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Dynamo will juristisch gegen den Abstieg vorgehen

Die Wutrede von Chris Löwe löst eine Debatte über Wettbewerbsverzerrung aus. Der Trainer wünscht sich ein Nachspiel vor Gericht, der Geschäftsführer kündigt es an.

Trainer Markus Kauczinski (l.) wünscht sich ein juristisches Nachspiel, Geschäftsführer Michael Born kündigt das an.
Trainer Markus Kauczinski (l.) wünscht sich ein juristisches Nachspiel, Geschäftsführer Michael Born kündigt das an. © Lutz Hentschel

Wenn eine Nachrichtenagentur Aussagen eines Zweitliga-Spielers im Wortlaut verbreitet, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein. Dann geht es nicht um die Analyse einer Niederlage, sondern um Grundsätzliches. Als Chris Löwe nach dem 0:2 in Kiel vom Sender Sky befragt wird, reagiert Dynamos Verteidiger emotional, kämpft mit den Tränen und seiner Stimme, missachtet jegliche Fußballsprech-Etikette.

„Glauben Sie ehrlich, dass einer von denen in der DFL, Christian Seifert oder wer auch immer, sich eine einzige Sekunde Gedanken macht, was in unseren Köpfen vorgeht? Das ist denen alles sch***egal! Wir sind am Ende die, die den verf*** Preis bezahlen für den ganzen Sch***! Wir reißen uns den Arsch auf, alle drei Tage immer wieder, und die Leute sitzen in ihren 5.000 Euro teuren Bürostühlen und entscheiden etwas über unsere Köpfe hinweg. Und wir sind am Ende die Idioten, die das Ganze ausbaden.“

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Sachlich formuliert kritisiert Löwe den Spielplan der Deutschen Fußball-Liga (DFL), der durch die – vom Dresdner Gesundheitsamt nach zwei positiven Corona-Fällen verhängte – zweiwöchige Quarantäne eine gezielte Vorbereitung auf die Restrückrunde verhinderte und neun Partien innerhalb von 29 Tagen vorsieht. Nach der Niederlage in Kiel ist der Abstieg nahezu besiegelt – und das der Tropfen, der bei Löwe „das Fass zum Überlaufen brachte“, wie es Trainer Markus Kauczinski ausdrückte.

Dörner: Kann den Jungen verstehen

Am Tag danach legt Löwe gegenüber dem Sender Sport1 nach, spricht vom Gefühl, „dass uns etwas geklaut wurde“. Die Resonanz auf seinen Wutausbruch ist gewaltig. Alles dreht sich dabei um die Frage, ob Löwe recht hat mit seiner deftigen Kritik an der DFL. „Ich kann den Jungen absolut verstehen und teile seine Aussagen“, sagte Aufsichtsrats-Mitglied Hans-Jürgen Dörner. Kauczinski zeigt vor allem Verständnis für seinen Spieler und unterstützt ihn – inhaltlich. Mit der Wortwahl ist er nicht ganz einverstanden. „Ich hätte es mit Sicherheit anders formuliert, zwei Sätze weggelassen, ein Vergleich hat mir nicht gefallen“, erklärt er und meint wohl den mit den Bürostühlen. Wenn Fußballprofis andere Leute mit Anspielungen auf deren teuren Lebensstil kritisieren, schießen sie damit fast zwangsläufig ein Eigentor. „Aber wenn es um das Thema Chancengleichheit geht, hat er uns allen aus der Seele gesprochen“, meint der Trainer.

