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Der neue Ermittlungsstand gegen die „Football Army“

27 Monate nach dem Marsch in Karlsruhe wird weiter gegen Dynamo-Fans ermittelt. Die Zahl der Beschuldigten steigt.

Armee-Look im Stadion: Die Dynamo-Fans wollten auffallen.
Armee-Look im Stadion: Die Dynamo-Fans wollten auffallen. © WORBSER-Sportfotografie

Es sind Bilder, die sich einprägen sollen. Das tun sie, manch einen schockiert das martialische Auftreten. Als sich am 14. Mai 2017 in Karlsruhe rund 1 500 Dynamo-Fans zur selbsternannten Football Army formieren und Richtung Wildpark-Stadion marschieren, tragen sie T-Shirts und Mützen im Militär-Look und Tarnfarbe im Gesicht. Bei der Kriegserklärung an den Deutschen Fußballbund fliegt Pyrotechnik, Böller krachen, Einlasskontrollen werden überrannt, ein Kiosk geplündert.

Die Polizei meldet später 20 verletzte Ordner und 21 verletzte Einsätzkräfte, die meisten erleiden ein Knalltrauma. Einige seien monatelang nicht oder nur eingeschränkt dienstfähig gewesen, erklärt Gerhard Heck, Leiter der siebenköpfigen Ermittlungsgruppe „Dynamo“, die gebildet wird, um die Vorfälle aufzuarbeiten.

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Die juristischen Nachwehen sind auch 27 Monate nach den Geschehnissen noch längst nicht abgeklungen. Wenn am Samstag Dynamo das erste Mal seit dem Fanmarsch wieder in Karlsruhe spielt, wird der harte Kern der Anhänger fehlen. Die Ultras boykottieren das Spiel, auch, weil sie weitere Polizeimaßnahmen fürchten.

Mehr als doppelt so viele Beschuldigte

Die sind ohnehin extrem aufwendig. In den frühen Morgenstunden des 5. Dezember 2017 werden bei einer Razzia in Dresden, Zwickau, Basel, Brandenburg und Baden-Württemberg 35 Wohn- und Geschäftsräume sowie das Fanprojekt durchsucht. Insgesamt 400 Einsätzkräfte beschlagnahmen Speichermedien wie Laptops, Computer, Smartphones sowie 300 Pyrotechnik-Artikel, eine Gummigeschosswaffe und einen Schlagring. Auch das Trabi-Cabriolet, dass beim Fanmarsch vornweg gefahren war, wird konfisziert.

Die Behörden ermitteln damals gegen 28 Beschuldigte, inzwischen ist die Zahl auf 58 gewachsen. Anfangs werden ihnen Landfriedensbruch sowie der Verstoß gegen das Versammlungsgesetz vorgeworfen. In einigen Fällen kam auch gefährliche Körperverletzung oder Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz hinzu. Das monatelange Auswerten der Medien hat offenbar neue Hinweise geliefert. 90 Verfahren gegen Unbekannt wurden eingestellt, weil die Identifizierung der Beschuldigten unmöglich ist – zumindest vorerst.

Anklage wurde noch keine einzige erhoben, demzufolge auch noch keine Verhandlung eröffnet. Auf einen Zeitraum oder gar Datum für den ersten Prozess will sich Mirko Heim, Sprecher der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, auf SZ-Nachfrage nicht festlegen. Er begründet die lange Dauer mit den umfangreichen Datenmengen. Zudem würden viele der Beschuldigten von Rechtsanwälten vertreten, denen Fristen zur Akteneinsicht und Stellungnahme eingeräumt werden müssen.

Dynamo-Anhänger im Karlsruher Gästeblock.
Dynamo-Anhänger im Karlsruher Gästeblock. © WORBSER-Sportfotografie

Es ist nicht nur die Dauer der Ermittlungen, sondern insgesamt der betriebene Aufwand, der die Frage aufwirft, ob der angesichts der zu erwartenden Strafen wirklich gerechtfertigt ist. Der damalige Sprecher der Karlsruher Staatsanwaltschaft, Tobias Wagner, hatte ihn im März 2018 als „absolut angemessen“ verteidigt.

Dynamo sieht das anders, akzeptiert zwar die Strafe des DFB-Sportgerichts – 75 000 Euro und zwei Auswärtsspiele unter Ausschluss der eigenen Fans auf Bewährung –, solidarisiert sich aber mit den Anhängern, gegen die ermittelt wird. „Mehrere der Betroffenen haben am Fanmarsch in Karlsruhe nicht teilgenommen, keinem wird die Beteiligung einer Straftat vorgeworfen“, sagte Geschäftsführer Michael Born damals. Es gelte der Grundsatz der Unschuldsvermutung.

Staatsanwalt Wagner erklärt, dass es zwei Verfahren gegen Beschuldigte gibt, „die am Tag selber nicht in Karlsruhe waren. Aber das ist kein Widerspruch, weil nicht über die Beteiligung am Demonstrationszug verhandelt wird, sondern über dessen Vorbereitung und Organisation“. Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung wiederum sind Straftaten.

Kein juristisches Ende in Sicht

Wenn es zu Prozessen kommen sollte, dann werden die wohl in Karlsruhe geführt. Verfahren an die Staatsanwaltschaft Dresden abzugeben, wie es die Kollegen in Magdeburg nach den Vorfällen am Rande des Aufstiegsspiels am 16. April 2016 getan hatten, lehnen die Karlsruher ab. „Dafür sind die Verfahren einfach zu umfangreich“, so Heim.

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Neben möglichen Anwalts- und Prozesskosten kämen noch Reisekosten dazu. Das nach den Hausdurchsungen gegründete Solidaritätskommando Dynamo möchte diese, wenn möglich, komplett übernehmen. Um Geld zu sammeln, werden seitdem Spieler-Trikots versteigert, Trödelmarkt und Tombolas veranstaltet, Kapitän Marco Hartmann bekennt sich in einem Interview zu den Aktionen.

Alle Beteiligten brauchen einen langen Atem, ein Ende der juristischen Aufarbeitung ist nicht in Sicht.

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