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"Dynamo ist einfach spannend, nichts Beliebiges"

Seit einem Monat ist Ralf Becker als Sportchef bei Dynamo. Im Interview zieht er eine erste Bilanz und sagt, mit welchen Erwartungen er in die Saison geht.

Neu in Dresden. Seit 1. Juli arbeitet Ralf Becker als Sportchef bei Dynamo Dresden. Demnächst will er sich eine Wohnung in der Stadt suchen.
Neu in Dresden. Seit 1. Juli arbeitet Ralf Becker als Sportchef bei Dynamo Dresden. Demnächst will er sich eine Wohnung in der Stadt suchen. © dpa/Robert Michael

Dresden. Vier Verträge verlängert, acht neue Spieler geholt, das Trainerteam mit Assistenz- und Torwartcoach komplettiert: Das ist eine beachtliche Bilanz für Ralf Becker nach seinem ersten Monat als neuer Sportgeschäftsführer bei Dynamo Dresden. Der 49-Jährige, der vor allem bei Holstein Kiel bereits erfolgreich Aufbauarbeit geleistet hat, will die Mannschaft neu ausrichten und setzt dabei vor allem auf Erfahrung.

Wer noch kommen soll oder gehen könnte und was er in dieser Saison erwartet – diese und weitere Fragen beantwortet Becker im exklusiven Interview. Und er erklärt, warum der Abschied von Spielern unglücklich gelaufen ist.

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Herr Becker, Sie sind seit einem Monat in Dresden. Sind Sie auch schon angekommen?

Das ging schnell. Ich hatte von Anfang an ein sehr gutes, positives Gefühl sowohl an meiner Arbeitsstätte als auch in der Stadt. Ich wurde sehr freundlich aufgenommen, also gibt es nichts, worüber ich mich beschweren könnte.

Bis Freitag waren Sie noch in Hamburg gemeldet. Wie steht es mit der Wohnungssuche in Dresden?

In der nächsten Woche ziehen meine Frau und mein Sohn wieder nach Stuttgart, das stand schon länger fest. Danach werde ich mich Ende August um eine Wohnung in Dresden kümmern.

Hatten Sie schon die Zeit für einen Stadtbummel?

Wir haben viel zu tun, nicht nur ich, sondern alle, die hier die Sache angehen. Trotzdem gehe ich abends mal spazieren, in der Altstadt an der Frauenkirche etwas essen. Vor 14 Tagen bin ich in der Sächsischen Schweiz gewesen, habe mir die imposanten Felsen angeschaut. Das war sehr schön.

Aufstieg ist ein gutes Thema. Haben Sie Kletter-Ambitionen?

Nein, aber mal eine Wanderung möchte ich schon machen. Es gibt ja verschiedene Wege dort, ich habe Leute auf den Felsen gesehen. Aber dafür muss man sicher ein bisschen mehr Zeit mitbringen.

Vor zwei Jahren übernahm Ralf Becker beim Hamburger SV den Posten des Sportvorstands, nach dem Abstieg in die zweite Liga sollte er eine Mannschaft zusammenstellen. Weil der Wiederaufstieg scheiterte, wurde er im Mai 2019 entlassen.
Vor zwei Jahren übernahm Ralf Becker beim Hamburger SV den Posten des Sportvorstands, nach dem Abstieg in die zweite Liga sollte er eine Mannschaft zusammenstellen. Weil der Wiederaufstieg scheiterte, wurde er im Mai 2019 entlassen. © dpa/Axel Heimken

Neuaufbau nach Abstieg ist für Sie keine neue Situation. Was ist in Dresden anders als zuletzt beim Hamburger SV?

Jeder Verein, jede Situation ist speziell. Hier gibt es jetzt viele Veränderungen, sieben Spieler waren nur ausgeliehen, viele Verträge sind ausgelaufen. Wir haben uns bewusst für den Neuanfang entschieden. Im Vergleich zum HSV ist das anders, dort war viel allein durch Verträge vorgegeben.

Dynamo verzichtet nun doch auf eine Klage gegen den Abstieg. Wie bewerten Sie das?

Es ist kein Geheimnis, dass wir uns bei diesem Thema sowohl von der Deutschen Fußball-Liga als auch von den anderen Vereinen mehr Solidarität gewünscht hätten.

Fehlt Dynamo im deutschen Profi-Fußball die Lobby, um die Aufstockung der zweiten Liga auf 20 Mannschaften durchsetzen zu können?

Fehlt Dynamo …? Das hört sich an, als wären wir eine Ausnahme, das sehe ich so nicht. Vielmehr schaut grundsätzlich erst einmal jeder auf sich, ob das beim Verband ist oder den anderen Vereinen. Das muss man irgendwann akzeptieren, nach vorne schauen und wieder angreifen.

