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Bleiben Sie Dynamos Kapitän, Herr Hartmann?

Der Leitwolf ist mal wieder verletzt. Jetzt spricht Marco Hartmann über seine Zukunft, Cristian Fiel und das neue Ziel nach dem Trainerwechsel.

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Der Fingerzeig des Dynamo-Kapitäns: „Wir können etwas Positives erreichen“, sagt Marco Hartmann im  exklusiven Interview.
Der Fingerzeig des Dynamo-Kapitäns: „Wir können etwas Positives erreichen“, sagt Marco Hartmann im exklusiven Interview. © Sven Ellger

Marco, wie geht es Ihnen: Können Sie die Frage noch hören?

Es ist natürlich nicht einfach und wird langsam anstrengend, immer wieder darüber zu reden. Ich konnte in dieser Woche problemfrei laufen, habe keine Einschränkungen im Alltag, kann aber leider nicht spielen. Es macht auch keinen Sinn, noch eins der beiden Spiele in Angriff zu nehmen, weil ich in den vergangenen Wochen zu unregelmäßig trainiert habe, um überhaupt ein Faktor zu sein. Ich gehe aber fest davon aus, dass ich im Januar mit der Vorbereitung wieder einsteige.

Was ist denn diesmal das Problem?

Ich habe mir im Training einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen.

In dieser Saison konnten Sie erst sechs Spiele absolvieren, fallen bereits zum vierten Mal aus. Wie motivieren Sie sich immer wieder neu?

So traurig es ist: Inzwischen weiß ich, damit umzugehen, es erst einmal auszublenden. Man hatte ja schon vorher das Gefühl, dass ich relativ anfällig bin, aber was zuletzt passiert ist, war schon kurios. Erst die Probleme mit dem Innenohr und dem Gleichgewicht, im Training überstrecke ich das Knie und prelle mir dabei den Oberschenkelknochen. Jetzt bin ich bei einem Kopfballduell unglücklich gelandet. Ich glaube, die aktuelle Verletzung ist die Folge dessen, was vorher gelaufen ist: keine Vorbereitung, Training, zwei Wochen raus, Training, zwei Wochen raus…

Und Sie haben noch Lust, sich immer wieder in der Reha ran zu kämpfen?

Tobi (Physiotherapeut Tobias Lange/d. A.) gibt sich sehr viel Mühe, lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen. Ich mag es, mit ihm zu arbeiten. Früher ist es mir viel schwerer gefallen, im Kraftraum zu ackern, mittlerweile ziehe ich es durch.

Haben Sie noch Vertrauen in Ihren Körper für den Leistungssport?

Man fragt sich, wieso, warum. Es gibt für jede einzelne Verletzung Erklärungen, aber auf die Dauer und bei der Häufigkeit wird es schwierig. Auf der anderen Seite habe ich in meine einzelnen Körperteile schon Vertrauen. Ich weiß, wenn ich im Januar einsteige, bekomme ich kein dickes Knie, das mich wieder zurückwirft. Das wäre etwas anderes. Es wäre schön, wenn langfristig mal kein anderer Quatsch auftritt.

Sie sind 31 Jahre, Ihr Vertrag bei Dynamo läuft am Saisonende aus. Planen Sie das Karriereende?

Nein, ich plane es überhaupt nicht. Natürlich bedenke ich Alternativen, habe öfter mit meiner Frau darüber gesprochen. Grobe Gedanken, nicht im Detail. Das führt jedoch immer wieder dazu, dass ich sage: Ich will noch zwei Jahre Fußball spielen. Deshalb kann und will ich jetzt nicht entscheiden, was im Sommer ist. Bis dahin will ich hier meinen Teil beitragen und denke, dass ich weiterhelfen könnte, wenn mein Körper es zulässt.

Sie würden weiter Fußball spielen, wenn es bei Dynamo nicht weitergeht?

Das könnte ich mir auf jeden Fall vorstellen, ja.

Auch in unteren Ligen? Würden Sie sich das noch antun?

Das ist es ja: Irgendetwas antun, nur damit ich weiter Fußball spiele, das mache ich nicht. Es müsste etwas sein, worauf ich Bock habe. Ich behaupte mal, vierte Liga spiele ich nicht mehr. Das wäre nicht reizvoll. Aber, wenn es nach mir geht, am liebsten hier.

Sportdirektor eine Option?

Marco Hartmann verletzt am Boden - leider ein gewohntes Bild in den vergangenen zwei Jahren.
Marco Hartmann verletzt am Boden - leider ein gewohntes Bild in den vergangenen zwei Jahren. © Robert Michael

Ich hatte Ihnen die Frage schon mal in einem Interview gestellt: Sportdirektor ist nach wie vor keine Option?

Es ist schwierig, über etwas zu reden, worüber ich mir überhaupt noch keine Gedanken gemacht habe. Ich habe auch immer noch kein Interesse, mich damit zu befassen, was das bedeuten würde.

Markus Kauczinski ist Ihr achter Cheftrainer, seit Sie 2013 aus Halle zu Dynamo gekommen sind. Wie erleben Sie diese Fluktuation?

Das erste Gefühl ist immer, dass du dafür verantwortlich bist, egal, welche Arbeit der Trainer geleistet hat. Das ist kein schönes Gefühl. Aber es gehört zum Sport dazu. Vielleicht sind acht Trainer in sieben Jahren sogar der Durchschnitt, der Kollege in Heidenheim wird es etwas rausreißen (Frank Schmidt ist seit 2007 im Amt/d. A.).