Chancenungleichheit und Wettbewerbsverzerrung sind die beiden Schlagworte. Löwe stellt die Frage, ob man solch einen Spielplan auch Bayern München oder Borussia Dortmund aufgebürdet hätte und bleibt bei einem anderen Vergleich in der 2. Bundesliga: „Zeig‘ mir mal eine Mannschaft, die alle drei Tage fünf, sechs Positionen wechselt und dann in der Lage ist, ihre Ziele zu erreichen. Das ist unmöglich, das könnte der HSV genauso wenig.“

Dynamo hätte die Saison gerne über den 30. Juni hinaus verlängert und damit für die eigene Mannschaft entzerrt. Das jedoch lehnte die DFL ab, wohl auch, weil die Folgen weitreichende gewesen wären. Sämtliche auslaufende Verträge von Zweitligaspielern hätten verlängert und die Termine wohl nicht nur der Relegationsspiele verschoben werden müssen. Es hätte einen Dominoeffekt ausgelöst.

Für Marco Terrazzino waren die Bedingungen beim Re-Start „katastrophal“. Man kann „kein Mannschaftstraining machen, keine Vorbereitung“, kann sich „kein Gefühl holen für die unfassbar wichtigen Spiele. Das ist der absolute Wahnsinn, brutal“, findet die Leihgabe des SC Freiburg.

Der Zeitpunkt der geballten Kritik scheint etwas unglücklich gewählt. Jetzt, da Abstieg in die Drittklassigkeit kaum noch zu verhindern ist, wirkt es wie die verzweifelte Suche nach einem Schuldigen. Das scheinen auch die Beteiligten zu spüren. „Alles darauf abzuwälzen, wäre nicht richtig. Eine Saison besteht nicht nur aus drei Monaten“, erklärt Kauczinski und verweist so auf die Hinrunde, die laut Löwe „unterirdisch“ war.

Der Trainer ist nun um die Erfahrung reicher, im Drei-Tage-Rhythmus auflaufen zu müssen. Er hätte gerne darauf verzichtet. „Wenn man merkt, dass man gegen etwas ankämpft, aber keine Chance hat, dann tut das weh. Mich nervt, dass wir die Einzigen sind mit diesem Programm. Deshalb ist es kein fairer Wettkampf“, schlussfolgert er. „Es geht um so viel, um den Verein, die Region, Arbeitsplätze.“ 

Wenn sich alle ungerecht behandelt fühlen, liegt die Vermutung nahe, dass sich der Verein mit juristischen Mitteln dagegen wehren wird. Kauczinski jedenfalls „würde es tun – einfach, um zu zeigen, dass wir nicht alles über uns ergehen lassen. Wenn ein Tank nur halbleer ist und die anderen voll, dann brauche ich kein Rennen fahren.“

Auf SZ-Anfrage erklärt Geschäftsführer Michael Born, dass der Verein „bereits vor ein paar Wochen einen ersten juristischen Rat eingeholt“ habe und „der Austausch mit unserem Anwalt nun noch einmal intensiviert“ wurde. Auch er spricht von einer „Verzerrung des fairen Wettbewerbs“. Ein Abstieg würde den Verein „im Zweifelsfall um Jahre in seiner Entwicklung zurückwerfen. Daher werden wir unser Schicksal nicht einfach so hinnehmen, sondern darum kämpfen. Das bedeutet auch, dass wir alle juristischen Möglichkeiten ausschöpfen werden, um gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen, wenn wir damit Aussicht auf Erfolg haben.“

Anwalt: Wenig Aussicht auf Erfolg

Doch hätte Dynamo beim Gang vors Sportgericht überhaupt eine Chance? Die SZ stellte diese Frage schon Mitte Mai Deutschlands bekanntestem Fußballjuristen Christoph Schickhardt. Der sprach von „systemimmanenten Ungerechtigkeiten, die nicht zu ändern“ seien. „Wenn alle Spiele – wie auch immer – absolviert wurden, hätte ein Gang vors Gericht vermutlich wenig Aussichten auf Erfolg“, sagte er.Dynamo hatte dem DFL-Konzept zu den Geisterspielen zugestimmt und auch nach der Ansetzung der Nachholspiele kein Veto eingelegt. Dies dürfte die Aussichten auf einen Erfolg zusätzlich schmälern. Offen ist zudem, wie eine juristische Lösung aussehen könnte. Würde es dann überhaupt keine Absteiger aus der 2. Liga geben?

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