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Was Dynamos Legenden über Stübner erzählen

Auf dem Fußballplatz war er stets verlässlich, doch einmal bekommt er sogar einen Tritt in den Hintern - das sind die Episoden von der Buch-Premiere.

Buch-Autor Uwe Karte (r.) und Heiko Scholz sprechen bei der Buch-Premiere über Jörg Stübner.
Buch-Autor Uwe Karte (r.) und Heiko Scholz sprechen bei der Buch-Premiere über Jörg Stübner. © Jürgen Lösel

Kein Stuhl bleibt leer im Vip-Raum des Dresdner Rudolf-Harbig-Stadions, in den ersten Reihen sitzen die prominenten Gäste. Dynamo-Legenden wie Hans-Jürgen Dörner, Klaus Sammer und Hans-Jürgen Kreische, aber auch Klassenleiter Klaus Seime und Uwe Stübner. Auch er ist gekommen zur Präsentation des Buches "Stübner - Popstar wider willen", das Uwe Karte gemeinsam mit Stübners Bruder geschrieben hat.

Nur einer fehlt: Jörg Stübner selbst. Dabei hatte er sich vorgenommen, bis zum Herbst zehn Kilo abzunehmen und spätestens im nächsten Jahr den Mini-Job an der Dynamo-Fußballschule zu einer regelmäßigen Tätigkeit auszubauen. Sein Weg zurück ins Leben. Doch der Tod kam dazwischen. Am 24. Juni dieses Jahres ist der einstige Kämpfer auf dem Fußballplatz plötzlich gestorben, er wurde nur 53 Jahre alt.

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Zu seinem 50. Geburtstag hatte ihn Autor Karte gemeinsam mit Ralf Minge, seinem früheren Mitspieler, Zimmerkumpel und jetzigen Sportgeschäftsführer der SGD, besucht. Sie hatten ein Trikot dabei mit seinem Namen und der 50, der unter anderem für den MDR tätige Journalist Karte eine CD mit Szenen aus seiner Karriere und Grüßen zusammengestellt. Doch sie trafen ihn nicht an, schoben die Mitbringsel durch den Briefschlitz. "Gut, dass wir es versucht haben", sagt Minge.

Es ist der Anfang einer Annäherung, Stübner meldet sich und schlägt vor, das Trikot signiert für den Dynamo-Nachwuchs zu versteigern. Mit dieser Episode beginnt auch der Mittwochabend, Karte zeigt den Film, den der Beschenkte damals erst sehen konnte, als er auch den DVD-Player dazu geschenkt bekommen hatte. Der einstige Star hatte nach der Wende keinen Halt gefunden, war zum Sozialfall geworden.

Die Tragik seiner Geschichte wird deutlich darin, was ihm seine einstigen Wegbegleiter zum Jubiläum gesagt hatten. "Du warst fleißig, hast jeden Grashalm mitgenommen. Ich war stolz auf dich!", erklärt Klaus Sammer, der ihn als Trainer aus der Junioren direkt in die Oberliga-Elf geholt hatte. Sein Sohn Matthias meint über Stübner: "Es ist aller Ehren wert, was du als Fußballer geleistet hast. Vergiss das bitte nie. Du hast wie ein Rasenmäher für diese Mannschaft gearbeitet, du warst ein großer Spieler."

