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Fan-Rückkehr trotz Corona? "Es fehlt das Vertrauen"

Es sollen wieder Zuschauer in die Stadien dürfen, aber viele Fans auch bei Dynamo sind skeptisch wegen der Auflagen. Ein Gespräch über das Dilemma.

Mit mehr als 30.000 Zuschauern voll besetzt war das Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion zuletzt am 8. März bei Dynamos 2:1-Sieg im Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue.
Mit mehr als 30.000 Zuschauern voll besetzt war das Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion zuletzt am 8. März bei Dynamos 2:1-Sieg im Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue. © dpa/Robert Michael

Die Diskussion ist in vollem Gange, seit Dienstag gibt es ein Konzept der Deutschen Fußball-Liga für die Rückkehr von Zuschauern in die Stadien. Das gilt zwar formal für Dynamo Dresden in der 3. Liga nicht, es ist aber davon auszugehen, dass es dort in den Grundzügen übernommen wird. Bei den Fans ist der Weg zurück durchaus umstritten, wie eine Umfrage der Fangemeinschaft Dynamo (FG) gezeigt hat. 

Mehr als 1.000 Teilnehmer gaben dabei ein sehr differenziertes Stimmungsbild ab (SZ berichtete). Robert Pohl ist seit 17 Jahren aktives Mitglied bei Dynamo, gehört der FG seit deren Gründung 2007 an und ist ehrenamtlich im Vorstand. Im Interview mit der SZ erklärt der 42-Jährige, was die Anhänger stört, was sie sich wünschen und warum jetzt Kompromisse nötig sind.

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Herr Pohl, wie realistisch ist es, dass zu Saisonbeginn Mitte September Zuschauer in Fußballstadien sein können?

Die Vereine arbeiten intensiv daran, Hygienekonzepte zu erstellen, die den Stadionbesuch für eine begrenzte Anzahl Fans aus gesundheitspolitischer Sicht mindestens regional möglich machen sollen. Man muss abwarten, wie die Maßnahmen konkret umgesetzt werden sollen und wie es bei den Fans ankommt.

Die Deutsche Fußball-Liga hat Eckpunkte für die beiden Bundesligen beschlossen: begrenzte Kapazität, keine Stehplätze, keine Gästefans, kein Alkohol. Wie bewerten Sie das als Fanvertreter, und wird das auch für Dynamo in der 3. Liga so gelten?

Das Konzept zeigt, dass der Stadionbesuch, wie wir ihn aus Vor-Corona-Zeiten kennen, auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird. Wenn Stehplätze nicht erlaubt sind, ist das schon deshalb schade, weil dort die Fankultur gelebt wird, die Stimmung von dort ausgeht. Es ist unstrittig, dass Vorkehrungen getroffen werden müssen, um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden. Trotzdem fehlen uns gerade an der Stelle die Erklärung und die Transparenz, warum das auf Stehplätzen nicht möglich sein soll. Da hat es sich die DFL sehr einfach gemacht.

Welche Möglichkeit gäbe es denn, Stehplätze zuzulassen, wo zum Beispiel die Abstandsregeln schwieriger umzusetzen sind als auf Sitzplätzen?

Das stimmt, aber es ist nicht unmöglich. Ich vermute, die DFL und einige Vereine gehen davon aus, dass die Fans nicht diszipliniert genug sind, sich daran zu halten, weil auf Stehplätzen normalerweise das Stimmungszentrum ist.

Robert Pohl, 42 Jahre, engagiert sich für die Fangemeinschaft Dynamo. Beruflich ist er als Content-Manager in Bautzen tätig.
Robert Pohl, 42 Jahre, engagiert sich für die Fangemeinschaft Dynamo. Beruflich ist er als Content-Manager in Bautzen tätig. © Matthias Rietschel

Ist diese Sorge nicht berechtigt, wenn man außerhalb des Fußballs, aber auch zuletzt nach Dynamos Abstieg am Stadion sieht, wie leichtfertig die Menschen schon wieder zusammenrücken?