Sie haben gesagt, die Mannschaft hat nicht gegen Cristian Fiel gespielt. Wie können Sie das einschätzen?

Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen, weil ich mit den Jungs spreche, weiß, wie sie agieren, wie sie ticken, was sie denken. Es ist einfach so, dass diese Spieler am liebsten mit ihm erfolgreich gewesen wären. Aber wenn du sehr überzeugt bist von dem, was du machst, und dann eine Phase kommt, in der du Woche für Woche Enttäuschungen erlebst, verlierst du irgendwann diese Überzeugung in das, was du machst. Dann kriegst du ein Problem, und das war unser Problem.

Ist das schon die Erklärung, was schiefgelaufen ist?

Wir waren von der Art und Weise, wie wir spielen wollen, sehr lange sehr überzeugt. Ich denke, es ist menschlich, wenn du Woche für Woche eine Enttäuschung erlebst, dich hinterfragst und der Trainer es schafft, wie es vielleicht kein anderer geschafft hätte, dich wieder heiß zu machen – und du kriegst es wieder nicht hin: Dann bist du irgendwann an einem Punkt, an dem du sagst: Mist! Dann musst du handeln, irgendwas muss anders werden.

Glauben Sie, unter Markus Kauczinski Kapitän zu bleiben?

Dazu soll er sich seine Meinung bilden. Ganz ehrlich: Es kann gerne jemand anders die Binde haben, Hauptsache, wir stehen im Sommer über dem Strich.

Wie kann man denn Kapitän sein, wenn man so oft verletzt ist?

Das ist schon schwierig. Trotzdem rede ich mit den Jungs. Wie war euer Empfinden auf dem Platz, was ist für euch schiefgelaufen, was habe ich von oben gesehen, wie läuft das Training, wie bereiten wir uns vor, wieso kriegen wir es nicht umgesetzt? Diese Themen besprechen wir intensiv. Und wenn wir das Gefühl haben, Dinge direkt in der Mannschaft ansprechen zu müssen – und das war vorige Woche der Fall – übernehme ich das auch. Aber ich weiß, dass ein Kapitän möglichst auf dem Platz vorangehen soll, weil die Stimme natürlich nicht stärker wird, wenn du nur noch redest und wenig beitragen kannst.

Wollte Fielo zu viel?

Ex-Trainer Cristian Fiel (r.) konnte in dieser Saison nur sechsmal auf Marco Hartmann setzen.
Ex-Trainer Cristian Fiel (r.) konnte in dieser Saison nur sechsmal auf Marco Hartmann setzen. ©  dpa/Robert Michael

Sie haben den Vergleich zum Abstiegsjahr 2013/2014. Ist die Situation vergleichbar?

Stimmt, ich habe den Vergleich, weil ich dabei war. Aber damals habe ich das nicht so bewusst wahrgenommen. Jetzt trage ich mehr Verantwortung, beschäftige mich permanent mit dem, was in der Mannschaft passiert. Damals hieß es hinterher, die Kommunikation in der Mannschaft habe nicht gepasst. Das ist diesmal besser, denke ich, aber: Unser Tabellenplatz lügt auch nicht. Was in meinen Augen am wenigsten funktioniert und wir am nötigsten brauchen: Wenn wir am Wochenende auf den Platz rausgehen, dass nicht jeder für sich Gas gibt, sondern wir es schaffen, eine Einheit zu bilden. Es kostet uns Energie, wenn wir es zu wenig schaffen, uns als Mannschaft zu unterstützen, immer wieder aufzubauen, miteinander zu reden. Du musst ein Gefühl entwickeln, auch wenn das plakativ klingt: Egal, auch wenn ich einen Fehler mache, der andere ist für mich da, unterstützt mich und leidet nicht mit mir mit.

Fehlen also Führung und Mentalität?

So etwas kann sich auch entwickeln: Da ist ein Konstrukt auf dem Platz, das funktioniert. Und das haben wir nicht hingekriegt, ob durch Verletzungen, Wechsel in der Aufstellung, weiß ich nicht.

Wollte Cristian Fiel vielleicht zu viel mit seiner anspruchsvollen Spielidee?

Es wurde kompliziert, als die Erfolge ausblieben. Zu Saisonbeginn hat man schon gesehen, dass das, was gefordert wurde, noch mit viel mehr Überzeugung umgesetzt worden ist. Selbst wenn es in Spielen wie gegen Nürnberg und Karlsruhe nicht erfolgreich war, aber die sahen ganz anders aus mit einem ähnlichen Matchplan als in den letzten Wochen. Wenn du unten drin bist, steigt der Druck, kommt die Angst dazu, Fehler zu machen. Dann ist es schwieriger, so zu spielen, als einfach.

Worin setzen Sie jetzt Ihre Hoffnung?

Wir müssen als Mannschaft die Hoffnung wieder schüren. Die Leute ringsum haben akzeptiert, dass es nur noch um den Klassenerhalt geht, auch wenn es nicht schön ist, sich das einzugestehen. Mehr ist nicht zu holen. Mit dieser Stimmung kann man etwas Positives bewirken. Es ist keine aussichtslose Situation, in dem Verein steckt so viel Energie, wenn die auf ein Ziel ausgerichtet ist. Wenn wir am Ende auf Platz 15 stehen, den Klassenerhalt am vorletzten Spieltag festmachen, haben wir von Dezember bis Mai etwas erreicht. Darauf habe ich Bock.

Das Gespräch führte Sven Geisler.