynamo-TV erzählt hatte.

Tim Knipping ist zu Dynamo gekommen, „um wieder Spaß zu haben“, wie er sagt. Eine lange Narbe (kleines Foto) erinnert ihn an den dramatischsten Moment seines Lebens.
Tim Knipping ist zu Dynamo gekommen, „um wieder Spaß zu haben“, wie er sagt. Eine lange Narbe (kleines Foto) erinnert ihn an den dramatischsten Moment seines Lebens. © Lutz Hentschel

Natürlich fragt er sich, warum es gerade ihn getroffen hat, kommt aber zu dem Schluss, dass dieses Grübeln nichts bringt. „Der Rückhalt vom Verein, der Familie und Freunden war da sehr wichtig“, erzählt er. Jetzt, gut zwei Jahre später, findet Knipping, dass ihn diese Zeit nicht nur geprägt habe, sondern er auch viel mitnehmen konnte. „Wenn man so was durchgemacht hat, weiß man die kleinen Dinge viel mehr zu schätzen, nimmt vieles bewusster wahr. Ich war auch vorher bereits ein dankbarer Mensch, weil ich so erzogen wurde, aber nun kann ich mich darüber freuen, ohne Schmerzen die Zähne zu putzen, in ein Restaurant zu gehen oder auf dem Platz zu stehen und aufs Tor zu schießen.“ 

Alles Selbstverständlichkeiten. Für Knipping sind sie das nicht mehr. Dass er acht Monate später wieder spielen kann, ist auch keine. In der vorigen Saison wechselt er zu Jahn Regensburg, verpasst die Vorbereitung aber wegen eines Bandscheibenvorfalls und kommt danach nur sporadisch zum Einsatz. Für den Wechsel zu Dynamo steigt er freiwillig ab und muss wohl auch beim Gehalt Abstriche machen. „Ich bin jetzt hier, weil es mir darum geht, glücklich zu sein und Spaß zu haben“, sagt er. „Im Leben gibt es wichtigere Dinge als das Finanzielle. Es bringt mir nichts, wenn ich irgendwo auf der Bank sitze und viel verdiene. Ich wollte mich einfach wieder wertgeschätzt fühlen und der Teil einer Gruppe sein. Deshalb habe ich mich sehr bewusst so früh für diesen Schritt entschieden.“

Knipping war der erste von inzwischen 13 Neuzugängen bei Dynamo. Die Bedingungen bei den Schwarz-Gelben ordnet er unter erstligareif ein. Dass beim Verein drei Physiotherapeuten fest angestellt sind, war ihm beispielsweise wichtig, „weil ich meinen Körper ja pflegen muss. Das Gesamtpaket in Dresden ist einfach perfekt.“ In der Vorbereitung bildet er bisher mit Sebastian Mai das Innenverteidiger-Duo. Die Aussichten auf einen Stammplatz sind nicht die schlechtesten – auch am Mittwoch beim Test gegen den englischen Zweitligisten Norwich City.

Restaurant-Besitzer und Fernstudent

Sein Vertrag bei Dynamo läuft zwei Jahre. Für die Zeit nach der Karriere hat Knipping längst vorgesorgt. Derzeit absolviert der gebürtige Kasseler ein Fernstudium in Betriebswirtschaftslehre, hat aber bereits zwei Restaurants – eins mit italienischer Küche in St. Leon-Rot bei Heidelberg und ein Café in Regensburg.

„Ich gehe gern essen und interessiere mich schon länger für Gastronomie“, erzählt Knipping. „Früher war ich gefühlt jeden zweiten Tag bei einem Italiener.“ Mit der Zeit wird der Inhaber sein Freund. „Er hat immer mit einer brutalen Leidenschaft mittags und abends gearbeitet. Ich fand es faszinierend, dass er stets gut gelaunt war.“ Vor zwei Jahren, als Knipping verletzt pausieren musste, bauten die beiden das Restaurant auf – er als Inhaber, sein Freund als Geschäftsführer. Das Café in Regensburg übernahm er als Franchise-Nehmer zusammen mit dem Regensburger Torhüter Alexander Meyer.

"Natürlich kann ich nicht so oft da sein. Daher ist es wichtig, jemanden vor Ort zu haben, dem ich einhundert Prozent vertraue“, erklärt er. Die beiden Lokale sieht er „als weiteres Standbein“ neben seiner Fußballer-Karriere. „Ich habe ja gesehen, wie schnell die vorbei sein kann.“Vorerst will er aber weiter Fußballer sein. Der Nagel ist im Schienbein geblieben. „Das ist jetzt quasi doppelt gesichert. Da müsste schon ein Traktor drüberfahren, damit was passiert.“

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