Ich bin Fußballfan. Aus dieser Sicht hätte ich mir gewünscht, dass man zumindest lokal das Gespräch sucht, unter welchen Umständen es möglich wäre, Stehplätze zuzulassen. Man muss sich aber sicher auch in die Lage der Entscheider versetzen. Ich kann mir vorstellen, dass man den Fans nicht zutraut, sich an die dann aufgestellten Regeln zu halten, weil sie dem normalen Stadionerlebnis entgegenstehen. Trotzdem wäre das Potenzial da, wenn man die Regeln gemeinsam aufstellt, damit sich ein anderes Bewusstsein entwickelt.

Inwiefern sind die Fans eingebunden?

Ich bin selbst aktiv im Bündnis „Unsere Kurve“ und weiß daher, dass bei der Erstellung der Hygienekonzepte diejenigen, die es betrifft, kaum eingebunden sind. Dabei können sie aus der Erfahrung am besten einschätzen, welche Maßnahmen umzusetzen sind. Das könnte sowohl bei den Fans eine höhere Akzeptanz schaffen als auch das Sicherheitsbedürfnis der Vereine aufgrund behördlicher Auflagen erfüllen.

Die Fans hatten die Fortsetzung der Saison mit Geisterspielen abgelehnt. Jetzt erklärt die Fangemeinschaft Dynamo, die Position „Alle oder keiner“ sei nicht zu halten. Warum?

Sie beschreibt die beiden Extrempunkte, wobei es angesichts der Corona-Lage unwahrscheinlich ist, dass alle ins Stadion kommen. Auf der anderen Seite sind die Vereine wie Dynamo Dresden auf die Zuschauer-Einnahmen angewiesen. Das ist erst recht nach dem Abstieg in die 3. Liga und den Einbußen beim Fernsehgeld eine wichtige Konstante. Das ist ein Stück weit unser Dilemma. Ich kann die Sichtweise verstehen, erst wieder ins Stadion gehen zu wollen, wenn alle rein dürfen. Aber diese Situation verlangt eher Kompromisse.

Warum ist es so schwierig, diese zu schließen?

Es besteht die Befürchtung, dass die Einschränkungen – keine Gästefans, keine Stehplätze, Alkoholverbot – über die Corona-Zeit hinaus bestehen bleiben.

Woher rührt die Skepsis?

Die Unsicherheit rührt aus der Vergangenheit, hat weniger mit der aktuellen Ausnahmesituation zu tun. Es geht um das Verhältnis zwischen Verband und Fans, Vereinen und Fans. Nicht viele Vereine führen einen so ausführlichen Dialog mit ihren Fans wie Dynamo, das müsste bundesweit verstärkt stattfinden. Es fehlt einfach das Vertrauen.

Wie lässt sich das aufbauen?

Das wird nicht von heute auf morgen passieren, sondern ist ein Prozess. Es wäre gut, wenn er gerade in dieser außergewöhnlichen Situation beginnt, indem man die Fans nicht als Problem ansieht, sondern in die Entscheidungen einbezieht. Es gibt erste Ansätze, aber die Verbände müssten mal etwas Konkretes vorlegen, einen Beschluss, der zeigt: Wir nehmen die Fans mit ins Boot und entscheiden nicht nur über sie.

Welches Signal könnte das sein?

Unabhängig von Corona könnten das die Anstoßzeiten sein oder die Mitnahme von Fan-Utensilien. Jeder Verein entscheidet, was bei ihm erlaubt ist. Das zu vereinheitlichen, würde auch Diskussionen und Ärger am Stadion vorbeugen, weil hier plötzlich das oder jenes nicht erlaubt ist.

Laut einer Umfrage der Fangemeinschaft Dynamo ist für die meisten der Ausschluss von Gästefans inakzeptabel. Wie reagieren Sie auf das Ergebnis?