Wie haben Sie denn Dynamo beurteilt, als Sie es von außen gesehen haben?

Der Verein, seine Power – das wird in ganz Deutschland positiv wahrgenommen. Dynamo hat unheimlich viel Potenzial, das ist einfach spannend, nichts Beliebiges. Viele Fans, viel Tradition, viel Leidenschaft, viel Enthusiasmus, was in beide Richtungen ausschlagen kann. Aber das macht den Fußball aus und steht für ganz viel Emotion, wie sie sich viele Menschen wünschen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem derzeitigen Stand der Kaderplanung?

Ich habe ein gutes Gefühl und bin überzeugt, dass wir gute Typen, starke Charaktere für uns gewinnen konnten – in dem Wissen, dass es viele Veränderungen gibt und deshalb Geduld gefragt sein wird. Jetzt müssen wir erst einmal arbeiten und die Ideen, die auch die Spieler haben, auf den Platz bringen.

Wo soll und wird sich noch etwas tun?

Wir haben ja schon viel gemacht. Trotzdem gibt es die eine oder andere Position, auf der wir noch nicht so breit aufgestellt sind. Aber wir haben eine gute Basis gelegt und schauen, welche Optionen sich in den nächsten Wochen ergeben. Wir konnten erfahrene Spieler verpflichten, was gut ist, vielleicht kommt noch der eine oder andere jüngere dazu. Wir machen nur etwas, wenn wir überzeugt sind, dass es kurzfristig und auch perspektivisch zu uns passt.

Für welche Positionen gibt es Bedarf?

Ich denke, im zentralen Mittelfeld, wenn man Sechser, Achter, Zehner zusammen nimmt, sind wir nicht so breit besetzt. Wir wollen dort auch junge Spieler in der Vorbereitung probieren. Aber in dem Bereich kann schon noch etwas passieren.

Für den Angriff gibt es zumindest nominell ein Überangebot. Werden noch Spieler abgegeben – zum Beispiel Alexander Jeremejeff?

Das werden wir sehen. Ich würde nicht von einem Überangebot sprechen, sondern wir sind dort derzeit so aufgestellt, wie wir es uns vorstellen.

Beim Abschied vieler Spieler der Vorsaison gab es einige Irritationen. So hat Niklas Kreuzer erfahren, dass er keinen neuen Vertrag bekommt, als seine Rückennummer an Neuzugang Panagiotis Vlachodimos vergeben wurde.
Beim Abschied vieler Spieler der Vorsaison gab es einige Irritationen. So hat Niklas Kreuzer erfahren, dass er keinen neuen Vertrag bekommt, als seine Rückennummer an Neuzugang Panagiotis Vlachodimos vergeben wurde. © Jürgen Lösel

Beim Abschied der Spieler gab es einige Irritationen. So hat Niklas Kreuzer erfahren, dass er keinen neuen Vertrag bekommt, als seine Rückennummer, die Sieben, an Neuzugang Panagiotis Vlachodimos vergeben wurde. War das ein Kommunikationsfehler?

Ich kann das erst von meinem ersten Arbeitstag an beurteilen. Vielleicht wäre es gut gewesen, zum Abschluss der Runde formell alle Spieler erst einmal zu verabschieden, die keinen gültigen Vertrag mehr hatten. Wir haben das nachgeholt und gemeinsam mit Cheftrainer Markus Kauczinski und unserem Kaderplaner Kristian Walter entschieden, dass wir einen Schnitt machen wollen. Das haben wir dann auch klar kommuniziert.

Bei Patrick Schmidt und Simon Makienok hatte der Trainer gesagt, sie würden Dynamo in der 3. Liga gut zu Gesicht stehen. Dann standen sie mit auf der Streichliste, aber zumindest Makienok soll ein Angebot gehabt haben. Können Sie die Verwirrung aufklären?

Fakt ist doch einfach: Wenn du absteigst, verabschiedest du dich von den Spielern, die keinen gültigen Vertrag mehr haben. Die Beiden haben mit ihren Leistungen nicht nur unser Interesse geweckt, mit ihnen weiterzumachen, sondern sich einen Markt erspielt. Deshalb müssen wir akzeptieren, dass sie sich hier zwar wohlgefühlt haben, aber eben auch andere Möglichkeiten besitzen. Das ist absolut in Ordnung. Es gab und gibt mit keinem Spieler eine Unklarheit oder ein Missverständnis.

Also Haken dran an die beiden Spieler?