Die Fotos des Abends

Buch-Autor und Journalist Uwe Karte, 53 Jahre, hat gemeinsam mit Jörg Stübner vier Jahre lang an einer Biografie gearbeitet, die ein Stück Zeitgeschichte ist.
Buch-Autor und Journalist Uwe Karte, 53 Jahre, hat gemeinsam mit Jörg Stübner vier Jahre lang an einer Biografie gearbeitet, die ein Stück Zeitgeschichte ist. © Jürgen Lösel
Auf dem Podium bei der Lesung diskutieren auch Dynamos Aufstiegstrainer Chrisoph Franke (M.) uns sein damaliger Assistent Sven Köhler (l.) mit dem Moderator Andreas Fritzsch.
Auf dem Podium bei der Lesung diskutieren auch Dynamos Aufstiegstrainer Chrisoph Franke (M.) uns sein damaliger Assistent Sven Köhler (l.) mit dem Moderator Andreas Fritzsch. © Jürgen Lösel
Dynamo-Legenden in der ersten Reihe: Hans-Jürgen Kreische, Hans-Jürgen Dörner und Klaus Sammer (v. l.).
Dynamo-Legenden in der ersten Reihe: Hans-Jürgen Kreische, Hans-Jürgen Dörner und Klaus Sammer (v. l.). © Jürgen Lösel
Klassenleiter Klaus Seime erzählt, wie er die Fußballer mit einem Trick im wahrsten Sinne ruhig gestellt hat. Zu Stübner meint er: "Jörg war ein besonders disziplinierter Schuler, ruhig, introvertiert."
Klassenleiter Klaus Seime erzählt, wie er die Fußballer mit einem Trick im wahrsten Sinne ruhig gestellt hat. Zu Stübner meint er: "Jörg war ein besonders disziplinierter Schuler, ruhig, introvertiert." © Jürgen Lösel
Sie haben den Fußballer Stübner gefördert und geformt:  Die Trainer Klaus Sammer (l.) bei Dynamo Dresden und Frank Engel in der DDR-Nachwuchsauswahl.
Sie haben den Fußballer Stübner gefördert und geformt:  Die Trainer Klaus Sammer (l.) bei Dynamo Dresden und Frank Engel in der DDR-Nachwuchsauswahl. © Jürgen Lösel
Hans-Jürgen Kreische signiert das Buch über Stübner. "Jörg hat sich nach der Wende nicht mehr zurechtgefunden und wohl auch nicht die notwendige Hilfe erhalten", meint er. "Sportlich gesehen hätte er es allemal schaffen müssen in die Bundesliga."
Hans-Jürgen Kreische signiert das Buch über Stübner. "Jörg hat sich nach der Wende nicht mehr zurechtgefunden und wohl auch nicht die notwendige Hilfe erhalten", meint er. "Sportlich gesehen hätte er es allemal schaffen müssen in die Bundesliga." © Jürgen Lösel

Aber eben nicht nur. Was in den Glückwünschen, von denen sich der nach Gesundheit nicht erfüllen sollte, genauso zum Ausdruck kommt wie in den kurzen Talkrunden auf dem Podium der Lesung: Jörg Stübner war ein besonderer Mensch, für manche eigenartig, dabei trifft es wohl einzigartig besser. "Du konntest dich hundertprozentig auf ihn verlassen", betont beispielsweise Heiko Scholz, einer aus der Fußballer-Klasse, die Klaus Seime ab 1978 betreuen musste, weil kein anderer Lehrer und erst recht keine Lehrerin bereit gewesen war, die oft kecken Jungs zu übernehmen. "Jeden zweiten Tag kam eine Kollegin oder ein Kollege zu mir: Deine Fußballer!", erzählt Seime.

Dagegen hatte er die Rasselbande im Griff, wozu ihm ein Trick diente. Wenn sie montags vom kurzen Abstecher in die Heimat zurückkamen, durften sie sich 20 Minuten unterhalten. Der Klassenleiter las inzwischen das Sportecho, das sie ihm besorgen mussten. Dem Direktor erklärte er das plausibel so, dass er Ruhe für seinen Unterricht brauche und die habe, wenn die Jungs erst mal quatschen dürfen. Stübner fiel auch in der Schule auf, weil er besonders unauffällig war. "Ich hatte keinen anderen Fußballer, der so diszipliniert war", berichtet Seime.