Wir könnten pauschal fordern, dass Gästefans zuzulassen sind. Das ist aus Fan-Sicht absolut vertretbar. Dynamo-Fans sind bekannt dafür, ihre Mannschaft auswärts zu unterstützen, viele leben außerhalb von Sachsen. Sie haben sich auf die Spiele vor der Haustür gefreut, dürfen nun aber nicht ins Stadion, weil sie als Auswärtsfans gelten. Dafür fehlt uns die Nachvollziehbarkeit. 

Was unterscheidet einen Fan, der aus Berlin nach Dresden zum Heimspiel kommt, von dem, der in München wohnt und zum Dynamo-Spiel bei 1860 oder Bayern II gehen will? Die Entscheidungsträger haben das sicher abgewogen und sich wegen der durch Corona bedingten Umstände dafür entschieden. Möglicherweise will man geschlossene Anreisen vermeiden, die ein Infektionsrisiko darstellen könnten. Man sollte aber nicht ausschließen, dass sich Gästefans an Hygienevorgaben halten.

Also gibt es kein Ja oder Nein?

Ich glaube nicht. Es ist gerade eine besondere Situation. Ich möchte nicht unbedingt in der Haut derjenigen stecken, die das abwägen und entscheiden müssen. Andererseits denke ich, dass es möglich ist, einen Kompromiss zu finden zwischen Fußball-Erlebnis, Emotionen und Gesundheitsschutz – wenn man die Fans einbezieht.

Mit wie vielen Zuschauern rechnen Sie fürs Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden?

Was man bisher gehört hat, soll bis zu 50 Prozent der Kapazität möglich sein.

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Auch ohne eine Bestuhlung des K-Blocks? Stehplätze sind nicht erlaubt.

Ich befürworte, dass jeder Verein lokal schaut, was machbar ist. Das hängt auch von behördlichen Vorgaben ab.

Durch die begrenzte Zuschauer-Kapazität wird zumindest in Dresden die Ticketvergabe eine Herausforderung. Wie ist die zu lösen?

Die Nachfrage wird auf jeden Fall höher sein als das verfügbare Kontingent. Ich bezweifle, dass es gelingt, eine gerechte Lösung hinzubekommen, weil es schwierig ist, Kriterien aufzustellen, nach denen man auswählt. Was gewichtet man höher? Die Jahreskarte oder eine Mitgliedschaft? Wen schließt man ein, wen schließt man aus? Die Diskussion müssen wir weiter führen, jetzt eine mögliche Lösung zu präsentieren, will ich mir nicht anmaßen.

Wie steht die FG zum Losverfahren?

Es ist nur eine von mehreren Optionen, die zumindest theoretisch allen die Chance bietet, ein Ticket zu bekommen. Es ließe sich modifizieren: Wer beim ersten Mal Glück hatte, bleibt beim zweiten Spiel draußen. Allerdings hat die Umfrage gezeigt, dass dieser Solidaritäts- und Gerechtigkeitsgedanke bei den Teilnehmern nicht ganz so ausgeprägt ist, was für uns etwas überraschend war. Offenbar denken doch viele: Wenn ich eine Karte bekomme, passt das schon.

Dynamo-Fans sind auch nur Menschen?

Im Grunde kann man das so sagen, klar. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass man als Dynamo-Fan angesichts der attraktiven Heimspiele nicht gerade gegen Magdeburg oder Rostock draußen bleiben will.

Wie wird nach der Lösung gesucht?

Bei Dynamo gibt es seit zehn Jahren das Turnustreffen, bei dem sich die Vereinsführung mit Fanvertretern im offenen Dialog austauscht. Anfang Juli haben wir intensiv über dieses Thema gesprochen. Auf Basis des Hygienekonzeptes, das die Geschäftsführung erstellt, und der behördlichen Vorgaben werden wir über die konkrete Umsetzung reden. Dabei sollen Maßnahmen, mit denen die Fankultur eingeschränkt wird, auf ein Minimum reduziert werden.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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