Wir versuchen, weniger mit Fragezeichen zu planen und Leute zu gewinnen, die sofort Lust auf die Aufgabe bei Dynamo haben. Trotzdem gibt es ein Transferfenster, und das ist bis zum 5. Oktober geöffnet.

Torwart Kevin Broll soll von anderen Vereinen umworben werden. Machen Sie sich Sorgen, dass er noch geht, oder könnte die Ablösesumme gar nicht so hoch sein, um ihn abzugeben?

Ich mache mir deshalb keine Sorgen, weil ich mit ihm gesprochen habe und er mir den Eindruck vermittelt hat, dass er sich im Moment ausschließlich mit Dynamo beschäftigt. Er hat richtig Bock darauf, das hier mit anzupacken. Was passiert, wenn dann vielleicht doch noch ein Bundesligist anfragt, weiß ich natürlich nicht.

Unter Beobachtung: In spätestens zwei Jahren, hat Ralf Becker bei seinem Amtsantritt gesagt, soll Dynamo wieder in der zweiten Liga spielen. Aufsichtsratschef Jens Heinig (rechts) hätte nichts dagegen, wenn es schneller geht.
Unter Beobachtung: In spätestens zwei Jahren, hat Ralf Becker bei seinem Amtsantritt gesagt, soll Dynamo wieder in der zweiten Liga spielen. Aufsichtsratschef Jens Heinig (rechts) hätte nichts dagegen, wenn es schneller geht. © dpa/Robert Michael

Sie haben einige Spieler mit Zweit-, teils sogar Erstliga-Erfahrung verpflichtet. Bringt sich Dynamo damit selbst in die Favoritenrolle – oder hat man die als Absteiger aus der zweiten Liga sowieso?

Sie wissen schon: Wenn wir als Dynamo Dresden in der 3. Liga spielen, brauchen wir nicht zu erzählen, dass wir keine ehrgeizigen und hohen Ziele haben. Trotzdem – und das haben die vergangenen Jahre gezeigt – ist diese Liga unheimlich ausgeglichen und schwer vorherzusehen, wie etwas läuft. Wir sind hoch motiviert, wollen den maximalen Erfolg. Ich glaube, dass wir eine gute Mannschaft haben, aber eben auch viele Veränderungen. Man muss davon ausgehen, dass es einige Zeit braucht, sich zu finden. Wir wollen uns nicht kleiner machen, als wir sind, aber auch nicht von großen Zielen reden, sondern auf den Platz gehen und arbeiten. Keiner wird uns etwas schenken.

Die Mannschaft trainiert ab Dienstag im neuen Trainingszentrum. Wird sie die Vorbereitung komplett in Dresden bestreiten oder auch in ein Trainingslager fahren?

Wir freuen uns total, dass wir hier unter optimalen Bedingungen trainieren können. Trotzdem versuchen wir, ein Trainingslager umzusetzen. Wenn viele neue Leute dabei sind, ist es wichtig, mal ein paar Tage als Gruppe woanders zu sein.

Gleich mit dem ersten Spiel gibt es ein Wiedersehen mit Ihrem Ex-Verein. Wie haben Sie reagiert, als der Hamburger SV als Gegner in der ersten Runde im DFB-Pokal gezogen wurde?

Das ist nicht nur für mich persönlich, sondern für uns alle ein spannendes Los. Der HSV ist wie Dynamo ein großer Traditionsverein. Darauf freuen wir uns total, auch wenn wir wissen, dass wir in dem Spiel nicht in der Favoritenrolle sind.

Trainer Torsten Lieberknecht, der mit dem MSV Duisburg auf Borussia Dortmund trifft, meinte: „Das ist alles Sch …“, weil keine Zuschauer oder nur eine begrenze Zahl ins Stadion dürfen. Wie beurteilen Sie das?

Das ist ein bisschen drastisch formuliert, aber klar kann man das so empfinden. Wir wissen nicht, wie es bis dahin aussieht. Ein volles Stadion ist ausgeschlossen, aber wir arbeiten alle daran, dass Publikum dabei sein darf. Wir hätten es alle gerne anders, müssen das jetzt jedoch akzeptieren. Man kann sich trotzdem über ein solches Pokal-Los freuen, auch wenn die Freude vor zwölf Monaten größer gewesen wäre.

Wird die Corona-Krise auch die neue Saison beeinflussen, und wie kann man sich darauf einstellen?

Das Einzige, worauf man sich einstellen kann: dass nichts sicher ist. Du musst zuerst die Pflichten erfüllen, die in deiner Verantwortung liegen, und dann schauen, was passiert mit dem Virus und in der Gesellschaft. Darauf musst du reagieren.

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