Ähnlich charakterisieren ihn seine ehemaligen Trainer. "Der Jörg war ja nicht schwer zu händeln", meint Harald Fischer, der den Jahrgang im Dynamo-Nachwuchs betreute. "Er hat sein Spiel gespielt und ich habe nie versucht, ihm in die Quere zu kommen. Er war in der Spitze unberechenbar, konnte in jeder Situation ein Tor machen. Er hat so vieles spontan richtig gemacht, und einsatzbereit war er sowieso bis zum Gehtnichtmehr." Und er erzählt, als wäre es gestern passiert, wie der nimmermüde Stübner das Finale der DDR-Spartakiade 1979 gegen Vorwärts Frankfurt/Oder mit seinem Tor zum 1:0 zwei Minuten vor Schluss für Dynamo entschied. "Aus der Drehung abgezogen, unhaltbar."

Er war von klein auf "ein genialer Fußballer", wie Scholz sagt, aber auch "ein ehrlicher Mensch". So erlebte ihn auch Frank Engel bei der DDR-Nachwuchsauswahl. "Im Spiel war er clever, im Verhalten immer bescheiden, hat sich zurückgehalten. Aber man konnte sich gut mit ihm unterhalten, er hat zugehört."

Der Bruder geht weiter ins Stadion

Uwe Karte bei einem seiner Treffen mit Uwe Stübner.
Uwe Karte bei einem seiner Treffen mit Uwe Stübner. © Uwe Karte

Einmal aber hat auch er einen Tritt in den Hintern gebraucht, jedenfalls war "Dixie" Dörner der Meinung. Stübner war in einem Spiel gegen Halle eingeteilt, bei den Ecken des Gegners einen Pfosten abzusichern. Doch auf einmal sei er nach vorn gerast, Dynamo hatte Glück, dass der Kopfball an den Pfosten klatschte. Halbzeit. Auf dem Weg in die Kabine stellt Dörner den Jungspund. "Warum rennst du aus dem Tor raus?" Doch Stübner fragt zurück: "Was willst du denn von mir?" Dörner handelt. "Ich habe ihn zwei Schritte vor mir gehen lassen, und dann hatte er meine Fußspitze direkt im Hintern." So lief das damals, als die "flache Hierarchie" noch nicht erfunden war.

Für Uwe Stübner war es sicher nicht einfach, in der Wahrnehmung hinter dem geförderten und schließlich zum Nationalspieler aufgestiegen Bruder zurückzustehen. "man ordnet sich unter", sagt er im kurzen Gespräch mit Autor Karte. Nachdem die Familie 1979 nach Dresden gezogen war, ist er ins Stadion gegangen, hat erst den Weg von Jörg und dann weiter den von Dynamo verfolgt; selbst noch, als es für die Schwarz-Gelben abwärts ging. Als im Mai 2001 gegen Wacker Nordhausen nur noch 920 Zuschauer kamen, war Uwe Stübner dabei. "Einer von der Familie musste ja ins Stadion gehen", meint er mit dem Abstand der Jahre.

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Doch an dem Abend kann nur über und nicht mit Jörg Stübner geredet werden. "Das Traurige an der Geschichte ist: Jörg war zwei-, dreimal in der Fußballschule dabei. Wir wollten ihn einbinden in die Feriencamps und Fördertrainings", sagt Dörner. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Was bleibt, sind die Erinnerungen. "Stübs war ein angenehmer, feiner Kerl. Man sollte ihn in Erinnerung behalten, wie man ihn kennengelernt hat", meint "Dixie". Das Porträt-Buch kann dabei helfen.

Das Buch - und zwei Lesungen

Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen. Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €.
Uwe Karte: Stübner, Popstar wider Willen. Sportfrei Verlag. 416 Seiten, 350 Fotos und Abbildungen, 24,90 €. © Uwe Karte, privat

Präsentationen:

Do., 19.30 Uhr, Festsaal Schloss Schönfeld bei Thiendorf.

Do., 28.11., 19 Uhr, Ballsportarena Dresden (mit Ulf Kirsten).

Karten an der Abendkasse oder verbindliche Reservierung: [email protected]

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